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Dr. Henning Höppner zu TOP 35: Schleswig-Holstein braucht mehr Abiturienten
Sozialdemokratischer Informationsbrief Kiel, 25.01.2006 Landtag Es gilt das gesprochene Wort! Sperrfrist: Redebeginn aktuellTOP 35 - Bericht über die Weiterentwicklung des Schulsystems (Drucksache 16/353 neu und 16/495)Dr. Henning Höppner:Schleswig-Holstein braucht mehr AbiturientenSchleswig-Holstein ist heute schon Importland für ausgebildete Akademiker, führt der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dr. Henning Höppner, aus. Mit Beginn des Schuljahres 2008/09 wird Schleswig-Holstein in die 8-jährige gymnasiale Schulzeit bis zum Abitur einsteigen. Doch aufgrund der immer noch starken sozialen Dif- ferenzierung und der hohen Zahl an Klassenwiederholungen wird man verstärkt auf den 13-jährigen Weg zum Abitur setzen müssen, um mehr Schülerinnen und Schüler mit Hochschulzugangsberechtigung zu erhalten. Die Gemeinschaftsschule wird die Chance eröffnen, auch an Standorten, an denen ein Bildungsgang zum Abitur nicht existiert, ein solches Angebot aufzubauen.Die Rede im Wortlaut:Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat im November des letzten Jahres eine Vergleichsstudie der Bildungssysteme der Bundesländer veröffentlicht. Nach dieser Stu- die hat Schleswig-Holstein knapp hinter Bayern den höchsten Anteil öffentlicher Ausgaben für allgemeinbildende Schulen. Und auch im Bereich der Beruflichen Schu- len gibt Schleswig-Holstein pro Berufsschüler im Dualen System nach Bayern das meiste Schleswig- HolsteinHerausgeber: SPD-Landtagsfraktion Verantwortlich: Petra Bräutigam Landeshaus Postfach 7121, 24171 Kiel Tel: 0431/ 988-1305/1307 Fax: 0431/ 988-1308 E-Mail: Internet: pressestelle@spd.ltsh.de www.spd.ltsh.de SPD -2-Geld aus. Bei den Berufsschülern im Vollzeitbereich ist Schleswig-Holstein sogar Spit- zenreiter.Ich erwähne das hier einleitend, weil uns in der öffentlichen Diskussion um eine Weiter- entwicklung unserer Schulen immer wieder vorgehalten wird, dass andere Bundesländer doch viel mehr Geld in die Hand nehmen. Das ist so nachgewiesener Maßen nicht rich- tig. Vielmehr sind unsere finanziellen Anstrengungen als wirtschaftlich strukturschwach geltendes Land erheblich.Das Jahr 2006 ist das Jahr fünf nach Erscheinen der ersten PISA-Studie und wiederum ein Jahr, in dem die dritte PISA-Studie starten wird. Die Aufgeregtheiten um die Ergeb- nisse der Studien finden vor allem in deutschen Bundesländern statt. In den anderen eu- ropäischen Ländern spielen die PISA-Studien in einer öffentlichen bildungspolitischen Diskussion kaum eine Rolle, vielleicht abgesehen von Finnland, das als Siegerland ge- radezu zu einer Art Wallfahrtsort für bundesrepublikanische Bildungspolitiker geworden ist. Es ist bei uns in der Bundesrepublik Deutschland auch eher der föderale Wettbe- werb in der Ranking-Liste, der die politische Diskussion bestimmt.Ich will in meinen Ausführungen nur zu zwei Aspekten Stellung nehmen. Erster Punkt: Der Schwachpunkt unseres Schulsystems, und zwar bundesweit, ist die starke soziale Differenzierung. Der Schulerfolg in Deutschland ist ganz wesentlich durch das Elternhaus bestimmt. Die soziale Differenzierung ist besonders groß in Bay- ern, gefolgt von Schleswig-Holstein. Nur 18,8 % der Schülerinnen und Schüler Bayerns erreichen in den allgemeinbildenden Schulen eine Hochschulzugangsberechtigung und 16,9 % erreichen einen Hochschulab- schluss.Der Verband der bayerischen Wirtschaft hat festgestellt, dass das Land Bayern schon im Jahre 2015 den Eigenbedarf an akademisch ausgebildeten Führungskräften in Wirtschaft -3-und Verwaltung, im Bereich der Lehrkräfte, Forschung und Wissenschaft, im Gesund- heitswesen und anderen Bereichen nicht mehr wird decken können. In Schleswig- Holstein ist das nicht anders. 