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15.08.02 , 13:23 Uhr
B 90/Grüne

Karl-Martin Hentschel und Angelika Birk: Schlussfolgerungen für das Schulsystem aus der Finnland-Reise

Fraktion im Landtag PRESSEDIENST Schleswig-Holstein Pressesprecherin Claudia Jacob Landeshaus Düsternbrooker Weg 70 Angelika Birk 24105 Kiel
Bildungspolitische Sprecherin Durchwahl: 0431/988-1503 Zentrale: 0431/988-1500 Telefax: 0431/988-1501 Karl-Martin Hentschel Mobil: 0172/541 83 53 Fraktionsvorsitzender E-Mail: presse@gruene.ltsh.de Internet: www.gruene-landtag-sh.de

Nr. 192.02 / 15.08.2002
Schlussfolgerungen für das Schulsystem aus der Finnland-Reise
Die Debatte um die Reform unseres Bildungssystem hat erst begonnen. Mit den Be- schlüssen im Landtag im Juni haben wir erste Sofortmaßnahmen beschlossen – insbe- sondere die Stärkung der Grundschulen, der Bildungsauftrag für den Kindergarten und die Förderung von Migrantenkindern. Jetzt geht es darum, die Diskussion über die grundsätzliche Reform des Bildungssystems zu führen.
Im Mai besuchte die Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Finnland. Ein Schwerpunkt war die Information über das finnische Schulsystem. Eine Zusammenfassung dieser In- formation ist als Anlage beigefügt.


Schwerpunkte des finnischen Systems, die für die Reform unseres Schulsystems von Bedeutung sind:
Die folgenden Punkte sind kein fertiges Konzept für eine Reform unseres Bildungssys- tems. Wir benennen hier zunächst einmal Punkte, die für eine Reform eine Rolle spielen sollten und ziehen erste Konsequenzen, die zügig angepackt werden können.
1. Die finnische Schule hat einen hohen Erziehungsanspruch. Schlechtes Benehmen wird nicht geduldet. Sowohl die auszubildenden LehrerInnen an der Uni als auch die SchülerInnen in der Schule werden stark beobachtet und wahrgenommen und mit Nachdruck geführt und gefordert. Die LehrerInnen sind in der Gesellschaft angesehen und haben die Unterstützung und den Respekt der Eltern. Das deutsche Schulwesen leidet dagegen unter Ressentiments und Abneigungen zwischen LehrerInnen, Eltern, SchülerInnen, Schulleitung und Öffentlichkeit. Der ständige Kampf um Versetzung, Querversetzung, Noten und die Haltung vieler Leh- rer, spielen hier scheinbar eine Rolle. Um eine förderliche Atmosphäre herzustellen, muss sich weit mehr ändern als das System oder die autonome Finanzierung. Die Veränderung des Lehrerbildes wird längere Zeit in Anspruch nehmen.

Womit wir beginnen wollen: Die Schulleitung sollte gestärkt und mehr auf Zusammenarbeit hin ausgerichtet wer- den. Dafür ist die Autonomie eine wichtige Vorraussetzung. Psychologische Betreu- ung an den Grundschulen muss mit dem Ziel arbeiten, eine vertrauensvolle und ko- operative Zusammenarbeit zwischen Eltern und LehrerInnen und innerhalb des Leh- rerkollegiums sicherzustellen.

2. Alle Kinder vom Sonderschüler bis zum Hochbegabten werden in Finnland bis zum 16. Lebensjahr zusammen unterrichtet. Es gibt praktisch kein Sitzenbleiben und keine Querversetzung. Deswegen ist das Schulsystem auf leistungsheterogene Gruppen ausgerichtet. Die Grundeinstellung ist: Die LehrerIn muss das Kind verste- hen, nicht umgekehrt - nicht Aussonderung, sondern Förderung jeder SchülerIn auf ihrem Niveau.

Womit wir beginnen wollen: Eine zentrale Aussage der PISA-Studie lautet: Heterogenität bringt mehr Leistung. Starke und schwache Schüler können sich gegenseitig motivieren. Unsere Zielvorstel- lung ist eine Vielzahl von unterschiedlich profilierten Schulen anstelle des starren dreigliedrigen Schulsystems. Erste Schritte dahin können die 6-jährige Grundschule und die Abschaffung des Sitzenbleibens sein.

