Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.

Datenschutzerklärung

28.09.05 , 15:12 Uhr
B 90/Grüne

Karl-Martin Hentschel zur Lehrerausbildung

PRESSEDIENST Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein Stellv. Pressesprecher Dr. Jörg Nickel Landeshaus Es gilt das gesprochene Wort! Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel TOP 24 – Neuordnung der Lehrerbildung Durchwahl: 0431/988-1503 Zentrale: 0431/988-1500 Telefax: 0431/988-1501 Dazu sagt der bildungspolitische Sprecher Mobil: 0178/28 49 591 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, E-Mail: presse@gruene.ltsh.de Karl-Martin Hentschel: Internet: www.sh.gruene-fraktion.de

Nr. 261.05 / 28.09.2005


Lehrerbildung – Investition in die Zukunft
Es ist in den letzten Monaten sehr viel über den Standort Deutschland, über Investitionen und über die Position Deutschlands im Globalisierungswettbewerb geredet worden. Lei- der denken die meisten Menschen bei Investitionen jedoch immer noch an Straßen und Beton.
Wenn aber heute selbst in Schleswig-Holstein über ein Drittel unserer Produktion in den Export geht, dann hat das fast ausschließlich mit KnowHow, mit Technologien, mit Soft- ware und Blaupausen zu tun. Wir sind nun mal ein rohstoffarmes Land. Zwei Drittel des Kapitals in unserer Gesellschaft steckt in den Köpfen.
Das heißt: Das, was wir und unsere Kinder in unseren Köpfen gespeichert haben, ist doppelt soviel wert wie alle Straßen, Bahnen, Industrieanlagen, Raffinerien, Atomkraft- werke zusammen. Und wie viel dort gespeichert wird, das hängt zu einem großen Teil von der Lehrerbildung ab!
Die Haltung der Landesregierung zur Lehrerbildung gibt mir Rätsel auf. Seit Jahren wird an den Hochschulen an Konzepten zur Weiterentwicklung der Lehrerbildung gearbeitet. Solche Konzepte sind aber abhängig von den Rahmenvorgaben der Landesregierung. Ebenso rätselhaft ist auch die Pressemitteilung von Frau Herold, die es offensichtlich für überflüssig hält, dass sich die Regierung oder gar das Parlament mit diesem Thema be- schäftigt.
Frau Herold, ich gebe ihnen ernsthaft zu Bedenken: Bildungspolitik ist das Kernstück der Landespolitik. Andere Länderparlamente wie Bayern, Berlin, Thüringen, Hessen und Bremen haben ein Lehrerbildungsgesetz verabschiedet und damit die Lehrerbildung zur Sache des Parlamentes gemacht.
1/3 Wenn Sie der Meinung sind, die Hochschulen werden es schon richten, das ist keine Sa- che des Parlamentes, dann hätten sie sich nicht hierher wählen lassen sollen.
Bei der Reform der Lehrerbildung gibt es eine ganze Reihe von Punkten, bei denen wahrscheinlich ein breiter Konsens existiert: Einig sind wir uns sicherlich darin, dass die Lehrerausbildung berufsorientierter werden muss. Von Anfang an sollen Praktika Be- standteil des Studiums sein. Ob man dabei das Bielefelder „Assistant Teacher“-Modell übernimmt, darüber können wir uns gerne im Bildungsausschuss unterhalten.
Einig sind wir uns sicher auch, dass die künftigen LehrerstudentInnen ein Berufsprakti- kum in der Wirtschaft machen sollen und dass auch NichtberufsschullehrerInnen wissen müssen, wie das Berufsausbildungssystem funktioniert. Wir sind uns auch mit nahezu al- len Fachleuten einig, dass LehrerInnen in Zukunft stärker als bisher SpezialistInnen für Lernprozesse und Persönlichkeitsentwicklung sein müssen.