22 % der Schulabgänger erreichen die Hochschul- oder Fachhochschulreife, aber nur 12,7 % erreichen einen Hochschulabschluss. Mit Branden- burg sind wir das Schlusslicht in der Bundesrepublik.Wir brauchen mehr Abiturienten und Schüler mit der Fachhochschulreife. Denn Schleswig-Holstein ist heute schon Importland für ausgebildete Akademiker, zum Bei- spiel in der Lehrerversorgung. Neben diesem hohen Maß an sozialer Differenzierung stellt sich in Schleswig-Holstein ein ganz besonderes Phänomen. Schleswig-Holstein ist das Land mit dem höchsten Anteil an Schülerinnen und Schülern, die eine verzögerte Schullaufbahn haben, sprich: das Land mit dem größten Anteil an Rückstellungen, Klassenwiederholungen und Schrägversetzungen. Und zwar mit sehr deutlichem Vorsprung vor dem nächsten Bundesland und einer Größenordnung, die mehr als dop- pelt so hoch ist wie zum Beispiel im Bundesland Thüringen. Der Anteil der Klassenwie- derholer ist in den Grundschulen unseres Landes mit 2 % bundesweit schon sehr hoch. Thüringen hat wieder nur halb so viel. Aber in den weiterführenden Schulen sind wir in diesem Bereich einsame Spitzenklasse.Es scheint, meine Damen und Herren, in Schleswig-Holstein eine lange Tradition des Sitzenbleibens oder des Klassenwiederholens zu geben, die wir sicher schon aus unse- rer eigenen Schulzeit her kennen. Daher glaube ich, finden viele Menschen in unserem Lande auch nichts Dramatisches an diesem Tatbestand.Das Institut der deutschen Wirtschaft, ich habe es vorher schon zitiert, macht in einer Schlagzeile im November darauf aufmerksam, dass das Klassenwiederholen erhebli- chen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht, es wurden Zahlen von 3,7 Milliarden Euro genannt, die besser in eine Förderung von Schülerinnen und Schülern gesteckt werden könnte. -4-Wenn 15-jährige Hauptschüler in Schleswig-Holstein zu mehr als 70 % eine verzögerte Schullaufbahn haben, dann besuchen Hauptschüler bei uns nicht neun Jahre die Schule bis zum Ende der Schulzeit, sondern durchschnittlich gut zehn Jahre. Was das für Kos- ten verursacht, können wir uns leicht ausrechnen. Wie stark das Instrument des Sit- zenbleibens oder Schrägversetzens in den Köpfen unserer Schulen und Lehrerkollegen verankert ist, mag folgendes Beispiel zeigen: Im Kreis Rendsburg-Eckernförde hat eine Grund- und Hauptschule in ihrem Hauptschulteil derzeit noch insgesamt 80 Schüler. Dass sich die Schule Sorgen um die zukünftige Schülerentwicklung macht, ist verständ- lich. Allerdings geht der Vorwurf, die Existenz dieser Hauptschule sei gefährdet, an die Landesregierung und die Koalitionspartner, weil sie das Schrägversetzen nach der Klas- se 7 deutlich reduzieren will, also weniger Realschülerinnen und -schüler auf die Haupt- schulen zurückversetzt werden.Schrägversetzungen und Sitzenbleiben dürfen nicht zu einem Instrument der Si- cherung von notwendigen Schülerzahlen werden. Genauso wenig darf das Sit- zenbleiben das erste Förderungsinstrument von leistungs- oder meistens sogar nur teil- leistungsschwachen Schülern bleiben. „Sitzenlassen ist beschämend und bringt fast nie Vorteile!