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15.09.06 , 17:12 Uhr
B 90/Grüne

Angelika Birk zum zukünftigen Studienplatzangebot

PRESSEDIENST Fraktion im Landtag Schleswig-Holstein Pressesprecherin Es gilt das gesprochene Wort! Claudia Jacob Landeshaus TOP 45 – Angebot an Studienplätzen Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel
Dazu erklärt die hochschulpolitische Sprecherin Durchwahl: 0431/988-1503 Zentrale: 0431/988-1500 der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen: Telefax: 0431/988-1501 Angelika Birk: Mobil: 0172/541 83 53 E-Mail: presse@gruene.ltsh.de Internet: www.sh.gruene-fraktion.de

Nr. 391.06 / 15.09.06
Studienplatzprognose des Wissenschaftsministers ist unrealistische Schönfärberei! Schon jetzt melden alle Hochschulen in Schleswig-Holstein einen Zuwachs an Bewerbungen von 20 bis 30 Prozent. Der Wissenschaftsminister geht davon aus, dass dieser Andrang nur auf die Studiengebühren in anderen Bundesländern zurückzuführen ist. Ist das so? Und wie entwickelt sich der zukünftige Studienplatzbedarf?
Auf Antrag der Grünen Fraktion legt die Landesregierung heute im Landtag einen Bericht ü- ber Angebot und Nachfrage und zukünftige Planung von Studienplätzen in Schleswig Hol- stein vor. Er kommt zu dem Schluss, dass in den nächsten Jahren, bis 2008, kein Problem einer Angebotslücke auftritt. Für die Zeit danach verspricht die Regierung, die Auswirkung der Schulzeitverkürzung durch befristete Personalerhöhung und vorgezogene Berufungen sowie durch Lehraufträge aufzufangen. Doch diese Prognose geht von völlig unrealistischen Plandaten und Hochrechungen aus. Die Berechnung geht davon aus, dass 1. es zukünftig keine höhere „allgemeine Studierneigung“ als jetzt gibt, und vor allem, dass politisch initiierte Programme zur Erhöhung der Bildungsbeteiligung keine Auswirkung haben werden. 2. nur 85 Prozent eines Abiturjahrgangs studieren. 3. von diesen wiederum nur 50 Prozent der Landeskinder einen Studienplatz in Schleswig Holstein suchen. 4. auch das Interesse auswärtiger Studierender an Schleswig Holstein eher gering bleibt.
Selbst aufgrund dieser völlig unrealistischen Voraussetzungen gibt es in Schleswig Holstein im Jahr 2016 beinahe doppelt so viele Abiturienten wie jetzt, nämlich fast 18.000 anstelle von 9.000. Diesem Zuwachs meint der Wissenschaftsminister mit sage und schreibe 4.500 zu- sätzlichen Studienplätzen mehr Rechung zu tragen.
Besonders absurd für ein Prognoseszenario ist die Annahme, dass sich die Zahl der zukünf- tigen Studienplätze am jetzigen Personalvolumen der Hochschullehre orientieren muss. Ist das nicht unglaublich, dass auf der einen Seite die BildungspolitikerInnen in der Schulpolitik deutliche Ermahnungen der OECD hinnehmen müssen, der niedrige Bildungsstand werde für Deutschland gefährlich, während dies auf der anderen Seite bei der Hochschulpolitik völlig ignoriert wird?

1/2 Im Durchschnitt der 19 EU-Länder von 2004 studierten 33,4 Prozent eines Jahrgangs, wäh- rend es in Deutschland nur 20,6 Prozent waren. Alle SchulpolitikerInnen, so auch Bildungs- ministerin Erdsiek-Rave, versprechen Anstrengungen, um dies zu verbessern, während Wis- senschaftsminister Austermann als Hochschulpolitiker locker davon ausgeht, dass das nicht die geringste Änderung herbeiführen wird, und dass sich die Hochschulen deshalb nicht auf wesentlich mehr Studierende einstellen müssten. Ein bildungspolitisches Armutszeugnis! Glücklicherweise orientiert sich die junge Generation nicht am Wissenschaftsminister. Schon jetzt nimmt die Zahl der Abiturienten von Jahr zu Jahr auch in Deutschland zu.
Die OECD rügt allerdings in ihrer neuesten Studie Deutschlands mangelndes Bildungsenga- gement, so weit es sich in finanziellen Mitteln zeigt. Nur 5,3 Prozent des Bruttoinlandspro- dukts gehen in die Bildung, während das in den USA 7,5 Prozent sind und im OECD- Durchschnitt 5,9 Prozent. Diese sechs Punkte hinter dem Komma repräsentieren Milliarden- ausgaben, die in Deutschland fehlen. Noch schlimmer ist der Vergleich der Dynamik: China hat die Zahl seiner AkademikerInnen in den letzten zehn Jahren verdoppelt, Deutschland nur um acht Prozent erhöht. Die OECD-Staaten haben ihre Bildungsausgaben im Schnitt um 46 Prozent erhöht, Deutschland nur um 14 Prozent! Bei der Dynamik wird Deutschland in weni- gen Jahren so stark hinter andere Länder zurückfallen, dass wir uns ernsthafte Sorgen ma- chen müssen.
Aber selbst wenn es so viele Studienplätze wie BewerberInnen gibt, ist damit keineswegs die Nachfrage befriedigt. Es gibt viele gute Gründe, warum Studienplätze leer bleiben: Bei man- chen Fächern sind das die Sorgen um die Berufsaussichten, bei anderen (wie z.B. den Inge- nieurwissenschaften) die hohen Anforderungen. An anderer Stelle hingegen drängeln sich die StudienbewerberInnen. An der Fachhochschule werden zum Beispiel seit Jahren viele Bewerber abgewiesen, die gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten, sogar in Ingenieurs- studiengängen, aber auch im Sozialwesen. Damit die Volkswirtschaft optimal mit Qualifikati- onen versorgt wird, muss die Zahl der Studienplätze eher höher sein als die Zahl der Abitu- rientinnen und Abiturienten.
In seiner Prognose handelt das Wissenschaftsministerium nach der Parole; „Augen zu und durch“ und will die Anzahl der angenommenen BewerberInnen im Wesentlichen am jetzigen Personalbestand in Forschung und Lehre orientieren, und an dem, was durch kostengünstige Mehrarbeit in der Lehre und ein paar Bundeszuschüsse geleistet werden kann. Wenn alle Wissenschaftsminister in Deutschland so handeln - das ist nach der Föderalismusreform lei- der zu befürchten - und nicht über die eigene Bundeslandsgrenze hinausblicken, dann kann man den heutigen SchülerInnen nur raten: Stellt Euch darauf ein, dass die Hälfte von Euch später im Ausland studieren muss. Hier in Deutschland ist kein Studienplatz für Euch.
Die Grünen hingegen fordern einen bundesweiten Hochschulplan, der deutlich mehr Mittel als bisher geplant für zusätzliche Studienplätze zur Verfügung stellt.
Wir akzeptieren den Landesregierungsbericht nicht, denn er hat noch nicht einmal das Prob- lem erfasst, zu dem er eine Lösung finden soll.

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