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Lars Harms zu TOP 19 - Hartz IV - Fördern und Fordern müssen im Einklang stehen
PresseinformationKiel, den 29.06.2006 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 19 Hartz IV – Fördern und fordern müssen im Einklang stehen Drs. 16/848Hartz IV – die unendliche Geschichte. So könnte man die aktuelle Diskussion der letzten Monateüber die Kostenexplosion und den angeblichen Missbrauch von Hartz IV benennen. Auch wenndie Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe vom Grundsatz her richtig war: diegrößte Sozialreform der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bleibt einundurchschaubares Desaster und hat bisher fast keines ihrer Ziele erreicht.Bezeichnenderweise sieht dies der von der Bundesregierung eingesetzte unabhängigeOmbudsrat genauso. Die Kritik des Ombudsrat ist eine vernichtende Kritik an der konkretenAusgestaltung und Umsetzung der hochfliegenden Pläne von Peter Hartz und dem damaligenWirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement. So bezeichnet die Ombudsfrau ChristineBergmann Hartz IV „als ein bürokratisches Monster“. Insgesamt sieht der Ombudsratinsbesondere ein Problem darin, dass die Langzeitarbeitslosen völlig ungenügend betreutwerden. 2Dies liegt nach Ansicht des Ombudsrates vor allem am unübersichtlichen Kompetenzgerangelzwischen den Kommunen und der Bundesagentur für Arbeit in dem gemeinsamen ARGEN vorOrt. Hier treffen vielfach zwei Unternehmenskulturen aufeinander, die scheinbar nicht in derLage sind, vernünftig zusammenzuarbeiten. Und die Verlierer sind dabei natürlich dieArbeitslosen in unserem Lande, die zwei Jahre nach Beginn der Hartz IV-Reform immer nochnicht optimal vermittelt werden können. Das ist aus Sicht des SSW der eigentliche Skandal imZusammenhang mit Hartz IV und nicht die angebliche Kosten- und Missbrauchexplosion.Aus unserer Sicht ist es unanständig vom Missbrauch zu sprechen, wenn die Menschen diegesetzlichen Ansprüche ausnutzen, die vom Gesetzgeber gewollt sind. Das gilt zum Beispiel fürJugendliche unter 25, die von Zuhause ausziehen und ALG II beziehen. Das ist kann doch keinMissbrauch sein. Meines Wissens haben die meisten Experten bestätigt, dass der Missbrauch beiunter 3 % der betroffenen Fälle liegt und dass dieses im Rahmen des Normalen sei. Wer alsoöffentlich etwas anderes behauptet, der schürt nur den Neid auf Kosten der sozial Schwachenhier im Lande.Der SSW lehnt daher auch das Hartz IV-Fortentwicklungsgesetz ab, weil es einseitig auf eineBestrafung der Arbeitslosen abzielt. Im Grunde macht dieses Gesetz aus dem Sozialgesetzbuchein Strafgesetzbuch. So soll in Zukunft eine sogenannte „Pflichtverletzung“ zu Kürzungen beiden Arbeitslosen führen. Wer zum Beispiel innerhalb eines Jahres drei Mal ein Arbeitsangebotoder eine Qualifizierung ablehnt, soll in Zukunft auf bis zu 100% seiner Leistungen verzichten.Sanktionen mögen zwar im Einzelfall vernünftig sein, aber pauschale 100% Kürzungen lehnenwir ab. Auch die neuen Regelungen für eheähnliche Gemeinschaften und Stiefeltern sindrechtspolitisch problematisch, weil sie die Beweislast umkehren. So müssen die Betroffenen inZukunft beweisen, dass sie nicht in einer eheähnlichen Gemeinschaft leben, wenn siezusammen eine Wohnung haben. Wie das gehen soll, ist völlig ungeklärt. 3Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass die Große Koalition die katastrophalenVersäumnisse bei der Umsetzung von Hartz IV auf den Rücken der Arbeitslosen austragen will.Das ist eine sozialpolitische Bankrotterklärung, weil man vor lauter Bestrafung der Arbeitslosen,das eigentliche Ziel, nämlich die Vermittlung und Qualifizierung von arbeitlosen Menschenscheinbar völlig aus dem Auge verliert.Die Grünen haben also Recht, wenn sie in ihrem Antrag anmahnen, dass man endlich dasFördern und nicht nur das Fordern der Arbeitslosen in den Mittelpunkt der Bestrebungen stellenmuss. Es kann nicht angehen, dass auf der einen Seite bei dem beginnenden Aufschwung dieWirtschaft händeringend nach qualifizierten Arbeitskräften sucht und auf der anderen Seiteimmer noch über 4 Millionen Menschen ohne Arbeit sind. Eine moderne und zukunftsgerichteteArbeitsmarktpolitik, die internationalen Standards entsprechen will, muss endlich bei derWeiterbildung und Qualifizierung der Arbeitslosen für den 1. Arbeitsmarkt ansetzen. Wir könnenes uns nicht länger leisten, dass die vielen Ressourcen dieser Menschen ungenutztverschwendend werden. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.