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Europabericht 2001: Die Richtung des EU-Zuges ist weiterhin unklar!
PRESSEINFORMATION Kiel, den 21.2.2002 Es gilt das gesprochene WortTOP 21,22,39 Europabericht 2001 (Drs. 15/1517;15/1575;15/1578)Anke Spoorendonk „Die Richtung des EU-Zuges ist weiterhin unklar!“Auch der SSW bedankt sich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Landesregierung fürdiesen sehr ausführlichen Bericht über die Schwerpunkte der europäischen Entwicklung aus SichtSchleswig-Holsteins und über die wichtigsten Aspekte der Europapolitik im Jahre 2001. Angesichtsder vielfältigen Themen – dazu gehört ja auch die Ostseekooperation - ist es vernünftig, wie im Eu-ropaausschuss mit der Landesregierung abgesprochen, den heute vorliegenden Europabericht allezwei Jahre im Wechsel mit dem Ostseebericht im Landtag zu diskutieren.„Schlecht gelaufen“ ist aus meiner Sicht allerdings, dass wir die Große Anfrage der CDU zumThema „Europa und Schleswig-Holstein“ schon in der letzten Landtagssitzung debattiert haben,denn natürlich gibt es eine Fülle von Überschneidungen. Auch wenn die Wiederholung ein aner-kanntes pädagogisches Prinzip ist, wirkt es wenig sinnvoll, dass sich der Landtag in zwei aufeinan-der folgenden Sitzungen mit der gleichen Thematik befasst.Auf die Rolle Schleswig-Holsteins in der Ostseepolitik und die begrenzten Möglichkeiten, die einBundesland in der Europapolitik hat, ging ich bereits in der Debatte zur Großen Anfrage der CDUein. Anderseits belegt der Europabericht eindrucksvoll, dass es keinen bereich der Landespolitik 2gibt, „der nicht direkt oder indirekt von europäischer Rechtsetzung, Finanzierung oder anderen Be-zügen betroffen ist“. Dies wird auch deutlich, wenn man sich die europapolitische Entwicklung imJahre 2001 ansieht. Als Stichwort sei hier nur die Regelung der Daseinsvorsorge genannt, wobei dieLänder zu Recht darauf drängen, dass eine schnelle Klärung der Notifizierungspflichten erfolgenmuss. Auch die Beihilferegelungen im Schiffbau stellen für Schleswig-Holstein und die andrennorddeutschen Küstenländer ein Problem dar. Es wirkt schon eigenartig, wie mit diesem Punkt bis-her auf EU-Ebene umgegangen worden ist. Dennoch gilt aus unserer Sicht weiterhin, dass alle „Po-litik-Ebenen“ in dieser Frage Hausarbeiten zu leisten haben: die EU, der Bund und die Länder –auch Schleswig-Holstein.Auch die Herausforderungen, vor denen die Europäische Union angesichts der Osterweiterungsteht, müssen vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass die EU in fast allen Bereichen derVolkswirtschaft die Politik der EU-Länder mit bestimmt und mit beeinflusst.Ich sagte es bereits in der Debatte im Januar: Wir stehen vor historischen Weichenstellungen, denndie Verhandlungen mit den möglichen EU-Beitrittsländern treten in diesem Jahr in die entscheiden-de Phase. Mit dem Beitritt von bis zu 12 neuen Ländern steht die Europäische Union vor ihrer bis-her größten Herausforderung. Die entscheidende Frage ist dabei: Wie soll die demokratische Legi-timität einer Union mit 25 oder mehr Mitgliedern gesichert werden, ohne dass die institutionelleHandlungsfähigkeit – die ja bereits heute äußerst problematisch ist – weiter verschlechtert wird?Um diese Frage zu klären, hat der Rat von Laeken im Dezember letzten Jahres einen sogenanntenEU-Konvent eingesetzt – bestehend hauptsächlich aus Vertretern der nationalen Parlamente und derRegierungen. Und bekanntlich soll der Konvent bis zum