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23.02.06 , 15:24 Uhr
SSW

Lars Harms zu TOP 27 - Wohnen im Alter

Presseinformation
Kiel, den 23.02.2006 Es gilt das gesprochene Wort



Lars Harms
TOP 27 Wohnen im Alter Drs. 16/531

Wie sind alte Menschen? Einerseits sind sie aktiv und andererseits auf Hilfe angewiesen. Die
bunte Wirklichkeit erkennen auch wir als Politiker meistens erst, wenn wir uns selbst der
magischen 60er-Altersgrenze annähern. Warum soll das auch anders sein als bei den
Vorstellungen, die Jugendliche von Erwachsenen haben? Erst wenn man selber zu den früher
verhöhnten Gruftis gehört, weiß man, wie verkehrt man damals gelegen hat.

Doch diesen Selbsterfahrungstrip können wir uns nicht leisten. Wir müssen heute
Entscheidungen für Strukturen treffen, die mittelfristig Bestand haben müssen. Darum ist es so
wichtig, dass wir genau hinschauen und nachfragen. Nachfragen vor allen Dingen bei denen, die
heute schon betroffen sind und meist aus eigener Erfahrung mehr wissen als der eine oder
andere von uns. Im Altenparlament wurden die Zahlen vorgelegt: In den nächsten 40 Jahren wird
der Bedarf an speziellen Altenwohnformen um 2/3 steigen.

Immer weniger Menschen leben in einem funktionierenden sozialen Netz, das sie im Falle der
zunehmenden Pflegebedürftigkeit unterstützen kann. Sie sind auf Hilfe von außen angewiesen. 2
Diese wird seit Jahren im Land sehr professionell erbracht. Doch der Erfolg hat einen Fluch. Nur
noch bei sehr starker Pflegebedürftigkeit zieht ein alter Mensch ins Heim; oft um dort nach
weniger Monaten zu versterben. Kein sehr einladender Ort – auch nicht als Arbeitsplatz für das
Pflegepersonal. Die wenigsten Bewohner ziehen gerne in ein Pflegeheim.


Doch wie sehen die Alternativen aus? Darüber ist auch in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt.
Das Altenparlament fordert seit Jahren mehr Informationen über die Alternativen, aber vor allem
fordert das Altenparlament, die Förderung alternativer Wohnangebote, dazu zählen zum Beispiel
genossenschaftliche Modelle des Zusammenlebens oder Alterswohngemeinschaften. Bevor es
also richtig zwackt und zwickt, zieht man mit Gleichgesinnten in eine Gemeinschaft. Das
Altenparlament hat hier im Landeshaus vor nicht einmal einem halben Jahr Landesregierung und
Wohnungsbauträger aufgefordert, zusammen mit Interessierten das Entstehen von
Hausgemeinschaften zu fördern. Es gibt prominente Vorreiter: so wohnen der ehemalige
Bürgermeister Henning Scherf und seine Frau Luise bereits seit 17 Jahren in einer
Hausgemeinschaft. Laut einer Umfrage möchte jeder dritte Deutsche mit gleichaltrigen
Freunden alt werden und es ihnen gleich tun. Geben wir ihnen die Chance.

Das bedeutet einen Tabubruch, denn noch immer höre ich in vielen Diskussionen – allerdings
vorwiegend von Jüngeren: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ Menschen sind aber keine
Bäume. Die Realität sieht inzwischen so aus: jeder zweiter Mieter zieht zwischen dem 55 und
75.Lebensjahr noch einmal um, meistens in eine Wohnung, die seinen Bedürfnisse eher
entspricht: ebenerdig, kleiner und zentraler gelegen. Das mittlere Eintrittsalter für das betreute
Wohnen liegt bei 78 Jahren. Das ist eine Wohnform, bei der eine selbständige Wohnung erhalten
bleibt, aber Betreuung und Unterstützung im Bedarfsfall dazu gekauft werden können.

Diese Wohnform wird auch von Häuslebauern zunehmend entdeckt. Denn die Neubaugebiete
der 70 und 80er Jahre waren auf manches ausgerichtet, aber nicht auf ältere Menschen.
Barrierefreiheit und Altengerechtigkeit spielten bisher in der Bauleitplanung keine Rolle und wir
haben erst einige zarte Ansätze, was die Erstellung von altengerechten Baugebieten angeht. 3
Aber auch Eigenheimbesitzer haben beim Neubau kaum an ihre sich wandelnden Bedürfnisse
gedacht. Hier brauchen wir noch viel Information für Eigenheimbauer und Kommunalpolitiker.

