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Lars Harms zu TOP 23 - Sichere Lebensmittel - Besserer Verbraucherschutz
Presseinformation Kiel, den 14.12.2005 Es gilt das gesprochene WortLars Harms Verbrau TOP 23 Sichere Lebensmittel – Besserer Verbraucherschutz Drs. 16/425Der Gammelfleischskandal hat einmal wieder gezeigt, was alles möglich ist, wenn skrupelloseGeschäftemacher versuchen, noch mehr Geld zu machen. Viele werden das Gefühl nicht los, dassoft von den Beteiligten einfach nicht hingesehen wird, wenn es offensichtlich erscheint, dass nichtfür den menschlichen Verzehr geeignetes Fleisch angekauft wird, um es dann doch in den mensch-lichen Verzehr zu bringen. Nachrichten, dass Geflügelfleisch mit Wasser aufgespritzt wurde, umnoch mehr Gewicht zu erreichen, taten dann sein Übriges. Sicherlich ist es so, dass tatsächlich nureine geringe Anzahl von Firmen und Personen sich solcher Machenschaften schuldig machen, abertrotzdem zeigen solche Auswüchse, dass wir hier ein echtes Problem haben. Wir haben Problemebei der Kontrolle durch den Staat und bei dessen gesetzlichen Grundlagen. Und wir haben Proble-me, weil die Kunden nicht so qualitätsbewusst handeln, wie wir es uns wünschen.Verbraucherschutzminister Seehofer setzt in seinem 10-Punkte-Plan auf einen verbessertenInformationsfluss, eine Ausweitung der Meldepflichten und eine Rückverfolgbarkeit von sogenanntem Kategorie-3-Material. Darüber hinaus sollen die Lebensmittelkontrollen verbessertwerden und auch eine flächendeckende Kühlhausüberprüfung stattfinden. Alle diese Maßnahmen 2sind richtig und sinnvoll, aber sie führen dann auch automatisch zu Mehrkosten bei den betroffe-nen Herstellern und zu mehr Verwaltungsarbeit, sowohl bei den Behörden als auch bei denBetrieben. Dieser Tatsache müssen wir klar ins Auge sehen. Will die Branche und will der Bürgermehr Sicherheit, so ist diese nicht umsonst und ohne Aufwand zu haben. Wir werden uns also inder Lebensmittelbranche von der Produktion bis zum Verkauf mit mehr Bürokratie auseinandersetzen müssen, um den gestiegenen Anforderungen gerecht zu werden und um Auswüchse, wiewir sie jetzt wieder erlebt haben, zu begrenzen. Verwaltungsaufwand und Kosten sind somit nichtimmer ausschließlich schlechte Dinge, sondern im vorliegendem Fall sogar die Grundlage für denwirtschaftlichen Erfolg der Zukunft in dieser für Schleswig-Holstein wichtigen Branche. Dasmüssen wir bei allen Diskussionen zu Verwaltungsvereinfachung und Kostensenkung in diesemBereich immer wieder bedenken.Wir werden anscheinend auch ein Verbraucherinformationsgesetz bekommen, wie es sich dieGrünen in ihrem Antrag wünschen. Zweimal ist ein solches Gesetz an Schwarz-Gelb in Bundesratschon gescheitert und nun soll jetzt doch dieses Gesetz kommen. Schade nur, dass es immerwieder eines solchen schlimmen Anlasses bedarf, um zur gesetzgeberischen Vernunft zu kommen.Ob in diesem Gesetz wirklich auch die Namensnennung von Firmen, die Verstöße begangenhaben, aufgenommen werden kann ist nach meiner Ansicht fraglich. So sehr man dafür plädierenkönnte, so groß sind auch die rechtsstaatlichen Bedenken – vor allem, wenn eine Firma zu Unrechtan den Pranger gestellt wurde und dann Regressforderungen stellt. Trotzdem ist ein solches Gesetznatürlich gut, weil es für den Bürger den Zugang zu Informationen sichert und er zumindest dieChance bekommt, als Bürger zu erfahren, woraus seine Lebensmittel bestehen.Der einzelne Bürger wird hier sicherlich nicht ständig in Kontakt mit den Behörden stehen. Viel-mehr werden es die Verbraucherverbände sein, die hier für Öffentlichkeit sorgen sollen. Daherwäre es sinnvoll, wenn die Verbraucherverbände ein eigenes Einsichtsrecht erhalten würden. Denndann würde die öffentliche Kontrolle, die so sehr von allen Parteien gewünscht ist, am bestenfunktionieren können. 