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18.03.02 , 13:54 Uhr
B 90/Grüne

Karl-Martin Hentschel und Angelika Birk zum Gesamtschulbericht

Fraktion im Landtag PRESSEDIENST Schleswig-Holstein Pressesprecherin Claudia Jacob Landeshaus www.gruener-parteitag.de Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel
Virtueller Parteitag: 16. - 27. März 2002 Durchwahl: 0431/988-1503 Zentrale: 0431/988-1500 Telefax: 0431/988-1501 Mobil: 0172/541 83 53 E-Mail: presse@gruene.ltsh.de Internet: www.gruene-landtag-sh.de

Nr. 070.02 / 18.03.2002


Zum Gesamtschulbericht der Landesregierung
Zum Bericht der Landesregierung zu den Gesamtschulen in Schleswig-Holstein, der auf Antrag der Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen erstellt wurde, erklären der Fraktionsvorsitzende und die bildungspolitische Sprecherin, Karl-Martin Hentschel und Angelika Birk:

Die Verteilung der Gesamtschulen
Gesamtschulen gibt es fast ausschließlich im Umfeld der kreisfreien Städte und von Hamburg. Es gibt 23 Gesamtschulen (einschließlich der in Ratekau – Ostholstein), im kommenden Jahr wird in Reinfeld (Stormarn) die 24. Gesamtschule gegründet. An vier weiteren Standorten gibt es entweder kommunale Beschlüsse oder Bedarfserhebungen.
Vorraussetzungen für die Gründung einer Gesamtschule sind:
• der hinreichend durch Unterschriften dokumentierte Elternwille, • wie bei anderen Schulgründungen die Beantragung der Schule durch einen Schulträ- ger (Kreis oder Kommune oder beides) beim Land, • sowie die zur Bereitstellung von finanziellen Mitteln seitens des Schulträgers und des Landes.
Eine fast flächendeckende Versorgung gibt es in den kreisfreien Städten Kiel, Lübeck, Neumünster und Flensburg und im Kreis Stormarn (mit allein sechs Gesamtschulen).
Kein Angebot gibt es in Nordfriesland, Dithmarschen, Steinburg und Schleswig- Flensburg. Eine teilweise Versorgung besteht in den Kreisen Rendsburg-Eckernförde (Kieler Rand und Eckernförde), Segeberg (Norderstedt, Trappenkamp und Neumünster-Rand), Plön (Kieler Rand), Ostholstein (Lübecker Rand), Pinneberg (Pinneberg und Wedel + KGS Elmshorn), Ratzeburg (nur Geesthacht).
Insgesamt liegen etwa zwei Drittel der Bevölkerung im Einzugsbereich, etwa ein Drittel wird nicht versorgt. An den vorhandenen Gesamtschulen gibt es 40 Prozent mehr An- meldungen als angenommen werden können. In diesem Jahr liegen die Zahlen sogar noch höher. Zur Zeit gehen acht Prozent der Kinder auf eine Gesamtschule.
Das bedeutet hochgerechnet aufs ganze Land, dass etwa 15 Prozent der Eltern ihre Kin- der auf die Gesamtschule schicken würden, wenn es in ihrer Nähe ausreichend Plätze gäbe.

