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23.02.06 , 10:26 Uhr
SSW

Lars Harms zu TOP 19 & 32 - Schleswig-Holstein soll Vorreiter in der palliativmedizinischen Versorgung werden

Presseinformation
Kiel, den 23.02.2006 Es gilt das gesprochene Wort



Lars Harms
TOP 19/23 Schleswig-Holstein soll Vorreiter in der palliativmedizinischen Versorgung werden Drs. 16/496

Auch ich möchte mich natürlich für die gute Zusammenarbeit und für den Bericht der
Landesregierung bedanken. Der Bericht gibt eine gute Grundlage, um gemeinsam auf diesem
Feld weiterarbeiten zu können. Die Reden meiner Vorredner haben deutlich gemacht, dass das
Thema nicht für eine harte politische Auseinandersetzung taugt und dass die Unterschiede in
den Vorstellungen aller Parteien nicht so groß sind, als dass sie unüberwindbar erscheinen
müssen. Ich glaube, wir haben hier ein Projekt für das Land Schleswig-Holstein, das gemeinsam
umgesetzt werden muss und bei dem wir deutlich machen können, dass Politik durchaus in der
Lage ist, gemeinsame Zielsetzungen zu erarbeiten.


Der Bericht selber macht deutlich, dass wir im Land Schleswig-Holstein, was die Palliativmedizin
und Hospizversorgung angeht, nicht schlecht dastehen, wenn wir uns mit den anderen
Bundesländern vergleichen. Das soll uns zwar nicht zufrieden stellen, aber auch deutlich machen,
dass durchaus in den vergangenen Jahren etwas geschehen ist, auf das wir nun aufbauen
können. Wir haben ja nun vor kurzem unser erstes Gespräch zwischen den sozialpolitischen
Sprechern der Fraktionen und der Sozialministerin und deren Mitarbeitern gehabt und uns auf 2

einen konkreten Weg geeinigt, wie wir uns zukünftigen Lösungsansätzen nähern wollen. Ich
glaube, dass die Einbeziehung der Verbände und das regelmäßige Zusammentreffen von
Ministerium und Abgeordneten genau der richtige Weg ist, um auch zu schnellen Lösungen zu
kommen.


Es sei mir aber trotzdem gestattet, dass ich auch als regionaler Abgeordneter der Westküste auf
einen Punkt aufmerksam mache, der schon jetzt durch den Bericht deutlich geworden ist. Im
palliativmedizinischen Bereich gibt es einen noch nicht gedeckten Bedarf an der Westküste. Dies
hat man auch am Klinikum Nordfriesland festgestellt und sieht auch dort die Notwendigkeit,
diese Versorgungslücke zu schließen, zumal man sich dort auch gerade einen Schwerpunkt in der
Geriatrie eingerichtet hat. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, diesen Schwerpunkt mit
der Palliativmedizin zu kombinieren – auch wenn ich natürlich weiß, dass die ältere Generation
nur ein Teil der zu betrachtenden Gruppen ist. Trotzdem glaube ich, dass so auch ein
niedrigschwelliges Angebot für eine größere Gruppe von Betroffenen geschaffen werden kann.


Betrachtet man die derzeitig vorhandene Konstellation am Klinikum in Husum, so kann man
feststellen, dass dort im Bereich der Onkologie und Schmerztherapie schon Strukturen
vorhanden sind, die die Erweiterung auf einen Schwerpunkt Palliativmedizin möglich machen.
Auch die psychologisch-medizinische Betreuung kann dort bereitgestellt werden, wenn ein
solcher Schwerpunkt eingerichtet werden sollte. Wichtig ist aber, dass ein entsprechendes
Konzept erstellt wird, wie und auf welcher Basis ein Schwerpunkt Palliativmedizin dort in Husum
eingerichtet werden soll. Hier müssen, nach meiner Auffassung, weitere Gespräche zwischen
Landesregierung und Klinikträger dazu führen, dass möglichst schnell ein solches Angebot am
Klinikum Nordfriesland eingerichtet werden kann. Einen großen Vorteil haben wir im Übrigen
dabei. Man plant in Nordfriesland an einer umfassenden Umstrukturierung der Kliniken – nicht
nur inhaltlicher, sondern auch baulicher Art. Das führt natürlich automatisch dazu, dass man
gerade dort noch alle Optionen offen hat, ein besonders attraktives Angebot zu schaffen.
Deshalb sollte man gerade in Husum die Gespräche sehr intensiv führen.


Ich möchte aber deutlich machen, dass mir nicht daran gelegen ist, nun das gesamte
palliativmedizinische Angebot direkt im Krankenhaus zu konzentrieren. Vielmehr kann man dort 3

nur die unterstützenden Strukturen schaffen. Im Regelfall sollte man aber versuchen, dass
eigentliche stationäre Angebot eben gerade nicht im Sinne einer Krankenstation zu führen,
sondern man muss daran denken, dass es sich hier um ein besonderes Angebot handelt, bei dem
auch er äußere Rahmen eine wichtige Rolle spielt. Und auch dabei erscheint mir der Standort
Husum mit seinem äußeren Rahmen rund um das Krankenhaus sehr gut geeignet.


