Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.
Lars Harms zu TOP 38 - Korruption im Gesundheitswesen
PresseinformationKiel, den 14.09.2006 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 38 Korruption im Gesundheitswesen Drs. 16/805Wenn ein Kunde eine Dienstleistung kauft, dann sind in der Regel Dienstleister undRechnungssteller identisch. Nicht so im Gesundheitssystem. Der Patient ruft eine Leistung beimArzt ab, die dieser dann mit der Krankenkasse abrechnet. Dieses Dreieck begünstigt durchverwobene Kompetenzen und Zuständigkeiten eine besondere Art der Korruption. Kein Arztbesticht eine Krankenkasse mit Bakschisch, damit diese möglichst viel Patienten vorbei schickt.Der Grundsatz der freien Arztwahl schiebt so etwas einen Riegel vor. Und trotzdem grassiert dieKorruption.Die Hersteller von medizinischen Geräten oder von Medikamenten gehen zu den Ärzten, umdiese mit Geld oder Sachleistungen dazu bringen, ausschließlich ihre Produkte zu verwendenund zu verschreiben. Schätzungsweise 15.000 bis 16.000 Pharmareferenten besuchen die Ärztein ihren Praxen, um sie über Medikamente zu beraten und via Gratisproben, das neueMedikament in die Verschreibungsliste zu hieven. Sie haben kostenlose Software dabei, die dieVerschreibung erheblich erleichtert, aber auch die firmeneigenen Produkte immer als erste Wahlvorschlägt. 2In den seltensten Fällen fließt dabei Bargeld zwischen Pharmafirmen und Ärzten, sondernandere Belohnungen, wie die Ministerin berichtet. Riesige Vortragshonorare oder lukrativeTagungsorte gehören dazu. So findet man im Internet schon nach kurzer Suche viele Angebote,unter ihnen die Seite „Fortbilden unter Palmen in Thailand“, die sich an Zahnärzte richtet. PerAnbieterhomepage werden sie informiert, dass „das Programm des Kurses so gestaltet ist, dassgenügend Zeit zur Verfügung steht, um sich zu erholen und die tropische Insel mit all ihrenVorzügen zu genießen“. Das ist an sich kein Problem, wenn aber Pharmafirmen das allesbezahlen, ist es Korruption.Es geht auch völlig anders: Da es in Deutschland Lücken in der Brustkrebs-Früherkennung gibt,suchen viele Patientinnen Rat bei Selbsthilfegruppen. Ein ideales Einfallstor für einzelnePharmafirmen, die diese Gruppen finanziell unterstützen. Kein Geschäft ohne Gegenleistung.Die Gruppen beurteilen die Produkte des Sponsors positiv. Dank Internet kundig geworden,machen dann massenhaft Frauen Druck auf ihren Frauenarzt, ihnen das angepriesene Präparatzu verschreiben. Das ist besondere perfide und belegt eindrücklich den Einfallsreichtum derBestecher und deren Vorteilsnehmer.Das Gesundheitssystem bietet aber auch jede Menge legale Korruption. Mit Verweis auf dentechnischen Fortschritt und die Gesundheit der Patienten werden persönliche Vorteilsnahmeund Bereicherung bemäntelt. Gesetze, Verordnungen oder Verträge schützen die Ärztegeradezu. Korrupte Vorteilsnahme kann in solchen Fällen mit dem Hinweis daraufabgeschmettert werden, dass alles nach Recht und Gesetz verlaufen sei. Es bleibt aberKorruption. Im Falle !Gesundheitssystem“ genügt der Verweis auf entgangenes Wohlbefindenoder angebliche medizinische Notwendigkeiten und die Patienten zücken das Portemonnaie.Der Gesetzgeber macht es möglich: IGeL heißt das Zauberwort. Die Abkürzung steht fürIndividuelle Gesundheitsleistungen und umfasst 300 Zusatzangebote. Diese werden in derärztlichen Fachpresse und auf Medizinkongressen ebenso massiv beworben, wie von der AOK 3heftig kritisiert. Die AOK führt in einer Broschüre auf, wie die Ärzte gezielt falsch informieren,um den Patienten eine Individuelle Gesundheitsleistung aufzuschwatzen.Diese Beispiele zeigen, dass sich im Gesundheitssystem eine falsche Haltung eingebürgert hat,die das Nutzen von Schlupflöchern als Kavaliersdelikt versteht. Schlupflöcher sind dabei unterSteuerungsaspekten als falsche Anreize zu verstehen. Da kommt der Gesetzgeber ins Spiel, denndiese Anreize müssen weg!Der Bericht zählt getroffene Gegenmaßnahmen auf, die aber fast durchweg erst greifen, wenndie Korruption erfolgt ist. Hier geht es um die Bestrafung der Täter. Das ist wichtig, denn eineeffektive Bestrafung hat auch einen abschreckenden Effekt. Nachahmer werden es sich zweimalüberlegen, ob sie ein Berufs- oder Kassenverbot riskieren.Die Kassen selbst steigen erst allmählich in die Kontrolle ein. Sie sind viel zu sehr mit denAbrechnungsmodalitäten beschäftigt. Der SSW fordert trotzdem, das Augenmerk auf dieVermeidung von Korruption zu richten. Der SSW hat bereits in der Vergangenheit dafür plädiert,die Anreize, die zu Korruption verleiten, zu beseitigen. Fortbildungsveranstaltungen könnte dieÄrztekammer organisieren und Pharmareferenten sollten auch weit weniger als aktuell zumZuge kommen.Das Gesundheitssystem hat Einsparreserven. Da sollten wir weiter hartnäckig sein. Wir solltenaber auch die Anreize verändern. Letztlich führt kein Weg daran vorbei, auch über dieNeujustierung der Krankenkassen nachzudenken. Sie können ihre Nachfragemacht nicht nutzen,nicht einmal für günstige Rabatte. Das muss sich ändern. Der Wettbewerb der Nachfrager ist derfalsche Weg, weil sie die Nachfrage nicht steuern können. Nachfragen im ökonomischen Sinnetut nämlich der Patient und abgerechnet wird dann später – mit der Krankenkasse. DieKrankenkassen müssen wesentlich mehr Einflussmöglichkeiten auf die Verschreibenspraxisbekommen und dürfen sich nicht im Verdrängungswettkampf untereinander aufreiben. Nur sobefördern wir die Transparenz im Gesundheitssystem. Davon profitieren dann alle.