Gesamtschulen erhöhen die Chancengerechtigkeit
43 Prozent der Grundschulgutachten sind falsch, denn 30 Prozent der Kinder erreichen einen höheren Abschluss und 13 Prozent einen geringeren Abschluss als vorausgesagt.
Von den AbiturientInnen der Gesamtschulen haben 48 Prozent eine Realschulempfeh- lung, 47 Prozent eine Gymnasialempfehlung und fünf Prozent eine Hauptschulempfeh- lung.
Leider gibt es keine Vergleichszahlen aus dem gegliederten System. Allerdings machen auch ein Drittel der Schulanfänger an Gymnasien kein Abitur während ein Drittel der Re- alschülerInnen Abitur macht, was darauf schließen lässt, dass auch hier die Grundschul- prognosen eine erhebliche Fehlerquote beinhalten.
Interessant sind auch folgende Zahlen aus der PISA-Studie – aber leider noch nicht regi- onalisiert für Schleswig-Holstein:
• Die Chance von Akademikerkindern auf ein Gymnasium zu kommen, ist bei gleicher „kognitiver Fähigkeit“ 3,4-mal so groß wie bei Arbeiterkindern (insgesamt sogar 4,3 mal so hoch). Entscheidende Scharnierfunktion dafür haben die Zurückstellung bei der Einschulung und die Wahl der weiterführenden Schule. • Gleich „kluge“ Kinder sind im Gymnasium mit 15 Jahren erheblich weiter (49 Punkte mehr Lesekompetenz) als wenn sie auf die Hauptschule gegangen wären. • Die Wahl der Gesamtschule erfolgt überwiegend durch die unteren sozialen Schich- ten.
Daraus kann man schließen, dass für einen Teil der GesamtschülerInnen die Gesamt- schule vermutlich mehr Chancen für einen Abschluss gebracht hat, und dass fast die Hälfte der GesamtschülerInnen durch diese Schulwahl einen potenziellen Schulwechsel vermieden hat.
Die Gesamtschule ist also vor allem eine Aufsteigerschule und trägt dadurch zu mehr Chancengerechtigkeit bei. Sie führt aber dadurch auch zu einer besseren Nutzung der Fähigkeiten der Jugendlichen.
Es ist zu befürchten, dass bei einer Einführung von verbindlichen Grundschulgutachten, wie sie von der CDU gefordert werden, es zu einem weiteren Ansturm auf die Gesamt- schulen kommen wird. Die Leistungen der Abiturienten auf Gesamtschulen sind vergleichbar
Die Vergleichbarkeit der Abschlüsse war immer umstritten. Der Bericht stellt fest, dass sich das Spektrum der Leistungsanforderungen in der Oberstufe nachweislich in der glei- chen Bandbreite wie bei Gymnasien bewegt.
Eine besondere Rolle spielen Gesamtschulen mittlerweile für den Übergang von der Re- alschule auf den gymnasialen Zweig für SchülerInnen, die den Notendurchschnitt von 2,5 erreichen, aber keine zweite Fremdsprache gehabt haben, da die Gesamtschulen meis- tens Kurse mit zweiter Fremdsprache ab der 11. Klasse anbieten.
Von den 19 Gesamtschulen mit Oberstufe haben zwölf gemeinsame Leistungskurse mit Gymnasien in der Umgebung. Auch dies ist interessant wegen der Vergleichbarkeit der Niveaus. Solche Leistungskurse finden in folgenden Fächern statt (Reihenfolge ent- spricht der Häufigkeit): Kunst, Französisch, Sport, Chemie, Mathematik, Musik, Erdkun- de, Deutsch, Englisch, Physik, Biologie. An der Spitze stehen also selten gewählte Fä- cher, in denen sonst keine Kurse zustande kämen.

Gesamtschulen haben ein besondere pädagogisches Angebot
17 der 23 Gesamtschulen sind Ganztagsschulen mit Mittagsverpflegung. Diese Schulen erhalten fünf Lehrkräftestunden pro Klasse zusätzlich. Die Mehrzahl der Schulen verfügt außerdem über eine oder mehrere SozialpädagogInnen und Geldmittel für betreute Akti- vitäten.
Gesamtschulen haben darüber hinaus den Ruf, dass in ihnen durch flexible pädagogi- sche Konzepte das soziale Zusammenwachsen und die Entwicklung sozialer Kompeten- zen eine besondere Rolle spielen.
Allerdings haben Gesamtschulen auch ein Schülerspektrum, dass nicht typisch für ande- re Schulen ist. Deshalb werden Gesamtschulen von den Eltern überproportional für sol- che Kinder ausgewählt, bei denen sie eher Probleme erwarten.
Der Bericht stellt außerdem dar, dass die schleswig-holsteinischen Gesamtschulen sich sehr aktiv an pädagogischen Schulversuchen und anderen Modellversuchen beteiligen.