“ Das ist ein Zitat des Hamburger Bildungswissenschaftlers Peter Struck. Sie können es heute nachlesen in einem Leitartikel in der Schleswig-Holsteinischen Landes- zeitung.Wir müssen hier umsteuern und gezielter über die individuelle Förderung von Schüle- rinnen und Schülern nachdenken, nicht nur um ihr Leistungsniveau anzuheben, son- dern auch um ihre Bildungschancen besser auszuschöpfen.Ich komme zum zweiten Punkt: Mit Beginn des Schuljahres 2008/09 werden wir einstei- gen in die 8-jährige gymnasiale Schulzeit bis zum Abitur. In den acht Jahren wird es dieselbe Unterrichtsmenge geben wie in den heutigen neun Jahren, also 265 Jahreswo- -5-chenstunden oder mindestens 256. Die Unterrichtsdichte in den Gymnasien wird steigen, durchschnittlich werden es 32-34 Unterrichtsstunden pro Woche sein. Kommen Arbeits- gemeinschaften hinzu, kann es für einige Schülerinnen und Schüler durchaus zu einer 40 Stunden-Woche kommen. Siebte und achte Stunden werden zum Regelfall und der Weg der Gymnasien zu gebundenen Ganztagsschulen wird nicht sehr weit sein. Die Ca- feteria wird Regelausstattung werden. Es sei denn, die Gymnasien entschließen sich, wieder zum Sonnabendunterricht zurückzukehren.In den Integrierten Gesamtschulen werden es nach wie vor 13 Jahre sein bis zum Abitur. Der Weg über die Realschule und das Fachgymnasium oder die Oberstufe eines Gym- nasiums wird ebenfalls 13 Jahre dauern, genauso wie über die Gemeinschaftsschulen oder innerhalb der Gemeinschaftsschulen, wenn sie denn eine gymnasiale Oberstufe haben werden. Dieser schnellere Weg sichert erkennbar die Exklusivität des Gymnasi- ums. Darüber sind wir uns in meiner Fraktion schon im Klaren.Wir glauben auch aufgrund der ersten Erfahrungen aus anderen Bundesländern, dass der Leistungsdruck für die Schüler und die Lehrerkollegien eher steigen wird. Zu- mindest in der Umstellungsphase, in der die sechsjährige Sekundarstufe I und die fünf- jährige parallel verlaufen.Da wir nachgewiesenermaßen mehr Schulabgänger mit Hochschulzugangsberechtigun- gen brauchen, insbesondere angesichts der demografischen Entwicklung, werden wir verstärkt auf den 2., den 13-jährigen Weg zum Abitur setzen müssen. Die Gemein- schaftsschule wird die Chance eröffnen, auch an Standorten, an denen ein Bil- dungsgang zum Abitur nicht existiert, ein solches Angebot aufzubauen. Ich denke hier vor allem an den ländlichen Raum oder den Landesteil Schleswig. Die Gymnasien befinden sich dort an der Westküste in Niebüll und Husum im Osten in Flensburg, Sat- rup, Kappeln und Schleswig und Rendsburg im Süden. Die große Fläche des Landestei- les ist frei von gymnasialen Angeboten. -6-Ich glaube, dass die Schulträger sehr schnell die Chancen erkennen werden, die ein komplettes Angebot der Bildungsgänge in einer Schule eröffnen. Denn letztendlich be- stimmt ein Schulangebot vor Ort auch die Standortqualitäten in einem Amt oder ei- ner Gemeinde.Der Bericht der Landesregierung ist eine Art Annotation zur kommenden Schulgesetzno- velle. Sie wird zu intensiven Diskussionen um die Entwicklung unseres Schulsystems führen. Die SPD-Fraktion ist jedenfalls der Überzeugung, dass wir mit den Vereinbarun- gen im Koalitionsvertrag, mit den Eckpunkten und dem vorliegenden Bericht auf dem richtigen Weg sind.