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Rolf Fischer zu TOP 42: Sprachen sind kulturelle Vielfalt und Identität
Sozialdemokratischer Informationsbrief Kiel, 25.09.2003 Landtag Es gilt das gesprochene Wort! aktuell Sperrfrist: RedebeginnTOP 42 – Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder MinderheitensprachenRolf Fischer:Sprachen sind kulturelle Vielfalt und IdentitätDas gemeinsame Haus Europa zu errichten, darin zu leben und zu arbeiten, bedeutet, fähig zu sein, den anderen zu verstehen – in des Wortes mehrfacher Bedeutung. Des- halb sind Spracherwerb und Spracherhalt von existenzieller Wichtigkeit für das neue Europa, das immer ein Europa der Vielfalt, der verschiedenen K ulturen, Traditionen und Sprachen war, ist und bleibt.Und somit kommt der Sprachencharta, die heute unser Thema ist, auch eine zentrale Bedeutung zu: im Europa der 25 leben ca. 46 Millionen Menschen, die eine Regional- oder Minderheitensprache sprechen und diese auch erhalten wollen. Aber erliegen wir nicht dem Charme der großen Zahl – ob 300 oder drei Millionen Sprecher/innen – das ist im Kern unerheblich.Die Sprache ist Teil unseres Wesens, und sie macht uns zu dem, was wir sind. Des- halb müssen Sprachen erhalten, gelehrt und gelernt werden. Kurz gesagt: Die Fähig- keit, seine Sprache zu sprechen und andere Sprachen zu verstehen, bildet eine Grundkompetenz für alle europäischen Bürger.Deshalb ist der vorliegende Bericht so wichtig, und wir danken der Regierung und der Verwaltung für diese umfassende und vertiefte Darstellung! Dank auch an die Minder- heiten und Volksgruppen, die am Bericht mitgearbeitet und die das FORUM genutzt haben, eigene weiterführende Vorschläge zu machen! Schleswig- HolsteinHerausgeber: SPD-Landtagsfraktion Verantwortlich: Petra Bräutigam Landeshaus Postfach 7121, 24171 Kiel Tel: 0431/ 988-1305/13 07 Fax: 0431/ 988-1308 E-Mail: pressestelle@spd.ltsh.de Internet: www.spd.ltsh.de SPD -2-Die Entscheidung, im Europa-Ausschuss – übrigens von allen Fraktionen getragen – den Sprachenbericht zur Mitte der Legislatur zu debattieren, war richtig. Denn Ende 2003 wird die Bundesrepublik den zweiten deutschen Staate nbericht dem Europarat vorlegen, und wir haben so die Möglichkeit, im Vorfeld über die Entwicklung zu disku- tieren und auch Neues auf den Weg zu bri ngen. Der Bericht belegt, dass Schleswig- Holstein solide, kontinuierlich und umfassend die Charta umsetzt und damit wichtige Schritte hin zu einer zukunftsorientierten Minderheitenpolitik gegangen ist. Wir haben immer auf den dynamischen Charakter der Sprachencharta verwiesen, und der Bericht zeigt, das die Landesregierung das Prozesshafte erkannt und inhaltlich akzeptiert hat.Auch wenn es in der Zusammenfassung des Berichtes heißt, dass die Landesregie- rung „zurzeit keine Übernahme neuer Verpflichtungen aus Teil III“ anstrebe, so macht der Bericht insgesamt deutlich, dass mit der heutigen Vorlage die Umsetzung eine ers- te wichtige Etappe erreicht hat und fortgesetzt werden wird. Gerade in diesem Zu- sammenhang ist es richtig und wichtig, die Minderheiten und Volkgruppen von Kür- zungen ihrer Haushaltsmittel zu befreien. Denn Sprachverluste lassen sich im nach herein nicht wieder ausgleichen. Was dort an Kompetenz ve rloren geht, bleibt leider für immer verloren!Wir werden im Europa-Ausschuss die Details des Berichts diskutieren. Lassen Sie mich hier nur drei konkrete Punkte für eine positive Umsetzung der Charta nennen:1. 25% der Beschä ftigten im Bereich der Polizeidirektion Nord verfügen zumi ndest ü- ber Dänisch-Grundkenntnisse – das ist nicht nur Spracherhalt, das ist eine gute Vor- aussetzung für die polizeiliche grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Dänemark.2. Für zivilrechtliche Verfahren hat Schleswig-Holstein entschieden, inDänisch, Frie- sisch, Romanes oder Niederdeutsch verfasste Urkunden zuzulassen . Gerade dieser Punkt macht deutlich, dass die Sprecher von Regional- und Minderheitensprachen auch im Bereich Justiz wahr - und damit ernstgenommen werden. -3-3. Seit dem Sommersemester 2000 ist Niederdeutsch als Wahlpflichtfach an der Fach- schule für Sozialpädagogik in Niebüll eingeführt worden und wird sehr gut angeno m- men. Ziel ist die Ausweitung der sprachlichen Kompetenz von Erzieherinnen und Er- ziehern; damit wird die Plattdeutschförderung schon bei den kleineren Kindern forciert. Sicher ein nacha hmenswertes Modell!Eine wichtige Anmerkung: Wenn der schleswig-holsteinische Landesverband deut- scher Sinti und Roma aus gut nachvollziehbaren Gründen eine Verschriftlichung seiner Sprache ablehnt, so ist er doch gleichgestellter Partner bei der Umsetzung der Charta – das ist notwendig anzumerken!Aus dem Bericht können wir ebenfalls die Schlüsselfragen für die weitere Entwicklung herauslesen: Wie können Schleswig-Holstein, die Bundesrepublik und die EU weiter eine sprache nfreundliche Entwicklung voranbringen? Wie können wir mehr Menschen und eine größere mediale Öffentlichkeit als bisher für die Minderheiten- und Regional- sprachen gewinnen? Wie können wir eine die Minderheiten- und Regionalsprachen si- chernde Sprachenpolitik entwickeln?Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an den „Aktionsplan zur Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt 2004-2006“ der E uropäischen Kommission, den wir – neben der Sprachencharta – zur Entwicklung unserer Minderheiten- und Re- gionalsprachen nutzen sollten. Hier gibt es erste Ansätze, die wir zusammen mit den Minderheiten vertiefen werden.Dank auch an Renate Schnack, die Minderheitenbeauftragte, die sich auch für diesen Aspekt sehr stark macht und Perspektiven aufzeigt!Jede Sprache, meine Damen und Herren, ist für die, die sie als Mutte rsprache spre- chen, immer die wichtigste; denn unsere Muttersprache ist die Sprache, in der wir denken und fühlen; sie ist Ausdruck unserer Kultur und unserer Traditionen. Und ist sie -4-Ausdruck unseres Blickes auf die Welt und damit Wesensmerkmal unserer Identität! Das ist für die Mehrheitsbevölkerung so; das ist aber noch lebensnotwendiger für Min- derheiten und Volksgruppen.Formulieren wir – Politik und Minderheiten – weiter die gemeinsamen Ziele, schaffen wir gemeinsame Konzepte zur Sprachenpolitik und setzen wir zukünftig weitere Mei- lensteine, um die Regional- und Minderheitensprachen langfristig zu sichern. Uns leitet nicht die Berichtspflicht, die die Charta einfordert und die wir natürlich erfüllen, es ist die tiefe Überze ugung, dass Minderheiten- und Regionalsprachen ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Vielfalt Europas sind und damit unverzichtbar für die euro- päische Integration.Ich freue mich auf die Ausschussberatung und bitte um Überweisung.