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Anke Spoorendonk zu TOP 35 - Bericht über die Weiterentwicklung des Schulsystems
PresseinformationKiel, den 25.01.2006Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 35 Bericht über die Weiterentwicklung des Schulsystems Drs. 16/495Für das Innenleben der Großen Koalition mag es ja von hoher Bedeutung sein, dass alles, was imvorliegenden Bericht über die Weiterentwicklung des Schulsystems steht, auch im Koalitionsver-trag nachzulesen ist – „in Abschnitt vier“, für diejenigen, die es genau wissen wollen. Aus parla-mentarischer Sicht wirkt die Einleitung insgesamt doch eher wie eine Zumutung. Und inhaltlichbetrachtet bringt er uns leider nicht viel weiter als das, was bisher veröffentlicht worden ist.Gern möchten wir aber die Bildungsministerin dafür loben, dass sie die individuelle Förderungder Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt der Schule rücken will. Das weitgehende Ab-schaffen von Sitzenbleiben und Schrägversetzungen sind sinnvolle Maßnahmen, denn – wie alleUntersuchungen belegen – beides hat bisher in der Regel nicht den gewünschten Erfolg gehabt.Ohne Fortbildung der Lehrkräfte wird es aus Sicht des SSW aber nicht möglich sein, diese Zieleumzusetzen. Denn richtig ist ja – wie im Bericht erwähnt - dass es letztlich auf eine Veränderungder Unterrichtskultur hinausläuft. 2Auch möchten wir die Bildungsministerin ermutigen, bei der Gemeinschaftsschule nicht kleinbeizugeben. Was vor der Landtagswahl galt, sollte immer noch der Maßstab für die Einführungder Gemeinschaftsschule sein. Damit meine ich, dass Konkretisierungen und präzisere Festle-gungen dringend notwendig sind, um die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein zu etablie-ren. Der SSW ist sich immer bewusst gewesen, dass es nicht möglich ist, das Schulsystem inSchleswig-Holstein wie auf dem Reißbrett zu verändern. Unser Ziel ist aber weiterhin, dassKinder länger gemeinsam unterrichtet werden sollen. Und somit werden wir das neue Schulge-setz daran messen, dass es transparente Wege dafür aufzeigt. – Soll heißen: es darf nicht sokommen, dass nur Gesamtschulen in Gemeinschaftsschulen umgewidmet werden oder dass esausschließlich zu Zusammenlegungen von Haupt- und Realschulen kommt. Gemeinschaftsschu-len dürfen auch nicht per se zu Schulen für Benachteiligte umfunktioniert werden, denn – auchdafür gibt es genügend Untersuchungen - sowohl die schwachen als auch die guten Schülerin-nen und Schüler profitieren von heterogenen Lerngruppen.Die beiden jüngsten PISA-Studien haben einmal mehr deutlich gemacht, dass in Deutschlandinsgesamt und auch in Schleswig-Holstein die schulische Laufbahn eines Kindes stark davonabhängt, welcher sozialen Schicht die Eltern angehören. Vor diesem Hintergrund enthält derBericht einige Aussagen, die den SSW aufhorchen lässt. – Die wir uns, wenn sie in Gesetzesformvorliegen, ganz genau angucken werden. Über die Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien gehtaus dem Bericht zum Beispiel hervor, dass an den Gesamtschulen weiterhin der 13jährige Bil-dungsgang bestehen bleiben soll. Das gleiche gilt für das Fachgymnasium. Aus Sicht des SSWheißt das, es werden weitere Hürden eingebaut: Nur, wer gut ist und die Unterstützung desElternhauses erfährt, macht künftig Abitur am „traditionellen“ Gymnasium. Alle anderen wer-den auf die Gesamtschule oder auf das Fachgymnasium verwiesen. Dass es Wartelisten bei denGesamtschulen und bei den Fachgymnasien ein Art Numerus Clausus gibt, füge ich dabei nur amRande hinzu. 