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Karl-Martin Hentschel zur Weiterentwicklung des Schulsystems
PRESSEDIENST Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein Pressesprecherin Es gilt das gesprochene Wort! Claudia Jacob Landeshaus TOP 35 – Weiterentwicklung des Schulsystems in Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel Schleswig-Holstein Durchwahl: 0431/988-1503 Zentrale: 0431/988-1500 Dazu sagt der bildungspolitische Sprecher Telefax: 0431/988-1501 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Mobil: 0172/541 83 53 Karl-Martin Hentschel: E-Mail: presse@gruene.ltsh.de Internet: www.sh.gruene-fraktion.de Nr. 038.06 / 25.01.06Auf dem Weg nach Sachsen?Dieser Bericht ist schon eine seltsame Mischung.Die SPD darf die Gemeinschaftsschule ins Schulgesetz schreiben, aber noch immer weiß keiner so richtig, was das sein soll. Die CDU bekommt als Ausgleich eine Oberstufenreform mit Abschaffung des Kurssystems, Zentralabitur und Schulzeitverkürzung.Wenn wir dann auf den üblichen Podiumsdiskussionen vor Ort sitzen, erlebe ich folgendes: Anke Spoorendonk und ich streiten für eine konsequente Schulreform. Die SPD erklärt, an sich wolle sie das alles gar nicht so. Die CDU sagt, sie könne auch nicht so richtig erklären, was das alles soll. Und Dr. Klug findet das dreigliedrige Schulsystem toll, aber so, wie die Große Koalition das macht, sei alles Mist.Und an den Schulen sitzen die Lehrer, staunen über das, was da wieder ausgebrütet wird, und haben die Hoffnung auf Besserung längst aufgegeben.22,3 Prozent aller deutschen SchülerInnen können ein normalen Zeitungstext nicht lesen und verstehen, wenn sie die Schule verlassen. Dafür erwarte ich eine Erklärung.Das konservative ifo-Wirtschaftsinstitut der Universität München hat alle bekannten interna- tionalen Studien noch mal aufgearbeitet. Sie haben dabei untersucht, welche Faktoren dazu führen, dass die Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern gute Bildungschancen haben. Und wieder Erwarten kommen ausgerechnet die konservativen Bayern zu folgendem Er- gebnis: Wirklichen Einfluss haben nur zwei Faktoren - das Alter, in dem die Kinder in meh- rere Schularten aufgeteilt werden, und die Anzahl der Kinder, die bereits mit drei Jahren in den Kindergarten gehen.1/3 Für Deutschland bedeutet das: Am Ende der gemeinsamen Grundschule liegen wir bei der Bildungsgerechtigkeit noch im oberen Mittelfeld. Bei 15-jährigen erreicht Deutschland aber den unrühmlichen Spitzenplatz als eines der ungerechtesten Schulsysteme weltweit.Und Bayern liegt trotz seiner hervorragenden Durchschnittswerte auf einem der schlechtes- ten Plätze bei der Bildungsgerechtigkeit. Weil immer so auf die Vorbildfunktion Bayerns ge- pocht wird, gestatten Sie mir die Schlusssätze dieser bayerischen Studie zu zitieren:„Das mehrgliedrige Schulsystem wird oftmals mit angeblichen positiven Niveaueffekten, insbesondere für leistungsstarke Schüler, verteidigt. Die vorlegten Befunde legen aber na- he, dass eine frühe Selektion der Schüler in verschiedene Schultypen nicht nur die Chan- cenungleichheit erhöht, sondern auch das gesamte Leistungsniveau eher senkt als erhöht. Damit ergibt sich in diesem Bereich eher kein Zielkonflikt zwischen Gleichheit und Effizienz in der Organisation des Schulsystems.