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20.03.02 , 12:39 Uhr
SSW

Kinder- und Jugendkriminalität: Mitbestimmung statt Moralpredigten

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Kiel, d. 20.03.2002 Silke Hinrichsen Es gilt das gesprochene Wort
„Echte Mitbestimmung im Alltag bewirkt mehr zur Vermeidung von Jugendkriminalität als konservative Moralpredigten.“
TOP 28 Kinder- und Jugendkriminalität (Drs. 15/1713)
Die Jugend ist ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen, heißt es immer, und so
schauen viele gebannt auf die kleinste Bewegung. Seit Jahren wird viel über Gewalt und Rohheit
bei jungen Menschen gesprochen. Auch wenn die Entwicklung kaum so dramatisch ist, wie sie
mancher gern darstellen möchte: Die diskutierten Tendenzen machen Sorgen, wo unsere Gesell-
schaft sich hin entwickelt. Je nach Standpunkt wird befürchtet, dass es mit der Solidarität, der
inneren Sicherheit oder der Kultur des Abendlandes bergab geht.

Für die CDU liegt es offensichtlich nahe, die Erklärung in der moralischen Verwahrlosung der
jungen Menschen zu suchen: Sie sind asozial geworden und bekommen vom verantwortungslosen
Elternhaus keine Werte mehr mitgeliefert, sondern Prügel, falsche Männlichkeitsvorstellungen
und Defizite. Der Staat trägt seines dazu bei, in dem er nicht konsequent und zu weich reagiert.
Ebenso wie diese Diagnose nichts Neues ist, birgt der CDU-Antrag auch nichts wirklich Neues
zum Umgang mit Problemen. Die Unionskollegen treten an, mit der Mission, Werte und Härte als
Bollwerk gegen Jugenddelinquenz einzusetzen. Werteerziehung, Einschränkung des Jugendstraf-
rechts und geschlossene Heime sind immer noch die alten Zutaten, die sich auch durch eine sehr
dezente Prise Ausländerintegration nicht schmackhaft machen lassen.

Besonders viel Raum erhält bei der CDU die Werteerziehung. Es geht aber in der Prävention von
Kriminalität und Gewalt nicht darum bürgerliche Werte zu vermitteln, sondern um grundlegende
Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de Regeln des demokratischen menschlichen Zusammenlebens. Diese erfahren Kinder und Jugend-
liche am besten, in dem sie in ihrem Alltag für voll genommen werden und echte Handlungs-
möglichkeiten bekommen. In diesem Sinne ist die Partizipation von Kindern und Jugendlichen
von ungleich größerem Wert für die Sozialisation als der Unterricht in „Rechts- und Wertekunde“.
Echte Mitbestimmung im Alltag bewirkt mehr zur Vermeidung von Jugendkriminalität als staats-
tragende konservative Moralpredigten. Die CDU will zudem, dass die Lehrkräfte weitere „Ord-
nungsmittel“ einsetzen können. Mit einer solchen Werteerziehung mag man die CDU-Wähler-
innen und -Wähler erreichen; die betreffenden jungen Menschen werden sich davon aber kaum
angesprochen fühlen.

Und auch für andere Felder der Kriminalitätsprävention gilt, dass dieses nicht unbedingt jene
Themen sind, bei der die CDU bisher durch Taten aufgefallen ist: Der Abbau sozialer Ungleich-
heit, Chancengleichheit in Schule und Ausbildung, die Problematisierung der Gewalt in Familien
und Medien, die Ausnahme der Jugendhilfe von Einsparungen, eine wirklich auf Akzeptanz des
Fremden beruhende Integration von Migranten und deren Familien. Dies sind die Felder auf
denen der Kinder- und Jugendkriminalität wirksam vorgebeugt wird.

Wie kreativ die Union die Probleme wirklich anpackt, lässt sich aber am besten daran ablesen,
wie sie mit bereits kriminell gewordenen Kindern und Jugendlichen umgehen will. Wenn das
Kind schon in den Brunnen gefallen ist, bleibt nicht viel mehr als die hilflose Forderung nach
mehr Härte. Und die, das wissen wir, kann genau das Gegenteil bewirken. Selbst die meisten
mehrfachauffälligen Kinder fallen nur episodenhaft auf und wachsen aus der Kriminalität wieder
heraus, wenn sie nicht vorschnell in die falsche Schublade gesteckt werden. Wer hier nicht mit
viel Geduld herangeht – so schwer das manchmal auch fallen mag – fördert am Ende selbst die
kriminellen Karrieren, die man doch verhindern wollte. Zu einer verantwortungsvollen Strafjustiz
tragen Forderungen wie die Relativierung des Erziehungsziels im Jugendstrafrecht oder die
Einführung eines Einstiegsarrests nicht unbedingt bei.

Auch wenn die CDU-Politik neu verpackt worden ist, verfährt sie im Kern immer noch frei nach
dem Motto: Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt. Das ist nicht die Lösung.
Internet: http://www.ssw-sh.de; e-mail:info@ssw-sh.de

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