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Dr. Ulf v. Hielmcrone zu TOP 25: Haus der Geschichte
Sozialdemokratischer Informationsbrief Kiel, 24.01.02Landtag Es gilt das gesprochene Wort!aktuell Sperrfrist: RedebeginnDr. Ulf v. Hielmcrone zu TOP 25:Haus der GeschichteWir können uns ja nur freuen, aber wer hätte gedacht, dass Museen Schlagzeilen ma- chen und ganzseitige Anzeigen provozieren würden. Das zeigt: Kultur ist doch ein Thema - und das ist auch gut so. Der Idee eines neuen Museums – nämlich für Zeit- geschichte – mögen manche skeptisch gegenüber gestanden haben, die öffentliche Reaktion zeigt aber, dass offenbar hier doch eine Lücke empfunden wird, die bisher nicht geschlossen wurde.So ist denn auch das Interesse der beiden Städte Schleswig und Kiel zu verstehen, die sich durch ein solches Haus der Geschichte eine Steigerung ihrer Attraktivität verspre- chen. Beide werden von vielen Seiten unterstützt, etwa Schleswig sogar durch den Kreis Nordfriesland, der dann hoffentlich auch das Vorhaben kontinuierlich finanziell unterstützen wird. Wer fordert, muss schließlich auch ins Obligo gehen. Selbstver- ständlich werden solche Aspekte, also der der finanziellen Unterstützung, auch bei der Frage des Standortes eine Rolle spielen müssen, wenn wir ein solches Haus der Ge- schichte gründen werden. Soweit sind wir, das sei der guten Ordnung halber auch ge- sagt, aber noch nicht. Heute diskutieren wir zunächst nur den Bericht der Regierung, das weitere muss dann folgen.Alle Parteien des Hauses sind sich aber darüber einig, dass ein Haus der Geschichte für unser Land wichtig ist, und eigentlich muss es eher verwundern, wenn bis heute ein solches Haus fehlt. Denn wie wenige andere Gebiete in Europa spiegelt Schleswig- Schleswig- HolsteinHerausgeber: SPD-Landtagsfraktion Verantwortlich: Petra Bräutigam Landeshaus Postfach 7121, 24171 Kiel Tel: 0431/ 988-1305/1307 Fax: 0431/ 988-1308 E-Mail: pressestelle@spd.ltsh.de Internet: www.spd.ltsh.de SPD -2-Holstein europäische Geschichte geradezu archetypisch wider: Zerfall des dänischen Gesamtstaates, der das Ende Habsburgs und der Hohen Pforte vorwegnimmt, Auf- kommen des Nationalismus, Revolution von 1848, die immerhin erfolgreich war, Ein- greifen der Großmächte, die eine Revolution nicht dulden konnten, Annexion als preu- ßische Provinz, Vereinigung des deutschen Nationalstaates, Aufbau der Kaiserlichen Marine in Kiel, Kaiser-Wilhelm-Kanal, dann der erste Weltkrieg, der Matrosenaufstand in Kiel. 1920 Abstimmung und Teilung des Landes, Inflation, Arbeitslosigkeit, Machter- greifung und Terrorherrschaft der Nazis, II. Weltkrieg, KZs, Zerstörung und Niederlage, Flüchtlingselend, Wiederaufbau, das Neuentstehen eines Bundeslandes, Wiederbe- waffnung, Kalter Krieg, 68er Bewegungen, die Affären der 80er und frühen 90er Jahre.Vor allem aber: Das Verhältnis zu den Minderheiten nördlich und südlich der Grenze, der besondere Weg Schleswig-Holsteins der Beziehungen in den Ostseeraum hinein. Also alles in allem die Zerstörung alter europäischer Strukturen des 18. Jahrhunderts durch den Nationalstaat und die Errichtung ganz neuer Strukturen für das 21. Jahr- hundert in einem hoffentlich vereinten und befriedeten Europa, denn noch ist das nati- onalistische Denken nicht überwunden, wozu ein solches Haus der Geschichte aller- dings beitragen könnte.Der geschichtliche Weg Schleswig-Holsteins mag keine europäische Ausnahme sein, aber Schleswig-Holstein hat einen Vorteil gegenüber anderen Regionen: Wir haben diese Entwicklung in vieler Hinsicht, gerade was das Minderheitenproblem angeht, vor anderen gemacht und haben damit Erfahrungen