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16.12.04 , 10:49 Uhr
SSW

Große Anfrage "Älter werden in Schleswig-Holstein": Von Anfang an für alle planen

Presseinformation
Kiel, den 16.12.2004 Es gilt das gesprochene Wort



Silke Hinrichsen
TOP 26 Große Anfrage: Älter werden in Schleswig-Holstein Drs. 15/3815


Die Antworten der Landesregierung auf die Fragen der SPD-Fraktion zur Situation der älteren
Schleswig-Holsteiner zeigen, dass man nicht mehr von den Senioren sprechen kann, wenn man
es denn überhaupt einmal konnte: Einkommen, Wohnung, soziales Umfeld unterscheiden sich
teilweise erheblich. Inzwischen ist jeder vierte Schleswig-Holsteiner 60 Jahre oder älter. Hier
kann man schon lange nicht mehr von einer einheitlichen Gruppe sprechen. Von diesem Denken,
dass es so etwas wie „die Alten“ gibt, sollten wir uns verabschieden, weil es einfach nicht der
Situation entspricht. Das belegen die Antworten.


Vorab eine methodische Bemerkung: Ich hätte erwartet, dass die Landesregierung die älteren
Schleswig-Holsteiner stärker zu Wort kommen lässt, weil sie am besten Auskunft über ihre
Interessen und Wünsche geben können. Die älteren Menschen, zu denen man gemeinhin Bürge-
rinnen und Bürger zählt, die älter als 60 Jahre alt sind, haben sehr genaue Vorstellungen davon,
wie sie sich ihr Leben vorstellen und wie sie mit den erwarteten gesundheitlichen Einschränkun- 2

gen umgehen wollen. Das Altenparlament zeigt bei jeder Sitzung eindrücklich, dass Selbstbe-
wusstsein und der Wunsch nach Autonomie sich durchaus mit dem Alter vereinbaren lassen.


Die Landesregierung hat zu Recht in ihrer Vorbemerkung auf das so genannte Kompetenzmodell
verwiesen, das von einem ressourcenorientierten Ansatz in der Seniorenpolitik ausgeht. Nicht
nur die Probleme, die sich mit steigendem Alter einstellen, soll die Planung bestimmen, sondern
die Interessen, Fähigkeiten und Neigungen der älteren Generation. Das unterstützt der SSW
ohne Einschränkung. Es darf keine Bevormundung der Alten geben. Wer an den Interessen der
älteren Menschen vorbeiplant, aus welchen hehren Motiven auch immer, entmündigt diese
Personengruppe.


Ich möchte am Beispiel der Migranten zeigen, was ich meine: Die Situation der älteren Migran-
ten stellt sich genauso dar, wie es die Öffentlichkeit immer noch für den Großteil der Alten ver-
mutet: von hohem Armutsrisiko betroffen, in ungünstigen Wohnungen und oftmals nur unzu-
reichend informiert. Die Landesregierung sieht die Herausforderung durchaus, die aus der zu-
nehmenden Zahl älterer Migranten herrührt, macht aber keine konkreten Vorschläge. Wenn
erst mit aller Macht zahlenstarke Migrantenjahrgänge verrentet werden, ist es zu spät, die
Senioren- und Pflegepolitik umzustellen. Der SSW erwartet deshalb, dass die Landesregierung
sich dieses Themas nicht nur auf akademischem Niveau annimmt und entsprechende Fachlitera-
tur zitiert, sondern einen Handlungsplan vorlegt und mit den entsprechenden Migranten-
Organisationen spricht. Ich weiß natürlich, dass eine Große Anfrage vor allem die Neugierde des
Parlaments befriedigen soll. Dieser Punkt deutet einen erheblichen Handlungsbedarf an. Gerade
bei diesem wichtigen Punkt würde ich mir wünschen, dass die Landesregierung nicht erst dann
reagiert, wenn die Probleme virulent werden. Dabei isst folgendes klar: Migranten haben wie alle
Alten ein Recht auf ein würdevolles Altern. Gerade in unseren großen Städten brauchen wir
daher eine türkischsprachige Infrastruktur, was Beratung, aber auch Pflege angeht. Das geht
aber nicht von einem Tag zum anderen. 3

Bei den Migranten ist aber schon heute die Altersarmut ein Problem. Ansonsten ist die Altersar-
mut, wie die Antworten der Landesregierung zeigen, eines, welches insgesamt in der deutschen
Bevölkerung zurückgeht. Vor allem immer mehr Frauen haben eigene Rentenansprüche erwor-
ben, so dass sie im Alter nicht auf die Unterstützung durch das Sozialamt angewiesen sind. In
diesem Zusammenhang aber davon zu reden, dass das Phänomen der Alterarmut „langsam aus
der Bevölkerungspyramide herauswächst“ (S. 31) finde ich merkwürdig. Damit wird zum Aus-
druck gebracht, dass hoch betagte Frauen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, langsam ausster-
ben. Mit dem Vokabular der Bevölkerungsstatistiker kann ich nicht viel anfangen.


Deshalb wäre es interessant gewesen, wie die Grundsicherung die Einkommenssituation der
älteren Schleswig-Holsteiner verändert hat. Aber die entsprechenden Daten werden wohl noch
etwas auf sich warten lassen müssen.