3Ein Verbraucherinformationsgesetz wird sicherlich auch dazu führen, dass die rechtlichen Grund-lagen für die Veröffentlichung über Vorkommnisse noch sicherer wären und so die jeweiligenBehörden auch mit einer gewissen rechtlichen Sicherheit Daten und Fakten veröffentlichenkönnten. Dieser Prozess ist hoch sensibel und da wäre es natürlich gut, wenn die Rechtsgrundlagenicht nur sehr genau beschrieben wäre, sondern wenn man sich auf Bundesebene auch über einengewissen Grundkonsens einigen könnte.Als weiteren Punkt hat Minister Seehofer auch die Frage in den Raum gestellt, ob nicht ein Verbot,Waren unter den Einkaufspreis zu veräußern, für den Lebensmittelbereich umgesetzt werdenkönne. Dies wäre ein schwerer Markteingriff und es stellt sich dann unweigerlich die Frage, warumdiese Regel nur für die deutsche Landwirtschaft gelten soll? Warum nicht auch für die Textilindust-rie, die Kohleindustrie oder viele andere Branchen? So gut also ein Vorschlag klingt, so schwierigwird die Diskussion darüber. Wir haben durchaus viel Sympathie für die Vorschläge von HerrnSeehofer, aber wer diese Vorschläge hier vorbringt, der muss diese auch für alle anderen Wirt-schaftsbereiche vorbringen. Und dann wäre ich schon gespannt, wie diese Diskussion in Europa –auf dem liberalen Binnenmarkt – aufgenommen würde. So sympathisch diese Lösung ist, soschwierig wird sie umzusetzen sein. Würde man nämlich für deutsche Waren die hohen Preisefestlegen, könnten auch ausländische Waren hier wieder konkurrenzfähiger werden. Für diedeutsche Land- und Ernährungswirtschaft wäre dann nichts gewonnen, sondern eher etwasverloren. Diese Frage gilt es vorher genau abzuwägen, ehe man mit solch einem Vorstoß kommt.Ich glaube solche Diskussionen würden länger andauern und ob sie dann von einer zufriedenstellenden Lösung gekrönt würden, ist doch mehr als fraglich. Deshalb brauchen wir anderekurzfristige Lösungen.Die erste Lösung wäre, wenn wir überprüfen würden, ob wir genügend Kontrollen durchführenund ob die Strukturen, die wir in der Vergangenheit aufgebaut haben, ausreichen. MinisterSeehofer hat ja gefordert, dass die Länder hier mehr tun müssen. Ich glaube aber, dass wir geradeauch nach der BSE-Krise sehr viel gelernt haben und unsere Strukturen hier in Land schon recht gut 4sind. Wenn meine Vermutung richtig ist, würde sich möglicherweise die Frage erübrigen, ob wirstaatlich lizenzierte, freiberufliche Lebensmittelsachverständige brauchen oder nicht.Die zweite Lösung, wäre nicht – wie Herr Seehofer vorschlägt – an die Eigenkontrolle der Wirt-schaft zu appellieren und diese zu fördern, sondern ganz klare Qualitätsstandards festzulegen, diefür jeden Bürger leicht kontrollierbar wären. Hierbei geht es dann um eine Kontrolle von derAufzucht über die Schlachtung und Bearbeitung bis hin zur Lagerung und zum Verkauf. Nach BSEhaben wir es hier in Schleswig-Holstein schon mit den Qualitätstoren versucht und einige Erfolgeerzielen können. Trotzdem sind die Qualitätstore nicht so verbreitet, wie wir es uns wünschen. Waswir deshalb brauchen ist, keine regionale Lösung, sondern ein bundesweites Qualitätssiegel, dasähnlich wie das bundesweite Bio-Siegel, dokumentiert, dass bei Produktion, Lagerung und Verkaufalles in Ordnung ist. Ein solches Qualitätssiegel wäre für den Kunden transparent und für dieBetriebe wirklich erstrebenswert. Und es wäre ein echter Wettbewerbsvorteil für diejenigen, diedieses Qualitätssiegel vorweisen könnten. Dabei wäre ein solches Qualitätssiegel wirklich einMarktanreiz und eine Möglichkeit, ohne in den Markt direkt einzugreifen, trotzdem die guteProduktion in unserem Land herauszustellen. Selbstredend müsste man dann auf die Förderungvon alten Gütezeichen verzichten und sich von Seiten des Landes dann auf die Förderung undVermarktung eines solchen bundesweiten Qualitätssiegels umsteigen. Allerdings würde man danneine bundesweite Transparenz für den Verbraucher gewinnen. Und das regionale Schleswig-Holstein-Wappen könnte man immer noch mit verwenden.Wenn wir die Sachlage ehrlich betrachten, so kommen wir bei allen Lösungsmöglichkeiten nichtum zusätzliche finanzielle Leistungen herum. Wir müssen die sauberen Produkte besser vermark-ten, wir müssen ein Qualitätssiegel von der Produktion bis zum Endverbraucher schaffen und wirmüssen bereit sein, mehr Verwaltung und mehr Kosten auf uns zu nehmen. Und dabei meine ichnicht den Staat, sondern diejenigen, die sich von den Machenschaften der skrupellosen Geschäf-temacher abgrenzen wollen. Erst dann wird auch der Verbraucher erkennen können, was Qualitätist und was nicht – und sich danach richten.