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15.11.01 , 13:38 Uhr
B 90/Grüne

Karl-Martin Hentschel: "Der Kampf gegen das Atomkraftwerk wurde zur Schule der Demokratie"

Fraktion im Landtag PRESSEDIENST Schleswig-Holstein Pressesprecherin Claudia Jacob Landeshaus Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel
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Nr. 312.01 / 15.11.2001

„Der Kampf gegen das Atomkraftwerk wurde zur Schule der Demokratie“
Redebeitrag des Vorsitzenden der Landtagsfraktion Karl-Martin Hentschel auf der Eröff- nungsveranstaltung der Ausstellung „Symbol Brokdorf – Geschichte eines Symbols“, die das Institut für schleswig-holsteinischen Zeit- und Regionalgeschichte an der Universität Flensburg im Auftrag der Fraktionen von Bündnis 90/Die Grünen im Schleswig- Holsteinischen Landtag und in der Hamburger Bürgerschaft erstellt hat:
Zunächst ein Dank an die AutorInnen: • Professor Uwe Danker vom Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalge- schichte an der Universität Flensburg, • Professor Nowottny, der die künstlerische Gestaltung begleitet hat, • besonders aber an die eigentlichen Autoren der Ausstellung: Michael Dahl, Eva Novottny, Marina Bock und Janina Roettger – StudentInnen der Uni- versität Flensburg.
Vielen Dank für Ihre Sicht der Ereignisse. Für uns, die wir daran selbst teilgenommen ha- ben, ist eine objektive Darstellung wahrscheinlich kaum möglich. Aber eine Szene meiner Erinnerung möchte ich Ihnen beispielhaft schildern:
Es geht um die Demonstration von 1981. Wir waren mit einer Gruppe von KollegInnen aus meinem Betrieb im Bus nach Wilster gefahren – die Hälfte davon vermutlich zum ersten Mal auf einer Demonstration. Von Wilster aus folgten wir den Tausenden von Menschen, die sich in kilometerlangen Demonstrationszügen aus allen Richtungen durch die zugefro- rene Marsch auf Brokdorf zu bewegten. Zwischendurch hatten wir erfahren, dass die De- monstration wenige Stunden vor Beginn verboten worden war. Jeder empfand das als em- pörend. Niemand drehte um. Den ganzen Tag über kreisten Hubschrauber über den Demonstrationszügen. Der Lärm war ohrenbetäubend. Hundertschaften in schwerer Lederausrüstung, mit Schilden, Schlag- stöcken und Helmen versperrten einzelnen Demonstrationszügen den Weg, stürmten auf sie zu, trieben die Demonstranten in die Flucht, so dass es zu gegenläufigen Bewegungen kam. Teilweise wurde diese Einsätze durch Helikopter unterstützt, die entlang der De- monstrationszüge Tränengasgranaten abwarfen, vor denen die DemonstrantInnen heulend davonrannten.
Dann landete eine Gruppe Transporthubschrauber auf beiden Seiten unseres Weges, die Polizei stürmte auf uns zu, ein Lautsprecherwagen in unserer Nähe rief dazu auf, sich um die Wagen zu sammeln. Die Polizei versuchte mit Schlagstockeinsatz sich zum Wagen durchzuschlagen. Einzelne Demonstranten in unserer Nähe wurden verletzt und bluteten, einige wurden verhaftet und mitgenommen und dann verschwanden die Polizisten wieder mit den Hubschraubern.
Der Rückmarsch begann. Wenn Polizeihubschrauber über uns flogen, bekamen manche Menschen Angst. Es dauerte Stunden, bis wir wieder alle heil bei unseren Bussen waren. Vier Jahre später wurde das Demonstrationsverbot für diese Demonstration vom Bundes- verfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt.
Am nächsten Tag erfuhren wir, dass an dieser verbotenen Demonstration etwa 100.000 Menschen teilgenommen hatten. Das war wohl damals mit die größte Demonstration in der Geschichte der erst 30 Jahre alten Bundesrepublik.
Für alle Teilnehmer dieser Demonstration war dieser Tag ein Erlebnis, dass sie wohl nie wieder vergessen werden. Der Staat verfolgt gewaltsam seine Bürger. Die Polizei wird missbraucht, um Menschen durch die Gräben der Wilster Marsch zu jagen. Die Interessen der Stromkonzerne werden gewaltsam gegen die Bevölkerung durchgesetzt. Der Staat führt Bürgerkrieg gegen seine Bürger. So wurde dieser Tag in die Erinnerung eingebrannt.
Es gab noch eine typische Erfahrung für die TeilnehmerInnen solcher Demonstrationen machten. Die erlebten nur sehr einseitig, dass die Polizei gewaltsam gegen Demonstranten vorging. Dagegen lasen sie dann in der Zeitung und sahen im Fernsehen die Berichte über Übergriffe von DemonstrantInnen, die es ja auch gab. Aber kaum jemand, der vor Ort war, empfand das so. Der Eindruck war: Die Berichterstattung ignoriert den friedlichen Protest von Zehntausenden. Die Presse ist manipuliert. Der Eindruck entstand: Friedlicher Protest wird nicht beachtet – nur wer Putz macht, wird wahrgenommen.
Liebe Gäste, die damalige Regierung hat der Demokratie in Schleswig-Holstein einen Bä- rendienst erwiesen. Hunderttausende wurden davon überzeugt, dass Polizisten Gewalt ge- gen Bürger ausüben und dass man nur gehört wird, wenn man zumindest Gewalt gegen Sachen anwendet.
Aber zugleich wurde der Kampf gegen das Atomkraftwerk auch eine Schule der Demokra- tie. Viele der Menschen, die damals sich empörten, sind später politisch aktiv geworden. Letztlich waren die Proteste gegen den Bau von Brokdorf erfolgreich. Sie führten dazu, dass überall in Deutschland eine Diskussion begann, in Gewerkschaften und Kirchen, in Schulen und Sportvereinen, in Verbänden und auch in den Parteien.
1978 wurde die GRÜNE Partei gegründet, aber auch in allen anderen Parteien mehrten sich die GegnerInnen und gewannen in der SPD sogar die Mehrheit. Schließlich führte der Widerstand dazu, dass nach Brokdorf kein Atomkraftwerk in Deutschland mehr gebaut wurde. Der Bau eines schnellen Brüters und der einer Wiederaufbereitungsanlage wurde gestoppt. Und im Sommer dieses Jahres wurde 15 Jahre nach der Inbetriebnahme des AKW Brokdorf der Atomkonsens unterzeichnet, der das Ende der Atomära besiegelt.
Und so hoffe ich, dass wir alle beim Betrachten der Ausstellung etwas über uns und unsere Demokratie lernen.
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