Wenn sie 70 Jahre werden, müssten sie eigentlich das Haus umbauen: ein barrierefreies
Badezimmer und eine bequemere Treppe stehen ganz oben auf der Liste. Man arrangiert sich
dann mit den Verhältnissen. Denn die wenigsten wissen um die vielen Möglichkeiten, die es
tatsächlich gibt. Betreutes Wohnen, Wohnstift, selbst organisierte Wohngemeinschaften – um
nur einige zu nennen. Ältere Menschen und ihre Familien denken in der Regel nur dann über
Wohnalternativen nach, wenn die Wohn- und Lebenssituation rasch geändert werden muss,
also, wenn sich die Hilfebedürftigkeit ankündigt oder schon nach einem häuslichen Sturz oder
einem Schlaganfall tatsächlich eingetreten ist. Dann muss alles ganz schnell gehen und man
landet unversehens da, wo man eigentlich nie hin wollte. Zeitdruck ist eben ein schlechter
Ratgeber.

Das gilt auch für die politischen Entscheider. Wir brauchen solide Informationen über die
Strukturen, die Vernetzungen, aber nicht zuletzt auch über die Maßnahmen, die bereits im
Bereich des altengerechten Wohnens getroffen wurden. Die Zahl der Alten wächst und
Schleswig-Holstein wird für viele zum Alterswohnsitz. Großstädter zieht es geradezu in den
hohen Norden wegen der frischen Luft und der noch relativ entspannten Immobilienpreise.
Umgekehrt verheißt das gute Geschäfte: Die Sozialimmobilie boomt. Menschen an der Schwelle
des Alters werden mit komfortablen Wohnangeboten gelockt, die auch bei Pflegebedürftigkeit
einen Rundum-Service versprechen. Oftmals allerdings zu einem teuren Module-Preis. Hier gibt
es bislang weder eine richtige Kontrolle noch ein Gütesiegel, an dem sich Wohnungskäufer
orientieren könnten. Es wird höchste Zeit, dass die Landesregierung so etwas in Angriff nimmt.
Die Große Koalition hat sich in einen relativ weichen Berichtsantrag verbissen. Ich verstehe nicht,
dass wir so ausgiebig darüber reden. Das Anliegen der Opposition ist doch ohne Zweifel
berechtigt; nämlich gerade in diesem Wachstumsmarkt genauer hinzuschauen. 4
Unser Ansatz geht, wie bei den Grünen und der FDP weiter. Wir wollen, dass neben den
allgemeinen Wohnformen vor allem auch der Bereich der Pflegebedürftigkeit mit abgedeckt
wird. Damit wollen wir nicht die ältere Generation stigmatisieren oder das ganze Thema nur
einseitig betrachten, sondern wir wollen, dass die größten Probleme – die zweifelsohne bestehen
– auch gelöst werden können. Und die größten Probleme entstehen nun einmal, wenn
Pflegebedürftigkeit entsteht.

Wenn Pflegebedürftigkeit entsteht, fehlt oft die Zeit, ruhig und abwägend handeln zu können.
Wenn Pflegebedürftigkeit entsteht, fällt einem erst auf, dass das eigene Haus und die vielen
Baugebiete nicht altengerecht und barrierefrei sind. Wenn Pflegebedürftigkeit entsteht, merkt
man erst, wie weit weg oft die Leistungserbringer sind und wie schwierig es ist, die
grundlegendsten logistischen Probleme bewältigen zu können. Wenn Pflegebedürftigkeit
entsteht, erkennt man erst, welche immensen Belastungen auf die Familie und den
Freundeskreis zukommen. Wenn Pflegebedürftigkeit entsteht, haben die Betroffenen Probleme,
die so gravierend sind, dass sie einer besonders intensiven Betrachtung bedürfen. Deshalb
wollen wir und die Grünen und die FDP hier den hier diesen weitergehenden Ansatz verfolgen.

Gerade, weil das Thema mit vielen Politikbereichen stark vernetzt ist, sollten wir anhand solider
Daten weiter beraten. Dem SSW geht es eben nicht nur um „Unterstützung“ und „Forderungen“,
über die sich die Regierungsfraktionen unterrichten lassen wollen. Es geht um ganz konkrete
Maßnahmen und deren zeitlicher Festlegung: Erst wenn wir wissen, welche Erfahrungen im
stationären Bereich vorliegen, können ergänzende oder alternative Wohnformen entwickelt und
angeboten werden. Erst wenn wir wissen, wie auch der ländliche Raum in die Konzepte
eingebunden werden kann, können wir ein Gesamtkonzept entwickeln. Wir wollen, dass die
Landesregierung konkret handelt und endlich einen Maßnahmenkatalog erarbeitet der konkret
und mit den Interessenvertretungen der betroffenen abgestimmt ist. Nicht mehr, aber auch
nicht weniger.

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