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Lars Harms zu TOP 18 - Familienpolitik in Schleswig-Holstein ist eine Querschnittsaufgabe
PresseinformationKiel, den 30.11.2006 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 18 Familienpolitik in Schleswig-Holstein ist ein Querschnittsaufgabe Drs. 16/1068Vorab ein Lob an die Fragesteller: der vorliegende Bericht zur Familienpolitik ist durch die breitangelegten Fragen ein hervorragendes und aktuelles Nachschlagewerk über alle Maßnahmender Landesregierung bezüglich der Förderung von Familien geworden. Ob es sich um dieWohneigentum oder um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf handelt: alle Programme undMaßnahmen werden in diesem Kompendium dargestellt. Allerdings finde ich den betrieblichenBereich etwas unterrepräsentiert. Gerade die betriebliche Wirklichkeit ist es doch, die dieEntscheidungen zugunsten einer Familie besonders stark beeinflussen.Zugleich zeigen bereits die Fragen, dass eine solide und nachhaltige Familienpolitik eineanspruchsvolle Querschnittsaufgabe ist, die viele Bereiche betrifft. Angesichts dieserMammutaufgabe sind Koordinierungsschwierigkeiten und Reibungsverluste durchDoppelstrukturen sehr wahrscheinlich. Umso besser, dass sozusagen die aktuelle Fassung derFamilienpolitik auf dem Tisch liegt. Jetzt können wir an die weitere Optimierung der Strukturengehen, weil viele Fakten bekannt sind. 2Es geht aber auch Grundsätzliches. So wird allein die Familienförderung von fünfunterschiedlichen Stellen ausgezahlt. Wann eine allein zuständige Familienkasse eingerichtetwürde, die alle diese Leistungen zusammenfasst und damit den Familien eine einfachere undtransparentere Struktur anbietet, ist völlig unklar. Die Landesregierung vertraut hier aufentsprechende Initiativen der Bundesregierung. Die ist allerdings, wie wir beim Elterngeld sehen,nicht gerade mit Hochdruck dabei, die finanzielle Familienförderung institutionell zu straffen.Eltern werden immer noch häufig als Bittsteller gesehen. Wer einen Antrag auf Erziehungsgeldschon einmal in der Hand hatte, den wird es nicht wundern, dass die Antragszahlen rückläufigsind. Das derzeitige Antragsverfahren ist nicht der optimale Weg, weil die Verfahren kompliziertund nicht per se gerecht sind. Daran Krankt das System schon seit Jahren, ohne dass sich etwasändert.Leider zitiert die Sozialministerin an vielen Stellen Zahlen aus bereits bekannten Drucksachen.Der SSW hätte sich an manchen Stellen eine weitere Konkretisierung gewünscht. Ich wiederholenoch einmal, was ich vor wenigen Wochen an dieser Stelle eingefordert habe: die Nennung vonAdressen von Beratungsstellen lässt allenfalls Rückschlüsse auf eine angemessene regionaleVerteilung zu. Erst Angaben über Aufgabenprofil, Nachfragezahlen und Mitarbeiterzahl macheneine Bewertung der Strukturen möglich. Ich möchte hier nur ein einziges Beispiel nennen: Frage18 nach dem lokalen Bündnissen der Familien. Die Sozialministerin antwortet zwar auf die Frage,wo es welche gibt, schweigt aber zu den konkreten Angeboten, obwohl die Fragestellerausdrücklich nachgefragt haben. Ziele kann man viele formulieren, was steckt aber an konkretenAngeboten dahinter? So weiß ich jetzt, dass sich in Flensburg das Bündnis für Familie für denWirtschaftsstandort stark machen will. Welche Akteure dabei sind und was sie genau planen,weiß ich allerdings nicht. Das gleiche gilt auch für Kiel, Neumünster, Schwarzenbek usw. Hierhabe ich mehr erwartet.