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28.06.06 , 11:24 Uhr
SSW

Anke Spoorendonk zu TOP 22 - Angebot für SchulabgängerInnen

Presseinformation
Kiel, den 28.06.2006 Es gilt das gesprochene Wort



Anke Spoorendonk
TOP 22 Angebot für Schulabgängerinnen Drs. 16/851

Jedes Jahr im Herbst fragt sich die deutsche Öffentlichkeit besorgt, ob alle Jugendlichen, die es
wünschen, auch einen geeigneten Ausbildungsplatz finden. Wir haben in den vergangenen
Jahren vielfach über den richtigen Weg zur Verbesserung der Ausbildungssituation in der
Bundesrepublik gestritten. Die Erhebung einer Ausbildungsplatzabgabe für nicht ausbildende
Betriebe hatte seinerzeit auch der SSW abgelehnt, weil sie zu bürokratisch und abschreckend
wirken würde. Stattdessen wurde auf Bundesebene ein Ausbildungspakt zwischen der
Wirtschaft und der Bundesregierung vereinbart. Ob dieser Pakt auf Bundesebene erfolgreich
war, darüber lässt sich – angesichts der Tatsache, dass immer noch viele Tausende Lehrstellen
fehlen - allerdings schon streiten.


Aber in unserem Land sieht die Ausbildungssituation etwas anders aus. In Schleswig-Holstein
haben wir bereits seit 1997 ein relativ erfolgreiches Bündnis für Ausbildung, das von der
Landesregierung, der Wirtschaft und den Gewerkschaften getragen wird. Dieses Bündnis hat gut
gearbeitet, denn die Ausbildungszahlen für Schleswig-Holstein lagen in den letzten Jahren
immer über dem Bundesdurchschnitt. Das gilt auch für 2005. So hatten die drei Industrie- und 2
Handelskammern bis Ende Oktober 9.674 abgeschlossene Ausbildungsverträge gemeldet. Das
ist ein Anstieg um 1,65% gegenüber dem Vorjahr.
Die aktuellen landesweiten Zahlen kennen wir leider noch nicht. Aber alle Verantwortlichen
haben darauf hingewiesen, dass sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage in Schleswig-
Holstein im Vergleich zum Vorjahr leicht verringert hat. Im Bericht der Landesregierung über die
Ausbildungssituation vom letzten Jahr wird dann auch hervorgehoben, dass Schleswig-Holstein
Ende August bei der Relation der unbesetzten Stellen zu den noch nicht vermittelten Bewerbern
im Ländervergleich an besten dasteht.


Das zeigt, dass das Sofortprogramm des Landes 2004 - vom damaligen Wirtschaftsminister
Rohwer initiiert - sehr gute Ergebnisse gebracht hat. Insbesondere hat Schleswig-Holstein gute
Erfahrungen mit den vom Land geförderten Akquisiteurinnen und Akquisiteuren gemacht. Es
macht einfach Sinn, dass man potentielle Ausbildungsbetriebe direkt anspricht. Die persönliche
Ansprache der Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhaber wirkt einfach besser als öffentliche
Aufrufe oder Anschreiben. Deshalb muss dieser Teil des Sofortprogramms unbedingt fortgesetzt
werden.


Allerdings weist der DGB zu recht darauf hin, dass trotz gestiegener Lehrstellenzahlen auch die
Zahl der unversorgten Jugendlichen weiterhin angestiegen ist. Das ist ja auch der Hintergrund
des Antrages von Bündnis90/Die Grünen. Der DGB stellt in einer Pressemitteilung vom 31.5.2006
richtigerweise fest, dass in Schleswig-Holstein auf 100 Bewerber nur noch 77 Lehrstellung und
Ausbildungsplätze kommen. Das liegt natürlich auch daran, dass wir im Moment geburtenstarke
Jahrgänge bei den Schulabgängern haben. In 2006 werden wir mit 33.000 Jugendlichen sogar
1.200 Schulabgänger mehr als im letzten Jahr haben.


Deshalb geht es aus Sicht des SSW darum, dass die Politik, die Wirtschaft und die
Gewerkschaften gemeinsam ihre Anstrengungen weiterhin intensivieren, damit wir allen
Jugendlichen eine berufliche Perspektive geben können. Wir begrüßen daher, dass die Grünen 3
dieses Thema auf die Tagesordnung gesetzt haben. Denn es ist enorm wichtig, dass wir diese
Anstrengungen zur Schaffung weiterer Ausbildungsplätze auch seitens des Landtages aktiv
unterstützen.