gesammelt, die auch anderen zugute kommen können. Wir wissen, wie schwierig der Weg der Aussöhnung ist und wie brü- chig immer noch das Eis.Schon deswegen ist ein solches Museum von durchaus europäischem Interesse und Bedeutung, und so ist ein solches Museum nicht nur wünschenswert oder wichtig, es ist schon fast ein Verpflichtung, übrigens auch all denen gegenüber, die auch Opfer dieser Zeit waren, die von den Nazis umgebracht wurden, den Kriegsgefallenen, den Ausgebombten, den Flüchtlingen, die nicht die neue Heimat erreichten oder nicht mit -3-errichten konnten. Und es ist eine Verpflichtung der jungen Generation gegenüber, damit sie aus der Geschichte lernen kann und sich alte Fehler nicht wiederholen; an sie vor allem muss sich das Haus wenden, auch in der Art der Darstellung – interaktiv, Ausstellungsstücke zum Anfassen usw.Wenn wir denn einig sind, dass wir ein solches Museum haben wollen, sind Fragen zu klären, vor allen anderen natürlich die, wie die Finanzen zu erbringen sein werden. Außerdem, welche Schwerpunkte soll das Museum setzen, wie soll es mit anderen Museen vernetzt werden, etwa den KZ-Gedenkstätten, die ja bereits eine Erinne- rungsarbeit leisten, und vor allem auch, wo es stehen soll. Soll es an andere Museen angeschlossen werden oder selbständig sein. Diese Fragen sind nicht heute zu be- antworten, dazu bedarf es sorgfältiger Beratungen. Einige Parameter sind aber bereits im Bericht der Landesregierung festgelegt, der Ihnen vorliegt und für den wir danken, denn er ist eine wichtige Handreiche.Generell wünsche ich mir persönlich eine enge Zusammenarbeit des neuen Hauses der Geschichte mit den Wissenschaftlern, die auf diesem Gebiet arbeiten und den be- stehenden Häusern, die sich Erinnerung an die vergangene Zeit zur Aufgabe gemacht haben und die wir nicht durch ein neues großes Haus ersetzen wollen. Gerade sie hal- ten das Gedächtnis in der Region wach, und zwar besser als es ein großes Haus in einem der Zentren könnte. Ich nenne beispielhaft Ladelund oder das Industrie- Museum in Elmshorn, das Haus Peters in Tetenbüll. Sie stehen auf einer breiten per- sonellen und ehrenamtlichen Basis. Ihnen dürfen wir nicht schaden, im Gegenteil, es muss ein Organisationsmodell gefunden werden, das ihnen in ihrer Arbeit hilft, wie sie dem neuen Haus der Geschichte zuarbeiten sollten.Das neue Haus muss unabhängig sein. Und damit erhebt sich auch die Frage nach der Organisation. Sie sollte weitgehend gelöst vom Staat sein, denn es wird sich nicht vermeiden lassen, dass auch aktuelle Vorgänge oder Handeln noch lebender Perso- nen betroffen sind. Hier bedarf es hoher Kompetenz der Museumsmacher, aber eben auch einer kritischen Distanz zu staatlicher Einflussnahme. Ein Modell könnte das ei- -4-ner Stiftung sein, in der auch Sponsoren und kommunale Geldgeber vereint werden können.Eine ganz wichtige Frage ist schließlich die nach dem Standort. Wichtig erscheinen mir folgende Kriterien: • Unterstützung durch die Gebietskörperschaften und die Bürgerinnen und Bürger der Region • Erreichbarkeit • Integration bestehender Strukturen, die die dargestellte Geschichte illustrieren können oder deren Schauplätze waren • Genügend Platz auch für größere Exponate • Schließlich: wo können wir die meisten Besucher ansprechen?Derzeit sind offenbar zwei Standorte im Rennen: Schleswig und Kiel. Für beide Stand- orte spricht viel, und damit ist es eine sehr schwierige und wohl abzuwägende Ent- scheidung, die für uns noch nicht gefallen ist. Ich freue mich auf eine intensive Beratung im Ausschuss, in dem es dann auch um den Standort gehen wird. Das Rennen ist eröffnet und im Ausgang offen.