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26.05.05 , 12:39 Uhr
B 90/Grüne

Karl-Martin Hentschel zur Kultur im Kabinett

PRESSEDIENST Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein Pressesprecherin Es gilt das gesprochene Wort! Claudia Jacob Landeshaus TOP 19 – Kulturpolitik ins Kabinett Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel
Dazu sagt der kulturpolitische Sprecher Durchwahl: 0431/988-1503 Zentrale: 0431/988-1500 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Telefax: 0431/988-1501 Karl-Martin Hentschel: Mobil: 0172/541 83 53 E-Mail: presse@gruene.ltsh.de Internet: www.sh-gruene.de

Nr. 111.05 / 26.05.2005
Kultur ins Kabinett
Unser neuer Ministerpräsident will die Kultur zur Chefsache machen. Was heißt das? Heißt das Entscheidungen treffen, ohne im Kabinett zu beraten? Heißt das, die Kunst zu seiner persönlichen Glorie zu funktionalisieren?
Sehr geehrter Herr Carstensen, auch Ihr Parteikollege Bernhard Vogel in Thüringen hat als Ministerpräsident die Kultur zur Chefsache erklärt. Er hat sich entschieden, u.a. das hervorragende Erfurter Theater zuzumachen, das einen glänzenden Ruf, eine lange Tra- dition und einen Spielplan auf der Höhe der Zeit hatte und weitgehend ausverkauft war.
Tat er das, weil dieses Theater es verstand, zur Freude seines Publikums mit Kunst der Politik einen Spiegel vorzuhalten – nicht nur zu Zeiten der DDR, sondern auch danach?
Die Erfurter bekamen dafür von Herrn Vogel eine Oper, weil die dem Kunstverständnis Herrn Vogels besser entsprach. Ich frage mich, sind Politiker immer die Richtigen für sol- che Entscheidungen?
Nun, Herr Ministerpräsident, Thüringen ist nicht Schleswig-Holstein und ich will Ihnen nichts unterstellen. Aber ein bisschen frage ich mich doch, in welche Richtung wird die Kultur in Schleswig-Holstein sich entwickeln, wenn sie zur Chefsache, sprich zur persön- lichen Spielwiese von Herrn Carstensen wird?
Dazu lese ich in der Eckernförder Zeitung vom 6.Mai, dass Sie die 100 Kulturveranstal- tungen am Rande der Heringstage mit dem schönen Satz loben: „Wer sich hier nicht amüsiert, der kann gern zuhause bleiben.“


1/2 Zuhause wartet dann noch viel größeres Amüsement in Form eines unglaublich amüsan- ten Fernsehprogramms.
Damit wir uns nicht missverstehen, auch ich genieße Kultur, über die ich mich amüsieren kann. Aber in erster Linie verstehen wir in einer Kulturnation unter Kultur etwas anderes als das süffige, leicht zu konsumierende Event-Business, das mehr und mehr droht, das was wir unter Hochkultur verstehen, zu verdrängen.
Eine Kultur, die man sich erst erarbeiten muss, die einen dann aber reich beschenkt mit Reflexion und Identitätsentwicklung, mit Verständnis für andere Menschen und mit Ge- nüssen, die über materiellen Konsum hinausgehen. Und die Auswirkungen auf die Ge- sellschaft hat. Um Hebbel zu zitieren: „Die Kultur ist das Gewissen der Menschheit.“
Wir leben in einer Zeit der Ökonomisierung und der Privatisierung von Kultur, des Ge- schäftemachens: Die Kunst, Tischdecken zu verkaufen, preist die Werbung „Tischkultur“!
Und in einer Zeit der schnell konsumierbaren Häppchenkultur: „Vor der feindlichen Über- nahme des menschlichen Tagesablaufs durch das Fernsehen haben wir das Wort For- mat mehr von der Qualität bestimmt verstanden“, hat Dieter Hildebrandt so schön ge- sagt.
Wie langweilig jungen Menschen diese Kultur werden kann, zeigt sich dann vielleicht auch in solchen Ausbrüchen wie Anfang Mai in Dresden, wo sich junge Männer aggres- sive Straßenschlachten mit der Polizei geliefert haben, ohne den geringsten nachvoll- ziehbaren Grund.
Ein Zugang zu einer tiefgehenden Kultur, die länger als fünf Minuten fasziniert, wird die- sen Menschen immer weniger angeboten. Ich glaube, dass die Frage der kulturellen Er- ziehung in Zukunft für unsere Gesellschaft noch viel wichtiger werden wird als wir bis jetzt ahnen.
Wie sagte doch Grillparzer: „Kunstliebe ohne Kunstsinn, Bringt bei Fürsten wenig Gewinn, Sie öffnet Kunstschwätzern ihr Ohr, Und die Kunst bleibt einsam wie zuvor.“
Ich glaube deshalb, Grillparzer hätte unserem Antrag auch zugestimmt – jetzt haben Sie die Chance das zu tun!

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