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08.11.04 , 11:41 Uhr
Landtag

Arens: "Lieblingshelden helfen, sich in der Welt zu orientieren"

128/2004 Kiel, 8. November 2004 Sperrfrist: 8. November, 19:30 Uhr Es gilt das gesprochene Wort!


Arens: „Lieblingshelden helfen, sich in der Welt zu orientieren“
Kiel (SHL) – In seinem Grußwort zur Eröffnung der 21. landesweiten Kinder- und Jugendbuchwochen in der Kieler Stadtbücherei sagte Land- tagspräsident Heinz-Werner Arens unter anderem:
“Weil mir diese Veranstaltung ganz besonders am Herzen liegt, freue ich mich einmal mehr, sie eröffnen zu dürfen. Wer von uns von der älteren Generation erinnert sich nicht daran, als Kind Bücher mit unseren Lieblingshelden ver- schlungen zu haben? Der edle Winnetou und Old Surehand im Kampf gegen Bösewichter, Phileas Fogg und sein Diener Passepartout auf der spannenden Reise um die Erde, die atemberaubenden Heldensagen und all die anderen Bücher, deren Titel wir längst vergessen haben. Unser eigenes, kleines Leben wurde unwichtig, und wir erlebten ein anderes, großes Leben – das der Imagi- nation. Wir lasen verbotenerweise mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, und wir lasen mit solcher Begeisterung, dass wir den neuen Schmöker, wie wir damals sagten, vielfach schon wenige Stunden nach der Bescherung am Heili- gen Abend ausgelesen hatten. Währenddessen wurden wir erwachsen und unsere Bücher hatten uns ein Stückchen dabei geholfen, uns in der Welt zu orientieren.
Unsere moderne Welt ist so unübersichtlich geworden, dass es immer schwe- rer fällt, einen Orientierungsrahmen für das eigene Leben zu finden. Unsere Kinder und Jugendlichen stehen heute vor einer schier unlösbar scheinenden Aufgabe. Und auch wir Erwachsenen sind kaum mehr in der Lage, für die Maßstäbe zu sorgen, die junge Menschen für ihre Entwicklung brauchen. Wenn aber Maßstäbe fehlen, besteht die Gefahr, dass alles gleichgültig wird, Konsum und Unterhaltung, Arbeit und Freizeit nur noch als versäumtes Leben, als leere Zeit erlebt werden.
Was kann denn dem Leben Gestalt geben? In modernen Gesellschaften wer- den Strukturen durch Institutionen geschaffen, wenn sie funktionsfähig sind 2


und Vertrauen genießen. Darin liegt eine sehr wichtige Aufgabe der Schule, auch des Sportvereins oder zum Beispiel der Jugendfeuerwehr. Gegliederte Zeit und Formen, die den Alltag prägen, geben eine Ordnung und Halt, die sta- bilisieren. Deshalb ist es so unendlich wichtig, zur Schule zu gehen und später Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu haben – und so unendlich deprimierend und zerstörerisch, arbeitslos oder ohne Ausbildungsplatz zu sein. Auch Religi- onen tragen dazu bei, Strukturen zu schaffen und ein oberflächliches Leben zu vertiefen. Und Bücher erfüllen eine ganz ähnliche Funktion. Wer beim Lesen eine Erzählung nacherlebt, wird dabei unterstützt, die eigene Identität zu über- prüfen und zu erweitern. Das kann wichtige Reifungsprozesse anstoßen und Orientierungshilfen für das Leben geben, Verständnis für Zusammenhänge entwickeln, die vorher verborgen waren, auch Verständnis für das Fremde, das Andere entwickeln und im Idealfall einen Maßstab, eine Orientierungshilfe für das eigene Leben gewinnen: ein Ziel, ein Vorbild.
Warum klappt so etwas mit dem Buch – aber nicht mit den neuen Medien? Weil die neuen Medien einem die geistige und kreative Arbeit abnehmen. Le- sen erfordert wirklich Arbeit; man braucht dazu Konzentration und Disziplin. Aber dann entstehen im Kopf Bilder, die einem ganz persönlich gehören, weil man sie im Dialog mit der Erzählwelt des Buches erschaffen hat. Und die Er- fahrungen, die man beim Lesen eines Buches macht, sind – weil sie selbst erarbeitet sind – viel tiefer als beim Ansehen eines Films. Mein eigener Winne- tou – also der, den ich beim Lesen im Kopf hatte – sah ganz anders aus als der, der später über die Leinwand flimmerte. Und er war auch sehr viel edler und mutiger, als es Pierre Brice jemals hätte verkörpern können. Welcher Le- ser – egal, ob jung oder alt – hatte nicht beim Lesen von Harry Potter einen ganz anderen Helden im Kopf, als den, den später der junge Schauspieler na- mens Daniel Radcliffe auf der Leinwand verkörperte? Eine so zauberhafte Szene wie die im ersten Band, als Harry Potter im Zoo mit der Schlange spricht, kann man im Kopf als wundervolles Abenteuer erleben. Bei der Verfil- mung mit echter Schlange und echtem Jungen musste das Zauberhafte und Wundervolle der Imagination zwangsläufig auf der Strecke bleiben und durch Tricks ersetzt werden, die immer nur ein Nachhall der Phantasie bleiben kön- nen.
Ich wünsche den Autorinnen und Autoren der diesjährigen Kinder- und Jugend- buchwochen in Schleswig-Holstein, dass sie ihre Leserinnen und Leser genau- so erfolgreich auf zauberhafte, abenteuerliche, spannende, witzige oder poeti- sche Gedankenreisen schicken. Ich wünsche auch den Illustratoren, Musikern, Kindertheatern und Künstlern, die auf den 300 Veranstaltungen landesweit in Büchereien und Schulen unterwegs sind, viel Erfolg und viele zündende Ideen. Bald ist Weihnachten, und ich persönlich finde, dass ein Buch unbedingt auf euren Wunschzettel gehört. Wer noch nicht weiß, welches, der hat jetzt die beste Gelegenheit, prima Tipps zu bekommen. Und mit diesen Worten stelle ich fest: Die 21. Kinder- und Jugendbuchwochen sind eröffnet.“

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