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Lars Harms zu TOP 36 - Früher wahrnehmen - schneller handeln - besser kooperieren - zum Wohle unserer Kinder
PresseinformationKiel, den 13.10.2006 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 33 Früher wahrnehmen – schneller handeln- besser kooperieren- zum Wohle unserer Kinder Drs. 16/830Die Landesregierung hat einen Bericht über die Aktivitäten in unserem Bundesland zurvernetzten Betreuung und Unterstützung von Kindern vorgelegt. Lob gilt vor allem dem Anhang,der meines Wissens nach erstmals eine komplette Übersicht über die Angebote in Schleswig-Holstein bietet. Die Liste verweist aber indirekt auch auf das Kernproblem der hiesigen Struktur:die 13 Seiten zeigen die bunte Vielfalt der Angebote, stehen aber auch für die Unübersichtlichkeitder Strukturen.Hilfen für Familien, da sind sich alle Fachleute einig, müssen wohnortnah, kompetent undniedrigschwellig sein. Wie sieht es damit aus? Die Landesregierung bemüht sich, zumindest daserste Prinzip zu erfüllen. Natürlich steht Eltern in den Städten ein besseres Angebot zurVerfügung als das in den ländlichen Bereichen der Fall ist. Andererseits werden auch Eltern, dieauf dem Land wohnen, nicht auf die städtischen Strukturen verwiesen. In allen Landkreisenfinden sich engagierte Unterstützerinnen und Unterstützer. Der SSW begrüßt ausdrücklich die 2Bemühungen um eine wohnortnahe Versorgung - auch wenn diese mit höheren Kostenverbunden ist.Doch wie sieht es mit den anderen Bedingungen aus: der Kompetenz und dem leichten Zugang?Kommen wir zur Qualifikation, denn sie ist am leichtesten messbar. Bedauerlicherweise gibt dieLandesregierung keine näheren Auskünfte darüber, wie viel Personal mit welchemQualifikationshintergrund in den genannten Beratungsstellen fest angestellt ist. Ich weißnatürlich, dass es auch innerhalb einer Profession große Unterschiede geben kann: eineHebamme kann Dienst nach Vorschrift machen oder versuchen, den Müttern sozialeUnterstützung zu vermitteln. Aber trotzdem ist die Ausbildung bzw. Berufsbezeichnung einguter Hinweis auf die Professionalität eines Angebotes. Damit soll keinesfalls angeleitete,ehrenamtliche Arbeit abqualifiziert werden, doch diese kann immer nur ergänzend angelegt seinund braucht professionelle Unterstützung.Ich möchte willkürlich einen Angebotstyp herausgreifen: die Familienbildungsstätten. Sie sindes, die durch ein breit gefächertes Angebot die Familien direkt erreichen. DieFamilienbildungsstätten sind ein Treffpunkt für Junge und Alte, für Begüterte und Arbeitslose.Familienbildungsstätten thematisieren und beraten bei Problemstellungen, von denen Familienund einzelne Familienmitglieder betroffen sein können. Das ist eine wichtige Aufgabe. DieZuschüsse fallen nicht besonders üppig aus: 34 Einrichtungen teilen sich 747.000 Euro. Da kannich mir ausrechnen, dass akademische Vollzeitstellen vom Träger gar nicht zu finanzieren sind.Wer arbeitet aber in den Familienbildungsstellen, zu welchen Bedingungen? Der Bericht machtdazu keine Angaben. Diese Informationen braucht der Landtag, um überhaupt einschätzen zukönnen, ob die bestehenden Strukturen ausreichend sind. Hinter den Adressen hätte ich mir einePersonalauflistung gewünscht sowie eine Nutzerstatistik. 3Dass Angebote bestehen, ist nämlich keine Garantie dafür, dass die damit verbundenen Zieleauch umgesetzt werden können. Der SSW hält mehr Zahlen und Informationen fürunumgänglich. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass es uns weder um ein Ausspionieren derArbeit geht, noch um noch mehr Verwaltungsaufwand. Dem SSW geht es um die Offenlegungder Strukturen mit allen dazu notwendigen Informationen.Ich möchte an einem anderen Beispiel mein Unbehagen verdeutlichen: Vor zwei Wochen konnteman im „Focus“ lesen, dass im letzten Jahr täglich mehr als 70 Kinder in Deutschland aus denFamilien heraus in Obhut genommen wurden. Ich hätte erwartet, dass der vorliegende BerichtBezug auf hiesige Zahlen genommen hätte. Welche Erfahrungen liegen mit der Inobhutnahmevor? Der Bericht geht zwar auf die Inobhutnahme ein, allerdings aufbereitet wie in einemsozialpädagogischen Lehrbuch. Es werden ausschließlich das Verfahren selbst und die daranBeteiligten beschrieben. Vergleiche mit Vorjahren und fachliche Einschätzungen fehlen. Verfügtdas Ministerium etwa nicht über eingehendere Kenntnisse? Dabei haben dieBerichtsantragsteller ausdrücklich nach der Wirkung der Maßnahmen gefragt.Doch mir liegt noch etwas auf dem Herzen: im gewachsenen Angebot der Familienhilfe ist dieaufsuchende Beratung und Unterstützung immer noch die Ausnahme. Das Stichwort heißt imFachjargon: niedrigschwellige Angebote. Beratungen, die auf Anfrage getätigt werden, richtensich ausschließlich an Eltern, die bereits um ihre Probleme wissen. Wer als junge Mutter ausAngst vor Überforderung die Augen vor Problemen seines Kindes verschließt, wird sich niemalsans Gesundheitsamt wenden. Die Menschen dort abholen, wo sie stehen, sollte die Maximeeiner wirkungsvollen Familienpolitik sein. Die Schutzengel zeigen, wie es geht: Hausbesuche undAngebote wie das Elternfrühstück erlauben es den Eltern, ohne Gesichtsverlust über bestehendeProbleme zu reden. Dann kann man gemeinsam dessen Beseitigung angehen. 4Alle Fachleute sind sich einig, dass niedrigschwellige aufsuchende Angebote den Familien ambesten helfen. Daran fehlt es aber leider immer noch. Wir planen immer noch von oben nachunten: Diejenigen, die nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen, fallen weiterhin durch dasRaster und erhalten dann nicht die Hilfe, die notwendig wäre. Doch genau an diese Klientelwollen wir ran! Die, die das System kennen, finden ohnehin ihren Weg und können sich auchbesser durchsetzen.Gerade die Modellprojekte zeigen, dass es besser gehen kann. Hier gibt es also noch wirklichetwas zu tun. Wir sollten aus unseren Modellprojekten lernen und einiges von ihnenflächendeckend umsetzen.