3. In Finnland werden die Ressourcen anders verteilt. Es wird mehr Geld für die Grundschulen und erheblich weniger Geld für die Gymnasien ausgegeben. Die Kin- dertagesstätten haben bereits einen Bildungsauftrag, so dass die Kinder Grundfertig- keiten vor der Schule lernen. Für Kinder, die nicht die finnische oder schwedische Muttersprache können, gibt es Sprachförderung in Finnisch und zwei Stunden Unter- richt in ihrer Muttersprache (ab vier Kindern). An den 6-jährigen Grundschulen stehen den LehrerInnen zusätzlich AssistentInnen zur Verfügung, die die LehrerInnen bei der Gruppenarbeit und bei Fördermaßnahmen unterstützen. SozialpädagogInnen helfen ihnen bei Problemen und bei der Elternarbeit.
Womit wir beginnen wollen: Die Grundschulen müssen finanziell gestärkt werden. Die Vorschulklasse für Migran- ten- und Aussiedlerkinder ist unbedingt notwendig. In Finnland reicht fast immer ein Jahr, um die Kinder auf den Stand zu bringen, obwohl Finnisch sicherlich nicht ein- fach ist. 4. Zirka 50 bis 60 Prozent eines Jahrgangs gehen in Finnland anschließend an die Gesamtschule auf ein Gymnasium. Dazu müssen sie eine Aufnahmeprüfung beste- hen. Das Gymnasium ist eine eigenständige Schule mit reinem Kurssystem. Sie dau- ert zwei bis vier Jahre, je nach Anzahl der belegten Kurse, und endet mit einem Zent- ralabitur. Kurse können wiederholt werden. Die Kursgröße beträgt bis zu 40 Schüle- rInnen.
Womit wir beginnen wollen: Hierzu haben wir noch keine Beschlüsse gefasst, aber wir werden die Diskussion ü- ber die Einrichtung von Oberstufenzentren und zentrale Prüfungen auf dem nächsten Parteitag führen.
5. Die Schulen in Finnland sind kommunal und haben eine große Selbständigkeit. Die Organisation, die Verwaltungsstrukturen, die Elternmitarbeit und teilweise sogar die Lehrpläne werden von den Kommunen bzw. von den Schulen festgelegt. Die Schulen bekommen Mittel pro SchülerIn von den Kommunen, mit denen sie den ge- samten Schulbetrieb eigenverantwortlich finanzieren. Vertretungsstunden werden von Eltern, StudentInnen oder anderen geeigneten Personen gehalten, die die RektorIn jeweils kurzfristig anhand einer Liste bestellen kann.
Womit wir beginnen wollen: Wir setzen uns für die Kommunalisierung und mehr Autonomie der Schulen ein. Durch das Konzept „Geld statt Stellen“ sollen die Schulen zunehmend ihr Budget selbst verwalten. Wir erwarten davon eine Öffnung der Schule in die Gesellschaft hin- ein, eine bessere Zusammenarbeit zwischen LehrerInnenn, Eltern, SchülerInnen und Kommune, die auch mit mehr Anerkennung für die LehrerInnen verbunden ist. Vor al- lem aber soll Kommunalisierung und mehr Autonomie dazu beitragen, dass Probleme pragmatisch vor Ort gelöst werden.

6. Alle Kinder bekommen in Finnland ein Mittagessen und sind bis 14 oder 15 Uhr in der Schule. Es wird nicht mehr unterrichtet als in Deutschland, aber die Pausen sind länger und der Schulalltag ist dadurch weniger hektisch. Es bleibt mehr Zeit – auch für pädagogisches Einwirken. Dies trägt zur Atmosphäre von Geborgenheit an der Schule und zur Entlastung der Familien bei.
Womit wir beginnen wollen: Wir wollen schrittweise an allen Schulen das Mittagessen einführen und den Schulall- tag entzerren. Deshalb sollte im Rahmen der Schulbauinvestitionen darauf geachtet werden, dass geeignete Räumlichkeiten geschaffen werden.