Sobald dies aber konkretisiert wird, ertönt sofort der Ruf: Es darf aber auf keinen Fall beim Fachstudium gekürzt werden. Ich sage deutlich: Ich halte das für Unsinn! Wenn ei- ne LehrerstudentIn nicht nur ein, sondern zwei Fächer studieren und zusätzlich eine soli- de wissenschaftliche Ausbildung in Pädagogik, Didaktik, Psychologie, Individualdiagnos- tik und Bildungsmanagement haben soll, und wir dann auch noch dahinkommen wollen, dass die Ausbildung von LehrerInnen von heute 7 bis 8 auf durchschnittlich 5 Jahre ge- kürzt werden soll, dann müssen in den Curricula daraufhin Auswahlentscheidungen ge- troffen werden.
Dabei plädiere ich für eine einfache Regel: Je kleiner die Kinder, desto mehr pädago- gisch-psychologische Kompetenzen sind nötig, je größer die Kinder, desto mehr fachwis- senschaftliche Kompetenzen.
Natürlich muss eine OberstufenlehrerIn für Physik einen Überblick über die wichtigsten Gebiete der Physik und die grundlegende Methodik des Fachs bekommen. Für eine GrundschullehrerIn ist dagegen nicht das Fachwissen das Problem. Sie braucht aber die didaktischen Fähigkeiten, um alle Fächer unterrichten zu können – denn das ist in der Schule die Praxis. Und - er oder sie ist fast in gleicher Weise noch Erzieher, Betreuer und LehrerIn und braucht dazu die entsprechenden Kompetenzen.
Dies ist auch der Grund dafür, dass wir ganz entschieden dafür plädieren, in Zukunft die LehrerInnen entsprechend der Altersgruppe der Kinder auszubilden und nicht mehr nach Schulart.
Und ich sage dies nicht nur, weil immer mehr Wirtschaftsverbände sich mehr oder weni- ger dafür aussprechen. So der DIHT in seiner „Vision“ und mehrere Handwerkskammern. Ich sage dies auch mit Nachdruck, weil eine internationale Vergleichbarkeit anders gar nicht herstellbar ist! Der entscheidende Punkt ist folgender: Der Unterricht in einer Grundschule unterscheidet sich vom Unterricht in einer 9. Klasse einer Hauptschule mehr als der Unterricht in der 9. Klasse der Hauptschule von der 9. Klasse eines Gymnasiums. Das gleiche gilt für den Vergleich zwischen dem Unterrichten von 10-jährigen Fünftklässlern und einem Leis- tungskurs in der Oberstufe.
Abgesehen von den Überresten des wilhelminischen Ständedenkens in einigen Lehrer- verbänden gibt es schlicht keinen Grund, dass eine schulartenbezogene Ausbildung der LehrerInnen sachgerecht sein soll – auch nicht unter Beibehaltung des fünfgliedrigen Schulsystems.
Wenn wir an den Hochschulen eine Lehrerausbildung auf hohem wissenschaftlichem Ni- veau gewährleisten wollen, dann müssen auch die Schulen selbst in noch stärkerem Maß als heute Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung sein.
Die bekanntesten wissenschaftlichen Forschungsinstitute sind meist solche für Wirt- schaft, Medizin, Physik, für Meeresforschung usw. Dagegen führen die Institute, wie das IPN in Kiel, die sich mit Lernprozessen beschäftigen, noch ein Randdasein. In so man- chem wissenschaftlichen Institut der CAU gilt ein Fachdidaktiker in Wirklichkeit immer noch als ein Professor zweiter Klasse.
Wenn wir aber begriffen haben, dass nichts so entscheidend ist für unseren zukünftigen Wohlstand, wie das Wissen in den Köpfen unserer Kinder, dann ist die Erforschung der Bildungsprozesse von der Geburt an, über die Berufs- und Hochschulausbildung bis hin zur Weiterbildung im Alter, die zentrale Herausforderung, der wir uns stellen müssen.
Die Investitionen in Ausbildung haben für die Zukunft unseres Landes einen zentralen Stel- lenwert! Wer aber die Schulbildung unserer Kinder verbessern will, der muss auch in die Leh- rerausbildung investieren. Ich würde mich deshalb freuen, wenn es uns in diesem Sinne ge- länge, im Bildungsausschuss eine konstruktive Zukunftsdiskussion über die Lehrerbildung zu führen.
***

Download PDF

Pressefilter

Zurücksetzen