“Und was macht diese Landesregierung?Diese Landesregierung stärkt vor allem die Gymnasien. Sie will in den kommenden Jahren im Rahmen der Schulzeitverkürzung zusätzlich 4 Stunden Unterricht pro Woche – das sind 15 Prozent mehr – in die Klassen 5 bis 9 der Gymnasien stecken.Die Hauptschulen bekommen davon nichts! In den Hauptschulen werden die Kinder, die schlechteres Deutsch sprechen und aus unteren sozialen Schichten stammen, isoliert und von denen, die geistige Anregungen geben könnten, künstlich getrennt.Und damit sich daran nichts ändert, bekommen sie auch noch weniger Unterricht. Ist das die Stärkung der Hauptschulen, die die CDU uns immer lauthals angekündigt hat?Das ist nicht nur ungerecht, das ist ein bildungspolitisches Verbrechen. Ich verstehe nicht, dass die Sozialdemokratie sich so etwas gefallen lässt.Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hat gemeinsam mit der Prognos AG ein Buch herausgegeben mit dem Namen „Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt“. Ich zitiere aus den Empfehlungen auf Seite 148: „Der deutsche Sonderweg eines dreigliedrigen Schulwe- sens lässt sich im Europäisierungsprozess nicht halten. Im globalen Maßstab ist durchaus eine Entwicklung erwartbar, wie sie in Japan mit der Einheitsschule erfolgreich eingeschla- gen wurde: Dort erwerben 95 Prozent eines Altersjahrgangs in einer „Gesamtschule“ eine Hochschulberechtigung.“Und die Studie fährt fort: „Begabungsreserven im Bereich der Kinder mit Migrationshin- tergrund können ebenso wenig durch eine separate Beschulung in der Hauptschule als Restschule aktiviert werden wie die Reserven von hochbegabten Kindern.“ Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Sachsen und Thüringen in den vergangenen Jahren bildungspolitisch den größten Schritt nach vorne gemacht haben, obwohl diese beiden Län- der mit hoher Arbeitslosigkeit extrem schlechte Ausgangsbedingungen haben. Sachsen und Thüringen haben keine Hauptschule mehr.Die Bürgerschaft in Hamburg hat jetzt eine Enquete-Kommission eingesetzt, die die Frage beantworten soll, wie die Abschaffung der Hauptschule organisiert werden kann.Insofern begrüße ich es, dass nun auch der Bildungsausschuss in Schleswig-Holstein auf Initiative der CDU nach Sachsen fährt und sich das anschaut. Ich komme mit. Wir können ja dann auf der Reise einen Antrag zur Einsetzung der Enquete-Kommission formulieren.Zu dem Bericht könnte noch sehr viel gesagt werden. Dazu fehlt leider die Zeit. Deswegen gestatten Sie mir am Schluss die Frage: Welche Schulen brauchen wir?Ich denke, wir brauchen Schulen, an die Kinder gerne gehen, wo sie begeistert werden, selbst zu lernen und ihre Fähigkeiten zu entwickeln, wo ihre unterschiedlichen Fähigkeiten anerkannt und gefördert werden, wo Bildung, Erziehung und ganzheitliche Entwicklung als gleichberechtigt gesehen werden.Wir brauchen Schulen, an denen Eltern und Lehrer sich gegenseitig helfen statt sich als Feinde zu betrachten, und an denen LehrerInnen mit Freude unterrichten.Schulen, an denen der Satz gilt, den Reinhard Kahl immer wieder wiederholt: „Kein Kind darf beschämt werden.“Und das Erstaunliche ist: Solche Schulen gibt es überall: Nicht nur in Finnland, auch in Deutschland, in Bayern ebenso wie in Schleswig-Holstein. Ich habe einige besucht: Und das sind nicht nur freie Schulen oder dänische Schulen, das sind auch ganz normale öffent- liche Schulen, wo begeisterte und engagierte Lehrerkollegien die Vorschriften vergessen und eine Schule gestalten, von der andere nur träumen.„Geben Sie Gedankenfreiheit!“ sagte in Schillers Drama „Don Carlos“ der Marquis von Posa zum König von Spanien. Ich heiße nicht Posa und sage deshalb: Kommen Sie zur Besin- nung, Herr Ministerpräsident! Ihre Kollegen in Hamburg bewegen sich – nun machen sie den nächsten Schritt. ***