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Lars Harms zu TOP 47 - Vorfahrt für Kinder - Kostenlose Kinderbetreuung umsetzen
PresseinformationKiel, den 29.06.2006 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 47 Vorfahrt für Kinder / Kostenlose Kinderbetreuung Drs. 16/828Nach der Fraktionssitzung am Freitag hörte ich die NDR-Regionalnachrichten im Auto. Dortwurde über eine Umfrage des Kreises Nordfriesland unter 2.700 Eltern berichtet. Die Elternbeklagten die unzureichende Versorgung mit Krippenplätzen im Kreis. Im Bericht derLandesregierung „Vorfahrt für Kinder“ heißt es dagegen, dass Nordfriesland gar keinenAusbaubedarf annimmt. Nordfriesland geht von einem bedarfsgerechten Angebot für Kinderunter drei Jahren aus. Was stimmt nun? Natürlich fehlen Krippenplätze, aber auch hier hatHartz-IV für eine besondere Art der Statistik gesorgt, die am realen Bedarf vorbei geht. Das liegtan einer seltsamen Gesetzeskonstruktion im Rahmen der Arbeitsmarktreform. Sie zwingt dieKommunen von einer bestehenden Bedarfsgerechtigkeit auszugehen, denn sonst müsste siefehlende Plätze aus dem eigenen Haushalt finanzieren. Denn Hartz-IV-Einsparungen gibt esnicht.Durch die Vereinbarung, die Einsparungen der Kommunen im Rahmen der Hartz-IV-Gesetz in dieKrippenversorgung fließen zu lassen, sollten all jene beruhigt werden, die dem neuen Vorhabenkritisch gegenüber standen. Der Gesetzgeber rechnete seinen Kritikern vor, dass es sogar zu 2erheblichen Einsparungen kommen würde. 2,5 Mrd. Euro rechnet der Bund noch 2004 vor. Davonsollten 1,5 Milliarden in den bedarfsgerechten Ausbau der Krippenplätze fließen. Das wurde imTagesstättenausbaugesetz festgelegt. Die Praxis von Hartz IV zeigt aber, dass die Schätzungenfalsch waren: die Zahlen der Empfänger lagen von Anfang an höher als alle Schätzungen.Einsparungen hat es kaum gegeben. Das wird landauf, landab beklagt.In dem Bericht heißt es, dass „Angaben zu den realen Einsparungen auf kommunaler Ebenenicht ermittelbar sind.“ Das wäre ein Armutszeugnis für die Kämmerer in unserem Land. Es istwohl eher zu vermuten, dass einige Kommunen nach Einführung von Hartz IV mehr bezahlen alsnoch zu Zeiten der Sozialhilfe.Wenn kein Geld da ist, können keine zusätzlichen Krippenplätze eingerichtet werden. Es ist alsofür den Insider wenig überraschend, dass der gesamte Landesteil Schleswig keinenAusbaubedarf angibt, weil hier hohe Arbeitslosenquoten die kommunalen Haushalte sowiesoschon belasten. Dabei hat gerade der dänische Schulverein beschlossen, in Flensburg eine Krippeeinzurichten, weil die Eltern diesem Träger die Türen eingerannt haben, damit sich möglichstschnell die Situation ändert. Flensburg hat also durchaus einen Bedarf. Und was für die dänischeMinderheit gilt, wird für die deutsche Mehrheitsbevölkerung nicht anders sein.Der Bundesgesetzgeber kann aber beruhigt sein: der Ausbau der Krippenplätze wurde vor zweiJahren pressewirksam verkauft. Die Kommunen werden nichts unternehmen, die Krippenplätzeauszubauen, wurden sie doch verpflichtet, den Ausbau selbst zu zahlen. Das gilt zumindest fürdie finanzschwachen Kommunen. Ein sehr eleganter Maulkorb. Die Kreise und kreisfreienStädte, die einen zusätzlichen Platzbedarf angeben und den in den nächsten vier Jahrenbeheben wollen, sind in Schleswig-Holstein in der Minderheit: nur Kiel, Lübeck, Neumünster,Dithmarschen und das Herzogtum Lauenburg werden ausbauen.Niemand kann davon ausgehen, dass an der Stadtgrenze Kiels oder Neumünsters die Bedarfeauf einmal aufhören. Gerade viele junge Familien sind aufs Land gezogen und fragen nach einer 3Betreuung der Kleinsten. Ich denke, dass es redlich ist, die Dunkelziffern defensiv hochzu-rechnen. 