Die SPD-Fraktion wollte gern auch mehr über die Wohnsituation der Älteren erfahren. Gerade
das Altenparlament hat sich auf seiner letzten Sitzung sehr ausführlich mit alternativen Wohn-
formen auseinandergesetzt hat. Selbstbestimmtes Wohnen war hier ein wichtiges Thema. Das
Altenparlament fordert gemeinschaftliche Wohnformen von Menschen aller Altersgruppen. Ich
möchte das Thema hier nicht weiter vertiefen, wir haben uns bereits im November darüber
ausführlich unterhalten. Eine angemessene Wohnung in einem angenehmen Umfeld ist einer
der Wohlfühlfaktoren überhaupt. Ältere Menschen fühlen sich in der Umgebung am wohlsten,
die ihre unterschiedlich starken Bedürfnisse nach Privatheit, Autonomie oder die Möglichkeit zur
Selbstverwirklichung entsprechen. Heute können mit relativ geringen Mehraufwand seniorenge-
rechte Wohnungen gebaut werden – etwas, dass noch vor zwei Jahrzehnten die absolute Aus-
nahme war. Bauliche Konzepte verändern sich rasant. Gerade darum kommt es auf eine bedürf-
nisgerechte und langfristige Planung an. Ich möchte hier ein Beispiel aus meinem Wohnquartier
heranziehen, um zu illustrieren, dass Planungsfehler sich nur schwer korrigieren lassen. 4

Duburg, so heißt der Stadtteil in Flensburg, in dem ich wohne, ist ein wunderschönes Quartier,
das von gründerzeitlichen Mehrfamilienhäusern geprägt ist. Innenstadtnah verfügte es noch vor
wenigen Jahren über eine Versorgung mit allem, was man so täglich braucht durch kleine Läden.
Dies hat sich verändert: die kleinen Läden in der Nachbarschaft schließen einer nach dem ande-
ren. Dazu kommt, dass in den hundert Jahre alten Häusern der Komfort manchmal zu wünschen
lässt, Fahrstühle gibt es fast gar nicht. Dies hat zur Folge, dass in Duburg unterdurchschnittlich
ältere Bewohner wohnen. Ältere Bewohner stehen auch für soziale Stabilität in einem Stadtteil.
Doch wie soll man ältere Mieter in den Stadtteil locken, bzw. verhindern, dass die Mieter wegzie-
hen, bevor sie Senioren werden? Das ist gar nicht so einfach. Eine schwere Aufgabe, die sicherlich
Jahre in Anspruch nehmen wird und nur mit erheblichen Investitionen zu bewältigen sein wird,
aber bei der Stadt Flensburg beschäftigt man sich bereits mit dieser Herausforderung.


Wir müssen aber auch heute Entscheidungen treffen für Menschen, die erst in zwanzig Jahren
der Definition nach Senioren sind, die jetzt also zwischen 40 oder 50 Jahre alt sind. Dies sind die
Baby- Boomer, zu denen auch ich gehöre, die allein aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke eine
sehr große Herausforderung für eine langfristige Planung darstellen. Die Planungskoordinierung
liegt meines Erachtens für diesen Bereich in der Zuständigkeit der Landesregierung. Niemand
sollte dabei das Rad neu erfinden müssen – die Landesregierung sollte für einen Informations-
austausch sorgen, damit Gemeinden und Kreise gegenseitig von guten Erfahrungen profitieren
können.


Ich möchte noch ein anderes Thema vertiefen: die Beratungsstellen. Pflegebedürftigkeit kann
nach einem Schlaganfall oder einem Sturz von einem Tag zum anderen ein großes Problem in
einer Familie werden. Da kann man kaum von einer Infostelle zur nächsten Beratung hinlaufen,
um sich mühsam alle Informationen zu besorgen. Der SSW unterstützt daher seit Jahren den
Aufbau eines flächendeckenden Netzes trägerunabhängiger Beratungsstellen. Dort liegen alle
Informationen vor, sowohl die Adressen der Heime und Pflegeeinrichtungen als auch die ambu- 5

lanter Dienste. Fragen der Finanzierung und danach, wie Anträgen zu stellen sind, werden hier
kompetent und ohne Eigeninteresse beantwortet. Die Landesregierung sagt, dass sie „nach
Möglichkeit“ (S. 51) eine flächendeckende Versorgung schaffen will. Hier ist man auf die Unter-
stützung der Kreise und Kommunen angewiesen.


Angesichts des Umfangs der Antwort der Landesregierung kann man natürlich nur einige Aspek-
te hier erwähnen.
Ich möchte deshalb zum Schluss kurz auf das Thema Mobilität zu sprechen kommen: Wer schon
einmal mit einem schweren Koffer von einem verspäteten Zug zum Anschlusszug hetzen muss-
te, weiß barrierefreie Bahnhöfe und komfortable Umsteigezeiten sehr zu schätzen. Auch eine
einheitliche und verständliche Tarifstruktur und Fahrpläne schätzen wir alle.


Ich bin deshalb davon überzeugt, dass wir auch die artikulierten Bedürfnisse der Älteren als das
erkennen müssen, was sie sind: Verbesserung für alle. Verständliche Fahrpläne, simple Automa-
ten, deutliche Ansagen und klare Hinweisschilder helfen nicht nur den älteren Passagieren,
sondern allen. Also sollte man von Anfang an auch für alle planen. Das hilft den Älteren, aber
nicht nur diesen. Teure Korrekturen im Nachhinein können dann erspart werden. Deshalb sollte
die Überlegung und Prüfung „ Barrierefreiheit“ bei jedem Projekt in der Zukunft berücksichtigt
werden.

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