Auch die Kritik der IHK´s und der Handwerkskammern über die fehlende Qualifikation der
jungen Schulabgängerinnen und Schulabgängern ist schon seit Jahren bekannt und insofern
keine neue Erkenntnis. So geht aus einer jüngst vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
bekannt gewordenen Studie hervor, dass jeder fünfte Jugendliche in der Berufsschule scheitert.
Danach ist die Anzahl der Abbrecher an beruflichen Schulen in den vergangenen zehn Jahren von
16.4% auf 22,6% gestiegen. Allein 2004 haben demnach in Deutschland fast 240.000
Jugendliche ihre Berufsschule oder das Berufsvorbereitungsjahr ohne Abschluss verlassen. In
diesem Zusammenhang wird auf die PISA-Studie verwiesen, wonach gut jeder fünfte 15-jährige
als „Risikoschüler“ eingestuft wird, weil er allenfalls einfachste Aufgaben im Lesen oder Rechnen
beherrscht.


Das sind schon dramatische Zahlen. Deshalb muss es ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit
sein, dass wir die Qualifikationen der Jugendlichen entscheidend verbessern. Aus Sicht des SSW
geht vor diesem Hintergrund auch kein Weg daran vorbei, das Schulsystem in Schleswig-Holstein
grundlegend zu reformiere. Es ist ganz einfach nicht hinnehmbar, dass wir den überwiegenden
Teil aller schulischen Probleme auf die Hauptschule abwälzen. Die Landesregierung hat
angekündigt, dass sie im neuen Schulgesetz zumindest Gemeinschaftsschulen zulassen will.
Auch wenn der SSW mehr erwartet hätte, so ist dies doch ein Schritt in die richtige Richtung, der
auch die schulischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler verbessern kann. Je schneller wir
erkennen, dass unser gegliedertes Schulsystem nicht dazu imstande ist, Antworten auf die
Anforderungen von morgen zu geben, umso mehr helfen wir den zukünftigen Schülerinnen und
Schülern und umso mehr verbessern wir das Bildungsniveau insgesamt. 4
Ein weiterer Punkt in der Diskussion um die Verbesserung der Qualifikationen von Jugendlichen
ist aus Sicht des SSW aber auch, dass das Duale Ausbildungssystem flexibler wird und zum
Beispiel in die Lage versetzt wird, schneller auf neue Berufsbilder oder inhaltliche Entwicklungen
innerhalb eines Ausbildungsberufes zu reagieren. Die neuen, zweijährigen Ausbildungen
machen deutlich, worum es geht. Wir bleiben aber auch dabei, dass man in dieser Frage ruhig
mal den Blick nach Norden wenden kann und eine stärkere Modularisierung von
Ausbildungsgängen in die Wege leiten sollte. Damit würde man sowohl den tüchtigeren als auch
den schwächeren Azubis entgegen kommen und den Anforderungen der Wirtschaft ebenfalls.


Die bisherigen Erfahrungen mit den Regionalen Berufsbildungszentren sind aus Sicht des SSW
sehr positiv. Dies gilt vor allem für die Zusammenarbeit von Berufsschule und Wirtschaft, die
durch diese neuen Konstruktionen gestärkt wird. Aus regionaler Sicht führt dies dazu, dass man
schneller auf Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt reagieren kann. Das preisgekrönte
Pilotprojekt der Gewerblichen Beruflichen Schule der Stadt Flensburg für ihre duale
berufsbegleitende Weiterbildung zum Techniker Mechatronik ist dafür ein herausragendes
Beispiel.
Die Ansätze der Grünen, die sie im Antrag formuliert haben, kann der SSW grundsätzlich auch
unterstützen. Natürlich muss die Bundesagentur für Arbeit ihre Fördermittel ausschöpfen und
für qualifizierende Maßnahmen in Bezug auf die Jugendlichen zielführend einsetzen. Das ist
allerdings eine Selbstverständlichkeit. Sollte dies dennoch nicht der Fall sein, dann muss die
Landesregierung natürlich handeln.
Auch die Forderung, dass die Schulabgängerinnen und Schulabgänger, die noch keinen
Ausbildungsplatz bekommen haben, ein Qualifizierungs- oder Bildungsangebot bekommen
sollten, können wir befürworten. Im Tolerierungsvertrag von SPD, Bündnis90/Die Grünen und
SSW hatten wir einen ähnlichen Passus. Denn ein solches Angebot entspricht weitgehend dem,
was man in Dänemark schon seit Jahren an Maßnahmen für die Jugendlichen vorhält. Die
Jugendarbeitslosigkeit ist daher in unserem nördlichen Nachbarland praktisch nicht mehr
existent. Das muss bei allen aktuellen Problemen auch unser Ziel in Schleswig-Holstein bleiben.

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