955 Plätze werden von vier Kommunen geplant. Wenn also viermal durchschnittlichetwa 200 neue Plätze geplant werden, multipliziere ich einfach 15 mit 200 und komme auf 3.000Plätze, die in Schleswig-Holstein fehlen. Das sind 3.000 Elternpaare, die jedes Jahr entwederganz auf Berufstätigkeit verzichten, sich auf Tagesmütter verlassen müssen oder auf eininnerfamiliäre Netzwerk bauen.Dabei hat doch das neue Elterngeld wirklich etwas Gutes. Wer als frischgebackene Eltern dieBotschaft von der Bundesfamilienministerin ernst nimmt, steht nach spätestens 14 Monatenwieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Der Druck auf den bedarfsgerechten Ausbau derKrippenplätze wird also enorm zunehmen. Leider weiß ich, dass die Wirklichkeit andersaussehen wird. Das Elterngeld als eine besondere Form der Mittelschichtförderung wird nicht ineinem Boom nach Krippenplätzen münden. Die Eltern werden wahrscheinlich ohne Einkommendie restlichen 22 Monate bis zum Kindergarten ohne Geld überbrücken. Anstatt höchstens 14 mal1.800 Euro im Monat schrumpft das Elterngeld dann auf 700 Euro im Monat; und das ist derHöchstsatz; bei den wenigsten Eltern wird das Elterngeld ohne Krippenplatz existenzsicherndsein. Und dabei rede ich hier bisher nur von Doppel-Arbeitsplatzbesitzern aus der Mittelschicht.Die vielen Kleinverdiener mit möglicherweise nur einem Arbeitsplatz, habe überhaupt nichts vondiesem neuen Elterngeld – und deren mögliche Kinder auch nicht. Ein Elterngeld für 14 Monateohne sichere Anschlussversorgung und ohne Kinderbetreuungszusage für die Kinder ist wie dieAuslieferung eines Autos mit nur einem Reifen. Die Familienpolitik der Bundesregierung ist nichtdurchdacht.Überrascht hat mich die große Spannweite der Elternbeiträge bei den Krippen. Sie liegenzwischen 90 und 236,59 Euro im Monat. Bei einer Ganztagesbetreuung haben wir in den Krippeneinen Satz zwischen 120 und 381 Euro. Die Höchstsätze sind allenfalls für die Besserverdienendenfinanzierbar. Der SSW stellt einen Regelungsbedarf fest. Es geht nicht darum, die Autonomie derEinrichtungsträger einzuschränken, sondern die Kosten für Eltern kalkulierbarer zu machen. Dievergleichsweise geringe Spannweite bei der Kinderbetreuung im Kindergarten zeigt nämlich, 4dass es auch anders geht. Ich möchte hier nicht einer Angleichung nach oben das Wort reden.Der Besuch der Kindertagesstätten muss für Eltern finanzierbar bleiben und sich der Willkürentziehen.Über ein kostenfreies letztes Kindergartenjahr denken inzwischen alle nach. Das dafürnotwendige Geld wird aber an anderen Stellen, wie dem Elterngeld ausgegeben. Der SSWunterstützt alle Bemühungen für einen Ausbau der Infrastruktur für Kinder. Eine Vorbereitungauf die Schule kann bereits im Kindergarten beginnen. Der SSW hat bereits mehrmals auf dasVorbild der dänischen Kindergärten hingewiesen, die im letzten Kindergartenjahr die Kindernnicht nur mit der Schule vertraut machen, sondern auch die Chance nutzen, eventuellbestehende Defizite noch vor Schulbeginn auszugleichen. In Dänemark heißt dasPflichtprogramm für die Fünfjährigen 0. Klasse. Durch eine gute Vorbereitung starten alle Kinderam Tag der Einschulung von der gleichen Startlinie aus. Das ist eine wichtige Voraussetzung,damit die Zahl der Wiederholer reduziert wird. Der Frust ist einfach geringer: bei Kindern,Lehrern und natürlich den Eltern.Kostenfreie Kindergartenplätze sind notwendig, aber sie reichen nicht aus; auch Qualität undZielrichtung müssen stimmen.Das Wort Kinderbetreuung führt in die Irre: es geht mir, ehrlich gesagt, gegen den Strich. Es gehtum eine gezielte Frühförderung mit einer pädagogischen Grundausrichtung und nicht darum,die Kinder gesund und sicher aufbewahrt, also betreut, zu wissen. Deutschland hat dieFörderungsmöglichkeiten in den ersten Lebensjahren viel zu lange vernachlässigt. Kinder spielengerne, zugegeben. Sie wollen aber mehr als nur toben. Kinder saugen alles Neue wie einSchwamm auf. Bilder, Eindrücke, neue Worte und Bewegungen. Ich muss niemanden mitkleinen Kindern sagen, dass diese kleinen Energiebündel einem manchmal auch anstrengendsein können. Wer ihnen aber Input verweigert, ihnen keine Chance gibt, soziales Verhalten zulernen, der verspielt eine große Chance. Wenn es ein kostenloses letztes Kindergartenjahr gibt,dann nur, wenn die Einrichtungen vom Land finanziell unterstützt werden.