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Anke Spoorendonk - TOP 2 - Regierungserklärung zur aktuellen Situation der Inneren Sicherheit
PresseinformationKiel, den 14.09.2006 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 2 Regierungserklärung zur aktuellen Situation der Inneren SicherheitDie Welt hat mit dem 11.September 2001 eine andere Tagesordnung erhalten. Damals verlorenauch die Menschen hierzulande ein Stück Sicherheit, das sie gern wieder haben möchten.Spätestens seit den vereitelten Bahnanschlägen in Koblenz und Dortmund ist aber deutlich, dassdie Gefahr terroristischer Anschläge auch hier in Deutschland keine ausschließlich theoretischeist.Kaum zwei Monate nach den Anschlägen auf New York und Washington legte der Bundestag daserste der so genannten „Anti-Terror-Paket“ auf, das zweite folgte am 14. Dezember 2001.Zusammen lösten sie Änderungen in rund 100 Gesetzen aus – vom Vereins- bis zumAusländerrecht.Im Sommer dieses Jahres beschloss das Kabinett in Berlin nunmehr das dritte Anti-Terror-Gesetz,das „Terrorismusbekämpfungsergänzungsgesetz“. Beflügelt durch den konkreten Fall derKofferbomben haben die Innenminister von Bund und Ländern mittlerweile beschlossen, dasszusätzliche Anti-Terror-Maßnahmen vonnöten sind. Darauf ist der Innenminister in der 2Regierungserklärung bereits eingegangen. Die wichtigsten Stichworte lauten bekanntlich:Einführung einer Anti-Terror-Datei, verstärkte Videoüberwachung und Änderungen imAusländerrecht. Hinzu kommt der Vorschlag, Kriterien für eine Rasterfahndung zu erarbeiten, die„den strengen Kriterien des Bundesverfassungsgerichts“ entspricht.Zu dem konkreten Vorfall wegen der Kürze der Zeit nur noch eine Bemerkung: Alles deutetdarauf hin, dass die Ermittlungsbehörden gute Arbeit geleistet haben. Darüber hat derInnenminister – er sprach es selbst an – ausführlich im Innen- und Rechtsauschuss berichtet. Unddafür möchte ich mich auch im Namen des SSW bedanken. Ich teile dabei die Auffassung desInnenministers in Bezug auf den Einsatz von Bundeswehr und Amateurpolizisten in Fragen derInneren Sicherheit. Diese Aufgabe gehört in der Tat in die Hände von Profis wie es unserePolizeibeamten sind.Für den SSW steht grundsätzlich fest: Wenn es um die Bekämpfung des Terrorismus gehtgewinnen wir nichts, wenn wir die Freiheitsrechte gegen die Sicherheit ausspielen. Die aktuelleEntwicklung in unserer Republik zeigt aber leider in eine andere Richtung. Heribert Prantl von der„Süddeutschen Zeitung“ schreibt vor diesem Hintergrund zur „neuen Sicherheitsarchitek-tur“:„Das neue System der inneren Sicherheit ist schon installiert: Es sieht aus wie eine Sanduhr.Das obere Gefäß enthält die Bürger- und Freiheitsrechte, das untere die Sicherheitsgesetze:Telefonüberwachung, Lauschangriff, Datenspeicherung, geheimdienstliche Ermittlungs-methoden der Polizei und Polizeibefugnisse für die Geheimdienste. Das obere Gefäß mit denBürgerrechten wird immer leerer, das untere immer voller.“Dieses Bild mag einigen in der jetzigen Bedrohungssituation recht theoretisch, ja naiv anmuten,es sollte uns jedoch am Herzen liegen, dass wir unsere Wertegrundlage, von der wirEntscheidungen für die Gesellschaft treffen, nicht aus dem Auge verlieren. 