7. Finnland kennt eine einheitliche Lehrerausbildung, die stufenweise aufeinander aufbaut. Die ErzieherInnen in Kindertagesstätten studieren drei Jahre, die Grund- schullehrerInnen vier Jahre und die FachlehrerInnen der Mittel- und Oberstufe fünf Jahre. Im Studium hat die Pädagogik und Fachdidaktik einen wesentlich höheren Stellenwert.
Womit wir beginnen wollen: Bei der Neuordnung der Lehrerbildung soll der pädagogische und didaktische Anteil des Studiums verstärkt werden. Die Weiterbildung soll Aufgabe der Schulen im Rah- men ihres Budgets werden.

8. Durch die Kommunalisierung der Schulen und ihre weitgehende Autonomie hat die Schulverwaltung (Ministerium) in Finnland nur noch wenige Aufgaben. Dazu ge- hört die Festlegung der zentralen Prüfungen und die regelmäßige Evaluation aller Schulen, damit diese ihren Leistungsstand überprüfen können.
Womit wir beginnen wollen: Entwicklung eines Konzeptes für eine regelmäßige Evaluation aller Schulen in Schleswig-Holstein (PISA-Regional).



***


Anlagen Anlage: Das finnische Schulsystem

1. In Finnland gibt es eine 9-jährige nicht-selektive Gesamtschule vom 7. bis zum 16. Lebensjahr. Sie gliedert sich in die 6-jährige Grundschule und eine 3-jährige Ge- samtschule. Danach folgt ein in der Regel 3-jähriges Gymnasium oder eine 3- jährige Berufsschule.

2. In der Grundschule haben die Klassen jeweils für die gesamten sechs Jahre eine KlassenlehrerIn, die in der Regel 25 Stunden pro Woche unterrichtet. Mit der Mit- tagszeit und den im Vergleich zu Deutschland längeren Pausen bedeutet das, das die Kinder etwa von 8 bis 14 Uhr oder von 9 bis 15 Uhr in der Schule sind. Die Klassenstärke liegt mit 20 bis 30 SchülerInnen höher als bei uns. Jede LehrerIn kann frei entscheiden über Fächertausch mit den KollegInnen und Zeitplanung des Unterrichts.

3. Selbst schwer behinderte Kinder, die getrennt unterrichtet werden, werden so viel wie möglich in den Schulalltag einbezogen. Ansonsten gibt es keinerlei Ausgren- zung und nur selten Klassenwiederholung. Noten werden erst spät eingeführt (frü- hestens ab Klasse 4 – häufig erst ab Klasse 7). Die Kinder können sich auf das Lernen konzentrieren und sind nicht mit Selbstbewertung beschäftigt.

4. Die anschließende 3-jährige Gesamtschule in der Mittelstufe (Klasse 7-9) hat Fach- unterricht. Für die gibt es mehr finanzielle Ressourcen, um die Schwierigkeiten des Pubertätsalters aufzufangen. Diese Ressourcen werden im wesentlichen dazu verwendet, eine breite Auswahl an Fächern anzubieten, aus denen die SchülerIn- nen wählen können. In vielen Kursen gibt es dann geringere Teilnehmerzahlen.

5. Zusätzlich zu den Klassen- und FachlehrerInnen gibt es an den Schulen Assisten- tInnen (an der von uns besuchten Grundschule fünf AssistentInnen auf 20 Lehre- rInnen), SozialpädagogInnen für schwierige SchülerInnen und für Elternarbeit so- wie stundenweise eine Krankenschwester/-pfleger (die letzteren werden von der Gemeinde direkt finanziert). Ebenso gibt es AssistentInnen für die Zusatzbetreu- ung von behinderten Kindern bzw. SonderlehrerInnen für Behindertenklassen.

6. Es gibt eine kostenlose Vorschule ab sechs Jahren, an der praktisch alle Kinder außer in sehr abgelegenen Gegenden teilnehmen (Finnland ist im Norden sehr dünn besiedelt). Alle Kinder haben also schon ein Grundwissen in Finnisch und Rechnen, wenn sie in die Schule kommen. 7. Sowohl die ErzieherInnen in den Kindergärten wie auch an den Vorschulen sind ausgebildete PädagogInnen mit Hochschulstudium.



8. Zirka 50 bis 60 Prozent eines Jahrgangs gehen anschließend an die Gesamtschule auf ein Gymnasium. Dazu müssen sie eine Aufnahmeprüfung machen. Das Gym- nasium dauert zwei bis vier Jahre, je nach Anzahl der belegten Kurse. Kurse kön- nen wiederholt werden. Die Kursgröße beträgt bis zu 40 SchülerInnen.