Frühjahr nächsten Jahres Vorschläge für 2 3eine institutionelle Reform der EU erarbeiten. Auf der Grundlage dieser Vorschläge soll dann eineRegierungskonferenz die notwendigen Reformen im Jahre 2004 beschließen.Der SSW begrüßt, dass in dem Konvent die ratifizierenden Parlamente miteinbezogen sind, dennaus unserer Sicht besitzen einzig diese Parlamente – und nicht beispielsweise das Europaparlament,die EU-Kommission oder der Ministerrat – die „wahre“ demokratische Legitimität in dieser wichti-gen Frage.Die Teilnehmer des Konventes sind nicht zu beneiden. In der Tat gibt es in Europa viele unter-schiedliche Meinungen darüber, wie eine zukünftige Europäische Union unter Einbeziehung derneuen Mitglieder aussehen soll. Bundesaußenminister Fischer hat die Problematik in einem Zei-tungsinterview auf den Punkt gebracht: „Die nationalen Politiker haften gegenüber ihren Wählern,aber Brüssel fällt Entscheidungen, auf die nationale Politiker nur noch begrenzt Einfluss haben.“Dazu darf nicht übersehen werden - wie es ja die Landesregierung auch im Europabericht sehr rich-tig sagt – dass die Entscheidungen der EU für viele Bürgerinnen und Bürger nicht mehr transparentund auch kaum noch nachvollziehbar sind.Wie organisieren wir also die zukünftige EU? - Brauchen wir beispielsweise noch ein EuropäischesParlament, das eigentlich nichts entscheiden darf? Soll ein Ausschuss der Regionen als zweiteKammer institutionalisiert werden? Oder soll es eine zweite Kammer mit Vertretern der nationalenKammern geben? - Oder sind alle diese institutionellen Reformen angesichts der heutigen Realitätnicht eher kontraproduktiv? Mit anderen Worten: Sollte man sich nicht lieber auf eine klare Auftei-lung der Aufgaben zwischen der EU, den Ländern und den Regionen konzentrieren und gleichzeitigdie enorme Bürokratie in Brüssel abbauen - so wie es beispielsweise Ministerpräsident Clemens ge-fordert hat? Klar ist nur: Eine Reform der EU wird alle Organe der Gemeinschaft betreffen müssen. 3 4Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, wie man einerseits von einer Europäischen Union mit Re-gierung und Parlament und einem europäischen Präsidenten träumen kann, wie es einige deutschePolitiker gerne tun, und andererseits - fast im gleichen Atemzug - eine Stärkung des Föderalismusin der Bundesrepublik fordert. Auch der Schleswig-Holsteinische Landtag hat sich gemeinschaft-lich für eine Stärkung der Bundesländer ausgesprochen.Die Position des SSW ist klar: Wir wollen ein Europa der Nationen, in dem die Regionen einewichtige Rolle spielen. Wir wollen keinen europäischen Superstaat. Das heißt konkret: Die notwen-digen Reformen in der EU sollten dazu genutzt werden, den Föderalismus in Deutschland zu stär-ken und gleichzeitig - von der EU über die Bundesrepublik bis hin zu den Bundesländern – dieKompetenzen klar zu definieren. Nur so schaffen wir mehr Transparenz und auch mehr Demokratiefür die Menschen in Europa. Bisher jedoch ist die Richtung des EU-Zuges weiterhin unklar.Zum Schluss noch ein Wort zu den vorliegenden Anträgen: Wir hätten uns gewünscht, dass zumin-dest der Antrag von SPD und Bündnis90/ Die Grünen, der ja schon auf die Ergebnisse im Europa-bericht eingeht, erst gestellt worden wäre, wenn wir diesen Bericht in Europaausschuss beraten ha-ben. Nun gehe ich davon aus, dass der Antrag zusammen mit dem Bericht in den Europa-Ausschussüberwiesen wird, dann können wir ja sehen, ob es uns gelingt, daraus einen gemeinsamen Antrag zuformulieren. 4