3Für den SSW steht fest, dass wir eine Entwicklung dieser Art nicht wollen. Wir bleiben dabei, dassaus unserer Sicht eine Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien nur Sinn macht, wenn die Schul-strukturen insgesamt verändert werden. Nicht hinnehmbar sind für uns Strukturen, die zu weite-ren Sortiermechanismen führen.Zum Thema Oberstufenreform und Zentralabitur haben wir in diesem Haus erst kürzlich eineDebatte geführt. Hier und heute möchte ich nur meiner Verwunderung darüber Luft machen,dass wir dem Bericht auf Seite 5 zum Thema Zentralabitur folgendes entnehmen können: „InFächern, wo dies von den Lehrplänen her möglich ist, ist eine Kooperation mit Hamburg ange-bahnt“. Daher sage ich: Wenn die Landesregierung den Nordstaat will, dann soll sie das auchlaut sagen und ihn nicht überall mit hineinschmuggeln!Ansonsten teilt der SSW die Kritik der GEW an der Reform des Gymnasiums. Denn die Festschrei-bung von Mathematik, Deutsch und einer Fremdsprache als verbindliche Prüfungsfächer imAbitur steigert nicht die Studierfähigkeit der Abiturenten, sondern offenbart nur ein antiquiertesVerständnis von Allgemeinbildung.Der Bericht geht auch auf die Perspektiven für die zukünftige Finanzierung der Schulen derdänischen Minderheit ein. Hier vermisst der SSW eine Klarstellung der Landesregierung, dassman seit 1997 vom Prinzip der Gleichstellung von öffentlichen Schulen und den Schulen derdänischen Minderheit abgewichen ist. Auch wenn durch eine Schulgesetzänderung - unterstütztvon SPD, Grünen und SSW - nach 2001 eine Nachbesserung zugunsten der Schulen in freierTrägerschaft beschlossen wurde, so hat der dänische Schulverein seit 1997 durch die fehlendeGleichstellung bereits um die 6 Millionen • Einnahmen verloren. Das wurde im Übrigen auch beider Anhörung im Bildungsausschuss im Dezember 2005 sehr deutlich. Wenn im Bericht daherZahlen präsentiert werden, die zeigen, dass der Dänische Schulverein seit 2001 weniger Schüler-zahlen, aber mehr Zuschüsse erhalten hat, so ist das also nur ein Teil der Wahrheit. 4Bei einer Umsetzung der Gleichstellung hätte der dänische Schulverein also weitere Zuschüssevom Land erhalten. Daher darf es keinen verwundern, wenn der dänische Schulverein zurzeitgroße finanzielle Probleme hat. Eine Schließung von drei Schulen und zwei Kindergärten istimmer noch aktuell und soll in der nächsten Woche gegebenenfalls beschlossen werden. Insbe-sondere Schulschließungen sind für die dänische Minderheit katastrophal, da die Schulen auchKulturzentren und Zentren des Vereinslebens sind.Der SSW hat sich deshalb über die Deutlichkeit gefreut, mit der sich Ministerpräsident Carsten-sen bei seinen dänischen Gastgebern über die Minderheitenpolitik in Schleswig-Holstein geäu-ßert hat. So hat Peter Harry Carstensen in Kopenhagen öffentlich klargestellt, dass Minderhei-tenzuschüsse „keine Subventionen sind, sondern den Minderheiten als gleichberechtigte Staats-bürger zustehen“. Dennoch sei die Frage erlaubt, warum denn die dänische Minderheit bis 2008auf die finanzielle Gleichstellung bei den Zuschüssen für seine Schulen warten muss und dieLandesregierung nicht schon vorher handeln will.Im Übrigen darf die Gleichstellung aus Sicht des SSW nicht nur für die Schülerkostensätze gel-ten, sondern auch für Bauinvestitionen sowie für die Kosten der Schülerbeförderung. Daherfindet auch eine andere Aussage des Ministerpräsidenten anlässlich seines Besuchs in Kopenha-gen die Zustimmung des SSW. In Dänemark hat Peter Harry Carstensen gesagt, dass die „Min-derheiten keine Belastung für Schleswig-Holstein, sondern eine Chance sind.