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Jürgen Weber zu TOP 51: 40 Staaten - ein wissenschaftliches Leitbild
Sozialdemokratischer Informationsbrief Kiel, 26.05.2004 Landtag Es gilt das gesprochene Wort! Sperrfrist: Redebeginn aktuell TOP 51 – Schleswig-Holstein im Bologna-ProzessJürgen Weber:40 Staaten – ein wissenschaftliches LeitbildDer 1999 von 29 Ländern gestartete Bologna-Prozess verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2010 soll ein europäischer Hochschulraum verwirklicht werden – und dies auf dem gemeinsamen kulturellen Fundament, das uns in Europa verbindet. Grundlage für die Tätigkeit und für die Entwicklung aller Hochschulen in Europa muss sein: - die Anerkennung der Menschenrechte, - die Anerkennung von demokratischen Rechten in der Gesellschaft ebenso wie innerhalb der Hochschule, - der freie Zugang zum Hochschulstudium ohne diskriminierende Hürden, auch nicht durch einen sozialen Numerus Clausus, - die Verknüpfung von Forschung und Lehre, - die kulturelle und sprachliche Vielfalt.Dies mag für uns in Mittel- und Westeuropa wie Allgemeinplätze klingen - ein Besuch an vielen Hochschulen in den Transitionsstaaten Osteuropas zeigt, wie weit viele Hochschulen von diesem Ideal entfernt sind. Und gerade weil man sich dieser Defizite in den betreffenden Ländern wohl bewusst ist, können wir es gar nicht hoch genug bewerten, dass auf der Berliner Folgekonferenz der europäischen Bildungsminister im September 2003 sich nunmehr nicht weniger als 40 Länder verpflichtet haben, nicht nur diese inhaltlichen Grundlagen zu akzeptieren und umzusetzen. Verabredet wurde Schleswig- HolsteinHerausgeber: SPD-Landtagsfraktion Verantwortlich: Petra Bräutigam Landeshaus Postfach 7121, 24171 Kiel Tel: 0431/ 988-1305/1307 Fax: 0431/ 988-1308 E-Mail: Internet: pressestelle@spd.ltsh.de www.spd.ltsh.de SPD -2- - ein vereinheitlichtes System der Qualitätssicherung und der Qualitätsentwick- lung, - die gegenseitige Anerkennung von Studien- und Prüfungsleistungen über das europäische Kreditpunktesystem ECTS, - die Umsetzung konsekutiver Studienabschlüsse (was ja auch heißt, Studienin- halte zu überprüfen und zu überarbeiten).Ferner wollen die Staaten die Mobilität sowohl der Studierenden als auch der Wissen- schaftler in Europa verbessern und gemeinsam den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern. Das wird nur gelingen, wenn alle ihre Hausaufgaben machen, auch wir hier in Deutschland und in Schleswig-Holstein.Den Bologna-Prozess mitgestalten heißt eben auch, selbst die notwendigen Struktur- veränderungen im Hochschulbereich vorzunehmen. Wir haben das getan und wir wer- den es weiter tun. Schleswig-Holstein hat sich früher als andere auf den Weg ge- macht, in diesem gesamteuropäischen Prozess voranzugehen.Die Empfehlungen der Erichsen-Kommission fußen, besonders was Studienstrukturen und Abschlüsse angeht, auf den Beschlüssen von Bologna. Hochschulvertrag und Zielvereinbarungen schaffen die Grundlage dafür, diese Umstrukturierungen mittelfris- tig bis 2010 umzusetzen. In manchen Bereichen wird es aus nahe liegenden Gründen etwas länger dauern, zum Beispiel in der Lehrerbildung.Dem Bericht der Landesregierung ist zu entnehmen, wie viele Hochschulen und Fach- bereiche bereits mit anderen Partnerhochschulen Vereinbarungen über gemeinsame Abschlüsse und Diplome getroffen haben. Die Wirtschaftswissenschaften vollbringen hier Pionierleistungen. Viele weitere Beispiele ließen sich anfügen.Gerade im Hinblick auf die Bachelor/Master-Diskussion möchte ich unterstreichen, dass bei allen Veränderungen flexible Lösungswege beschritten werden sollten. Es wäre aber unverantwortlich im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit unserer Hoch- -3-schulen, allen denen nach dem Mund zu reden, die sich bequem in bekannten Struktu- ren einrichten wollen.Eine Statistik, die uns nicht zufrieden stellt, ist die der ausländischen Studierenden, al- so der Bildungsausländer in Deutschland. Dabei geht es mir nicht so sehr um die ab- soluten Zahlen. Was ich hier sowohl bundesweit als auch in Schleswig-Holstein ver- misse, ist der Zustrom aus den osteuropäischen Ländern. Zwar belegen polnische Studierende bundesweit und bei uns den 2. Platz, gefolgt von Russland, doch sind die absoluten Zahlen gemessen an der Größe dieser Länder nicht sehr beeindruckend, und die Zahlen der Studierenden aus den übrigen osteuropäischen Ländern lassen sehr zu wünschen übrig.Was darüber hinaus besonders überrascht, ist, dass abgesehen von Studierenden aus Dänemark der skandinavische Raum bei uns kaum vertreten ist. Wir sind also von ei- nem Zusammenwachsen im Ost- und Nordseeraum noch sehr weit entfernt. Dies mag an den besonderen finanziellen Problemen Studierender aus Osteuropa liegen, die durch deutsche Stipendienprogramme nicht in jedem Fall aufgefangen werden kön- nen. Offensichtlich sind unsere Hochschulen aus anderen Gründen nicht attraktiv ge- nug. Wenn wir wollen, dass die Besten zu uns kommen, müssen wir gut genug sein, internationalen Standard und internationale Perspektiven bieten zu können – ein wei- tes Feld von Aufgaben, die im Detail weiter beraten werden müssen.Ich danke dem Ministerium für seinen detaillierten und hoch informativen Bericht, der uns auch Gelegenheit gibt, unseren fremdsprachlichen Wortschatz auszubauen. Um nur aus den ersten Seiten zu zitieren, da erfährt man etwas über einen bottom-up- Prozess, eine degree structure, ein Stocktaking, man lernt, dass ein board eine Art Verwaltungsrat sei, und man kann sich darüber Gedanken machen, ob der Ausdruck „workload“ tatsächlich freundlicher als „Arbeitsbelastung“ klingt. -4-Ich schlage vor, dass wir diesen Bericht wie üblich in den Bildungsausschuss überwei- sen und uns miteinander darüber unterhalten, auf welche Weise das Parlament diese wichtige gesamteuropäische Entwicklung unterstützen kann.