Die Folgen des Wiederholens von Klassen und des Schulwechsels
Eine wenig beachtete Besonderheit der Gesamtschulen besteht darin, dass durch das Kurssystem das Wiederholen von Klassen weitestgehend vermieden wird. Ebenso brau- chen Schüler aus Leistungsgründen nicht die Schule zu wechseln.
Auch dies ist im Zusammenhang der PISA-Studie zu sehen, die feststellt, dass das Wie- derholen von Klassen in der Regel nicht zu besseren, sondern zu schlechteren Leistun- gen führt. 36 Prozent aller Jugendlichen haben bis zum 15. Lebensjahr bereits ein Jahr verloren. „Wenn es gelingen könnte, die im internationalen Vergleich auffällig hohen zeit- lichen Verzögerungen (Zurückstellung, Sitzen bleiben) im Durchlauf durch die Primar- und Sekundarstufe zu minimieren, so hätte dies deutlich leistungssteigernden Effekt.“ Das Wiederholen von Klassen hat aber auch Kostengesichtspunkte. Immerhin fallen al- lein dadurch zirka drei Prozent mehr Kosten an. Hochgerechnet auf Schleswig-Holstein sind das immerhin 800 Lehrerstellen, die andernfalls frei würden und für Förderunterricht eingesetzt werden könnten.
Unter den Folgen des Querversetzens leidet in besonderer Weise die Hauptschule. Sie hat in den Klassen fünf bis neun einen Zugang von 50 Prozent der SchülerInnen zu in- tegrieren, die zudem durch den Schulwechsel in besonderer Weise demotiviert sind. Da- zu kommt die Feststellung der PISA-Studie, dass die schwachen Schüler besonders dar- unter leiden, wenn es keine besseren Schüler in der Klasse mehr gibt, während umge- kehrt die besseren Schüler sogar von ihrer Rolle in gemischten Klassen profitieren kön- nen.

Konsequenzen:
Bündnis 90/Die Grünen Schleswig-Holstein haben auf dem letzten Parteitag aufgrund der Ergebnisse von PISA auch die schrittweise Überwindung des mehrgliedrigen Schulsys- tems gefordert.
Die Gesamtschule ist nicht die Überwindung des dreigliedrigen Schulsystems, sondern sie ist neben der Haupt-, Realschule, Gymnasium, Förderschule und unterschiedlichen freien Schulen ein weiteres Angebot innerhalb des gegliederten Schulsystems. Sie ist selbst auch in ihrer Unterrichtsform durch das gegliederte System geprägt und reprodu- ziert die Gliederung auch intern durch das Kurssystem.
Erfahrungen mit dem Unterricht von Kindern mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten, so- wie anderen Unterrichtsformen, Auflösung der Stundentafel usw. wie sie aus der Mehr- zahl von Ländern vorliegen, in denen es kein gegliedertes Schulsystem gibt, spielen auch in den Gesamtschulen nur eine beschränkte Rolle.
Trotzdem lassen sich aus dem Bericht in Zusammenhang mit den ersten PISA- Ergebnissen bereits heute einige Schlussfolgerungen ziehen:
• Die Gesamtschulen bilden für viele Kinder ein attraktives Schulangebot. Deshalb muss geprüft werden, ob und wie es sichergestellt werden kann, dass dieses Angebot für alle Kinder, deren Eltern es wünschen, besteht. • Die Gesamtschulen liefern eine Menge Erfahrungen, die bei der Weiterentwicklung des Schulsystems geprüft und genutzt werden sollten. • Der Bericht macht deutlich, dass die Forderung nach verbindlichen Grundschulgut- achten große Probleme aufwirft, die berücksichtigt werden müssen. Ansonsten ist zu befürchten, dass die soziale Auslese noch verstärkt wird. • Die Regeln für die Zurückstellung von Kindern, für Wiederholen von Klassen und für den Wechsel in eine andere Schulart sollten mit dem Ziel überarbeitet werden, dass diese Maßnahmen nur noch in besonders begründeten Ausnahmefällen erfolgen sol- len. In diesen Fällen muss es dann auch eine angemessene Betreuung geben.
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