3Aus der konkreten Furcht vor terroristischen Anschlägen darf also nicht eine allgemeineStimmung der Angst werden, die hinter jedem dunkelhäutigen Gesicht einen Attentäter sieht,jeden Andersgläubigen pauschal verdächtigt oder gar kriminalisiert.Wie eingangs erwähnt, haben die Menschen am 11. September 2001 auch hierzulande ein StückSicherheit verloren, das sie gern wieder haben möchten. Allerdings müssen wir erkennen, dassdie Welt hier ein Stück Unschuld verloren hat, die sich nicht zurückgewinnen lässt. Die Politikmuss alles tun, um den Menschen die Sicherheit wieder zu geben. Allerdings können wir dasSicherheitsgefühl von vor dem 11. September nicht mehr herstellen. Wer dies vermittelt, streutden Menschen nur Sand in die Augen um eigene politische Ziele zu erreichen.Wir Politiker müssen mit anderen Worten der Versuchung widerstehen, eine solche Stimmungzu verstärken, weil es Schlagzeilen und Stimmen bringen könnte. Eine solche Stimmung hat dieTendenz sich zu verselbstständigen und kann dann leicht in Panik und Hysterie umschlagen.Dann ist es zu spät für eine Politik der Vernunft und des Augenmaßes - für eine Politik, diesteuert statt getrieben zu werden.Anders betrachtet ist es ja durchaus erfreulich und längst überfällig, dass es nun endlich einenDurchbruch im Dauerstreit um die Anti-Terror-Datei gegeben hat. Denn es ist ein Ärgernis, wenndie Arbeit der Polizei dadurch behindert wird, dass bereits ermittelte und im Prinzip bekannteDaten im entscheidenden Augenblick nicht zugänglich sind. Wichtige Informationen zurTerrorfahndung dürfen nicht im Behördendickicht und aufgrund unnötiger Kompetenzkämpfehängen bleiben. Allerdings haben wir erhebliche bedenken, wenn dabei auch Daten wie dieReligionszugehörigkeit erhoben werden sollen. Insofern teile ich die Bedenken, die unteranderem von den Datenschutzbeauftragten geäußert wurden.Der SSW bleibt dabei, dass weiter gehende Befugnisse der Behörden oder einfach mehr Gesetzeeben nicht per Definition mehr Sicherheit bedeuten. Das lässt sich schon am Beispiel der 4Videoüberwachung studieren. Die Anschläge in London und die Kofferbomben in Dortmund undKoblenz wurden mit Hilfe der Videoüberwachung aufgeklärt. Sie wurden aber eben nuraufgeklärt und nicht verhindert. Die Form der Überwachung ist eben kein Mittel zur Prävention.Einfach deshalb, weil nicht hinter jeder Kamera ein Fahnder sitzen kann. Die Bilder müssennachträglich mit viel Mühe analysiert werden. Deswegen führt eine flächendeckendeAusweitung nicht zu mehr Sicherheit.Und wir bleiben dabei, dass die Rasterfahndung kein geeignetes Mittel ist, um potenzielleTerroristen – so genannte „Schläfer“ – ausfindig zu machen. Und bei legal bei uns lebendenTerroristen bieten die biometrischen Daten in den Pässen auch keine zusätzliche Sicherheit, wieder Bundesdatenschutzbeauftragte ausführt.Ich kann meine Skepsis daher nur schwer verbergen, wenn die Innenministerien jetzt wiederreflexartig die „Lieblingsinstrumente“ der Inneren Sicherheit aus der Schublade holen, die nachdem altbekannten Rezept - mehr Kontrolle über mehr Bürger gewährleistet auch mehr Sicherheit- gestrickt sind.Bislang haben wir jedenfalls noch keine Antworten auf die Fragen bekommen, die Jutta Limbach,die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, im Jahre 2002 in Bezug auf dieMaßnahmen zur Terrorismusbekämpfung stellte.- Sind die Maßnahmen überhaupt geeignet den Terrorismus zu bekämpfen?- Stehen die Freiheitseinbußen hierzu in einem angemessenen Verhältnis?- Welche unerwünschten Nebenfolgen haben die Maßnahmen?Mit anderen Worten: Sind die Instrumente auch verhältnismäßig?Ich habe den Eindruck, dass vor lauter technokratischer Potenz der menschliche Faktor häufigunterschätzt wird. Es sind letztlich Menschen, die diese Anschläge planen oder verüben. Dasheißt, es gibt immer ein Maß an Unberechenbarkeit und viel negative Kreativität, die relativleicht rein technische Maßnahmen elegant umgeht. Salopp gesagt: Was nützt die elektronischeÜberwachung und das Abhören, wenn die Verdächtigen sich per Handzettel austauschen? 