Landesweit haben wir aber auch noch weitere Baustellen zu beackern. So kann ich mir
beispielsweise sehr gut vorstellen, dass man versucht, Synergieeffekte zwischen Angeboten der
Palliativmedizin und der allgemeinen Schmerztherapie zu schaffen. Beides sind Bereiche, die sich
in der Weiterentwicklung befinden und in denen es Überschneidungen gibt. Da bietet es sich
möglicherweise in Einzelfällen an, Fachwissen und Infrastruktur gemeinsam zu nutzen und einen
doppelten Schwerpunkt an einzelnen Standorten zu setzen. Das sind allerdings Fragen, die in der
konkreten Umsetzung eine Rolle spielen und die sicherlich heute nicht zu Ende diskutiert oder
gar allgemeingültig beantwortet werden können. Hier wird es Entscheidungen von Fall zu Fall
geben.


Wir sind uns aber auch, glaube ich, darüber einig, dass die ambulante Versorgung der
Betroffenen einer stationären Versorgung vorzuziehen ist. Deshalb muss man zwar dezentral
stationäre und medizinisch-psychologische Angebote vorhalten, aber noch viel wichtiger ist die
flexible ambulante Versorgungsmöglichkeit. Deshalb kommt den palliativmedizinischen Care-
Teams eine wichtige Bedeutung zu. Wenn wir es schaffen, hier ein dichtes Netz solcher Teams
aufzubauen, wird man in Schleswig-Holstein in der Lage sein, so lange wie möglich in seiner
gewünschten Umgebung zu bleiben. Gerade bei der Einrichtung von neuen Care-Teams wird es
darauf ankommen, die Ehrenamtlichkeit mit einzubinden und für einen ständigen Austausch zu
sorgen. Dieser Austausch findet natürlich auch schon jetzt statt und es gibt natürlich auch schon
sehr viele ähnliche Maßnahmen, die jetzt schon durchgeführt werden. Aber bei jeder neuen
organisatorischen Veränderung muss man auch immer wieder daran denken, dass man
diejenigen, die ehrenamtlich im Hospizwesen tätig sind, mit einplant und mit einbindet.


Ein zweites Thema, neben der Veränderung der ambulanten und stationären Struktur, wäre
noch: Ausbildung und Forschung. Wer einmal betrachtet, was das Thema Palliativmedizin und 4

Hospizversorgung alles ausmacht, wird sehr schnell feststellen, dass es sich hier um ein sehr
breites Feld handelt. Es geht um Schmerztherapie, um die Linderung von bestehenden Leiden
und Krankheiten bei den Patienten, um die besonders wichtige psychosoziale Betreuung von
Patienten und deren Angehörigen und es geht beispielsweise auch um Beherbergungs-
einrichtungen und Wohnmöglichkeiten für die Betroffenen und ihre Angehörigen oder Freunde.
Das heißt, hier greift ein ganzheitlicher und interdisziplinärer Ansatz, der sich auch in der
Ausbildung von Ärzten und Pflegekräften und in der Forschung an den Hochschulen wieder
finden muss. Ein Bereich, der immer noch sehr neu ist und der sicherlich auch hier im Land
Schleswig-Holstein weiter fortentwickelt werden muss.


Dabei gibt es zwei Ansätze: Einerseits, die Ausbildung der Ärzte entsprechend zu ergänzen und
andererseits eine eigene Studiendisziplin zu etablieren. Was die Ausbildung der Ärzte angeht,
wird schon einiges getan, aber wir können feststellen, dass immer noch viele Möglichkeiten
bestehen, die Ausbildung zu ergänzen. Das ist nicht einfach und viele andere Bundesländer
haben in der Hochschulausbildung ihrer Ärzte die gleichen Probleme wie wir. Trotzdem bleibt es
eine Aufgabe für die Zukunft und auch hier erhoffe ich mir für die nächsten Jahre einen Schub
durch die Diskussionen, die wir jetzt gerade führen. Ich verstehe den Antrag der FDP so, dass man
auch gerade hier ansetzen will, aber noch einen Schritt weitergehen möchte.


Neben der medizinischen Ausbildung ergänzt durch palliativmedizinische Angebote, muss es
auch einen regelrechten eigenen Schwerpunkt für die Palliativmedizin geben. Das heißt,
Elemente der Palliativmedizin, die nicht nur von Krankenpflege und Schmerzlinderung handeln,
müssen in Schleswig-Holstein etabliert werden. In Flensburg hat man hier eine gute Basis. An der
Uni Flensburg, am dortigen Institut für Psychologie, wird Gesundheitspsychologie und
Gesundheitsbildung gelehrt. Dabei geht es unter anderem gerade darum, aufzuzeigen, wie man
die Gesundheit und das Wohlbefinden durch vielschichtige Maßnahmen – nicht medizinischer
Art – positiv beeinflussen kann. Diese Forschung in Flensburg hat gerade auf die palliativ-
medizinische Versorgung und deren Erfolge einen hohen Einfluss gehabt. Daher wäre es sinnvoll,
gerade diesen Studiengang in Flensburg besonders ins Auge zu nehmen, wenn es darum geht,
besonders für die Palliativmedizin relevante Studiengänge zu stärken oder auch zu ergänzen.

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