“ Hier fragen wiruns, warum der CDU-Landesvorsitzende Carstensen dann nicht verstärkt auf seine Kommunalpo-litiker im Landesteil Schleswig einwirkt und sie mit seiner Haltung vertraut macht.Hier denke ich natürlich insbesondere an die Kürzungen bei den Zuschüssen für die Schülerbe-förderung in den CDU-geführten Kreisen. Der Ministerpräsident hat jetzt eine wohlwollendePrüfung einer gesetzlichen Regelung für die Zuschüsse der Schülerbeförderung zu den dänischenSchulen zugesagt. Das ist positiv. Der SSW wird daher die in diesem Jahr anstehende Schulge-setzänderung und insbesondere die angestrebte Änderung des Schullastenausgleiches nutzen, 5um eine gesetzliche Regelung der Schülerbeförderung im Sinne der Gleichstellung herbeizufüh-ren. Für den SSW steht fest: in Sachen Minderheitenpolitik ist 2006 der Lackmus -Test für den Lackmus- Großen Koalition, schönen Wor guten Willen der Großen Koalition, dann werden wir sehen, ob den sc hönen Wo rten auch folgen. Taten fo lgen.Der Friesischunterricht in Nordfriesland und auf Helgoland ist eine Erfolgsgeschichte. Dies wardie Konklusion meines Kollegen Lars Harms, nachdem er eine Antwort der Landesregierung aufeine Kleine Anfrage zum friesischen Schulunterricht erhalten hatte, auf die der Bericht auchverweist. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die Frie-sischunterricht erhalten, verdoppelt. Das zeigt, dass die Zweisprachigkeit bei Eltern und Schülernals immer wichtiger angesehen wird und dass man die Möglichkeiten in Nordfriesland auchnutzt.Allerdings ist die Anzahl der Schulstandorte, an denen Friesischunterricht erteilt wird, in denletzten Jahren leicht gesunken. Es wurden Angebote zusammengelegt, und man hat versucht, zueffektiveren Strukturen zu kommen. Wir können jetzt feststellen, dass zwar weniger SchulenFriesischunterricht anbieten, dafür sind die Angebote aber viel breiter in der Region verteilt undviel mehr Schülerinnen und Schüler können Friesischangebote wahrnehmen. Damit wird diefriesische Spracharbeit auf eine breitere Basis gestellt, und wir erwarten, dass das Land diesenWeg konsequent weitergeht. Nicht hinnehmbar ist für uns, wenn diese wichtige Arbeit vor Ort -salopp gesagt – durch kleinliche Auflagen der Schulaufsicht in Frage gestellt oder gar behindertwird.Leider können wir beim Dänisch-Unterricht an den öffentlichen Schulen nicht in gleicher Weisevon einer Erfolgsstory sprechen. Denn hier sind die Zahlen – mit löblichen Ausnahmen, die dieLandesregierung im Bericht erwähnt - z.B. die gemeinsame Europaklasse an den Gymnasien inNiebüll und Tønder – insgesamt gesehen gesunken. Für eine Verbesserung der grenzüberschrei-tenden Zusammenarbeit ist es aber entscheidend, dass vermehrt die Sprache des Nachbarn 6erlernt und gesprochen wird. Der von der Region Schleswig-Sønderjylland am 9. Februar veran-staltete Sprachentag ist daher ein sehr gutes Projekt, um genau dieses Ansinnen voranzubringen.Gerade im deutsch-dänischen Grenzgebiet hat das Erlernen der dänischen Sprache eine großeBedeutung für die Berufschancen junger Menschen. Angesichts einer Arbeitslosenquote vonunter 5 % und eines wachsenden Arbeitskräftemangels in Sønderjylland haben Schleswig-Holsteiner mit Dänischkenntnissen eine gute Berufsperspektive im südlichen Dänemark. DieseChance darf die Landesregierung nicht verschenken. Der SSW bleibt deshalb bei seiner Forde-rung, dass die Landesregierung mehr Ressourcen für den Dänisch-Unterricht an öffentlichenSchulen absetzen muss - und zwar dringend.