5Gezielte Informationsgewinnung statt des großen Rasters scheint mir hingegen eher angebrachtzu sein, um den Herausforderungen der Inneren Sicherheit geeignet zu begegnen. Also - wennman so will - klassische Agententätigkeit beim Verfassungsschutz und mehr Polizisten auf denStraßen anstelle des Anlegens und Pflegens von Datenfriedhöfen. Das Aufstocken von Stellen impolizeilichen Vollzug ist daher durchaus geeignet, nicht nur subjektiv durch vermehrteSichtbarkeit, sondern auch objektiv die Sicherheitslage zu verbessern.Zu der von Heribert Prantl vorher erwähnten Verwischung der Trennung von geheimdienstlicherErmittlung und Polizeibefugnissen kann ich nur sagen, dass hier ein folgenschwerer Tabubruchin kleinen Schritten droht. Die Trennung von Geheimdienst und Polizei ist für mich eineunverrückbare Grundkonstante der zweiten deutschen Demokratie, die auf elementarerErfahrung und demokratischer Einsicht beruht. Hierfür gibt und darf es kein Verfallsdatumgeben!Ich verspreche mir hingegen viel von einer verbesserten Kommunikation zwischen den verschie-denen Polizeien. Hier sind nachhaltige Effekte für die Bekämpfung von Kriminalität und Terroris-mus zu erzielen. Solange der reibungslose Funksprechverkehr zwischen Polizeieinheiten verschie-dener Länder nicht gewährleistet ist, gibt es dort eine der größten Sicherheitsbaustellen im Land.Der interne Datenabgleich zwischen den vielen Verfassungsschutzorganen in Deutschlanddürfte ebenfalls noch „Leistungsreserven“ aufweisen, um es mal so zu formulieren.Zur Kritik, die in der Anhörung des Innenausschusses zum Polizeigesetz geäußert wurde, gehörteauch der Vorwurf, dass bisherige Erfahrungen mit entsprechenden Maßnahmen nicht auf ihreWirksamkeit für die Bekämpfung des Terrorismus überprüft worden sind - es also keineEvaluation gegeben hat. 6Diese Maßnahmenblindheit dürfen wir uns nicht erlauben. Man wird über Maßnahmen streitenkönnen, die Wirkungen bei der Bekämpfung des Terrorismus erzielen, aber Einschränkungen derBürger- und Freiheitsrechte bedeuten. Soll heißen: Maßnahmen, die trotz Erprobung keinenpositiven Effekt zeigen, gehören auf keinen Fall in den Werkzeugkasten der Polizei oder derGeheimdienste.Ich spreche mich deshalb nachdrücklich dafür aus, dass neue Maßnahmen oder Maßnahmen miterheblichen Freiheitseinbußen nur zeitlich befristet und mit einer Evaluierungspflicht vomLandtag verabschiedet werden. Nur so können wir als Parlament das Heft des Handelns in derHand behalten. Nur so können wir unserer Pflicht nachkommen, das Leben der Menschen alsmündige Bürger bestmöglich zu schützen.Ich bin im Übrigen fest davon überzeugt, dass sich unsere bürgerlichen Freiheitsrechte als dasbeste Mittel gegen die Ursachen des Terrorismus erweisen werden. Bürgerrechte sind aus demStreben der Menschen nach Freiheit und Würde in einem langen – und nicht unblutigen –Prozess entstanden.Die Antriebsfeder der Terroristen, der Nährboden für den Terrorismus sind erfahreneEntwürdigung und Demütigung. Das bisher beste Modell, um die Menschenwürde in einerGesellschaft zu sichern, ist immer noch der demokratische Rechtsstaat mit seinen Freiheits- undBürgerrechten. Es wäre mehr als tragisch, wenn wir im Kampf gegen den Terrorismus unserestärkste Waffe selber vernichten würden.