9. Neben dem Abschlusszeugnis der Schule beteiligen sich fast alle SchülerInnen der Oberstufe am Zentralabitur. Die Teilnahme erstreckt sich über vier bis sechs Fä- cher. Prüfungen können halbjährlich in einzelnen Fächern abgelegt werden und über drei Prüfungstermine verteilt werden.

10. Die Schulen sind kommunal und haben eine große Selbständigkeit. Die Organisa- tion, die Verwaltungsstrukturen, die Elternmitarbeit und teilweise sogar die Lehr- pläne werden von den Kommunen bzw. von den Schulen festgelegt.

11. Die Finanzierung erfolgt über einen einheitlichen Zuschuss der Zentralregierung an die Kommunen, der die Finanzstärke und Struktur der Kommunen berücksichtigt. Die Schulen bekommen Mittel pro SchülerIn von den Kommunen, mit denen sie den gesamten Schulbetrieb eigenverantwortlich finanzieren (z.B. 2000 Euro in Grundschulen, das ist erheblich weniger als Schülerkostensätze in Schleswig- Holstein, oder 2500 Euro in Gymnasien. Daneben gibt es Mittel, die direkt von der Kommune übernommen werden. In Helsinki bekommen die Schulen mit sozial schwachem Einzugsbereich mehr Geld pro SchülerIn als Schulen in wohlhaben- den Stadtteilen (positive Diskriminierung).

12. Ein wichtiger Grund für die Abschaffung des Gymnasiums und die Einführung des Gesamtschulsystems waren die Kosten – in einem dünnbesiedelten Land war die flächendeckende Weiterführung eines dreigliedrigen Schulsystems unter Beach- tung der Chancengleichheit nicht mehr bezahlbar.

13. Die Stundenzahl der LehrerInnen ist etwas geringer als in Deutschland. Das Ge- halt erheblich niedriger (zirka 2000 Euro Brutto für GrundschullehrerInnen, anfangs sogar weniger, bei gleichem Lebensstandard wie in Deutschland, zirka 2500 Euro am Gymnasium). Wegen der geringen Bezahlung machen viele LehrerInnen be- zahlte Überstunden. 14. Vertretungsstunden werden von Eltern, Stundenten oder anderen geeigneten Per- sonen gehalten, die der Rektor jeweils kurzfristig anhand einer Liste bestellen kann. Sie werden aus den Mitteln der Schule bezahlt. Der Unterricht fällt nicht aus.

15. Alle Kinder bekommen kostenloses Mittagessen. Für zusätzliche Betreuungsan- gebote am Nachmittag müssen die Eltern bezahlen.

16. Bei Disziplinproblemen arbeiten die LehrerInnen zusammen und unterstützen sich gegenseitig. Außerdem gibt es Fördergruppen und Sozialpädagogen.

17. Für Kinder, die nicht die finnische oder schwedische Muttersprache haben, gibt es Sprachförderung in finnisch und zwei Stunden Unterricht in ihrer Muttersprache (ab vier Kindern). Dieser wird häufig von Eltern mit der entsprechenden Muttersprache unterrichtet.

18. Frühzeitiger Fremdsprachenunterricht für alle führt zu mehr Sprachverständnis.

19. Die LehrerInnen sind in der Gesellschaft angesehen und haben die Unterstützung und den Respekt der Eltern. LehrerIn ist ein sehr beliebter Beruf und die Universi- täten können unter vielen Bewerbern auswählen. Viele Bewerber müssen auf ihren Wunschberuf verzichten.

20. Die Grundeinstellung ist: Die LehrerIn muss das Kind verstehen, nicht umgekehrt. Die Atmosphäre ist liebevoll und die Kinder haben nur wenig Verbesserungsvor- schläge (kleinere Klassen).

21. Das Bildungssystem in Finnland ist von einem etwas paternalistischen Geist ge- prägt. Sowohl die auszubildenden Lehrer an der Uni als auch die Schüler in der Schule werden stark beobachtet und wahrgenommen und mit Nachdruck geführt und gefordert. Die Schule hat einen hohen Erziehungsanspruch, schlechtes Be- nehmen wird nicht geduldet.

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