Überrascht war ich wirklich darüber, wie dünn die statistische Grundlage in manchenPolitikbereichen ist. Der SSW will keineswegs einer Datensammelwut das Wort reden, denn derbürokratische Aufwand in manchen sozialen Institutionen ist bereits jetzt zu hoch. Aber bei 3vielen Fragen muss der Mikrozensus aus dem Jahr 2002 herangezogen werden, aktuelleresMaterial liegt nicht vor. Bei einigen Fragen muss diese Quelle sogar passen. So weiß niemand,wie viele Väter Elternzeit in Schleswig-Holstein in Anspruch nehmen. Das finde ich bedauerlich.Allerdings habe ich auch kein Patentrezept, wie man das ändern kann.Zur Statistik noch eine Bemerkung: warum liegen Ende 2006 noch keine Daten für das Jahr 2005zu den Bedarfsgemeinschaften vor? Ich dachte, dass die Zusammenarbeit der statistischenLandesämter Schleswig-Holstein und Hamburgs alles beschleunigen sollte. Wann dürfen wir dieZahlen erwarten? Wir sollten die Zahlen so schnell als möglich haben, damit wir darausKonsequenzen ziehen können. Veraltetes statistisches Material taugt nur fürs Bücherregal. Dasist Verschwendung von Landesmitteln.Politik hat Grenzen. Sie kann und sollte nicht in Familien und private Entscheidungen hineinregieren. Der Bericht zeigt es deutlich: Politik sollte Entscheidungsräume öffnen. Wie diese danngenutzt werden, unterliegt der Freiheit jedes Einzelnen. Ohne eine vernünftige Kinderbetreuungmit Öffnungszeiten, die sich an Zeiten in Betrieben organisieren, kommt eine Berufstätigkeit fürEltern gar nicht infrage. Der Umkehrschluss lautet aber nicht, dass automatisch alleErwachsenen berufstätig sein müssen, solange es ein breit gefächertes Unterstützungsangebotgibt. Die Kinderbetreuungsangebote in Schleswig-Holstein haben sich in den letzten Jahren aufbeeindruckende Weise verbessert. Hinter den Zahlen steht ein enormes Wachstum, was nochvor einigen Jahren als illusorisch galt. Auch der Ausbau der Ganztagsschulen ist beeindruckend.Ich möchte aber noch einmal betonen, dass bei alle dem das Wohl des Kindes im Vordergrundsteht. Die pädagogische Förderung von Kindern ist vorrangig. Auch wenn die CDU-Fraktion dasWort „Geburtenrate“ in Anführungsstricken verwendet, möchte ich davor warnen,Familienpolitik allein unter demografischen Aspekten zu betreiben.Die Vorbemerkung der Fragesteller, die die Bedeutung einer guten Familienpolitik auffunktionierende Rentenkassen pointiert, zeigt in eine falsche Richtung. Nicht die Familie ist fürdie Gesellschaft bzw. die Sozialkassen da, sondern die Gesellschaft muss die Entscheidung fürFamilie unterstützen. 4Dabei spielt es keine Rolle, wie diese Familie aussieht. Der Wandel der Familie in den letztenJahrzehnten hat eine Vielzahl unterschiedlicher Familienformen hervorgebracht. Davon sindFamilien mit nur einem erziehenden Elternteil nur eine Form. Aber nur danach fragt die CDU. Esgibt zusammenlebende Mehrgenerationenfamilien, Familien mit homosexuellen Eltern undPatchworkfamilien. Alle diese Familien haben ihre Kompetenzen, aber auch ihre Defizite undProbleme. Gerne hätte ich mehr gewusst über aktuelle Unterstützungsangebote für dieseFamilien. „Die“ Familie gibt es nicht, wenn es sie denn überhaupt jemals gegeben hat.Genauso wenig gibt es den einen Grund, keine Kinder zu haben. Wer eine eigene Familiegründen möchte, diesen Wunsch aber nicht in die Tat umsetzen kann, verweist auf viele Gründe.Berufliche Unsicherheit rangiert dabei an erster Stelle. Die Entscheidung für ein Kind zieht einelangjährige Verpflichtung nach sich. Zeitverträge und Kettenpraktika lassen keine langfristigePerspektive zu. Hier müssen die Betriebe einen anderen Kurs einschlagen: man kann nicht übersteigende Sozialkosten jammern und gleichzeitig den Mitarbeitern den Boden unter den Füßenwegziehen. Darum kritisiert der SSW die Pläne der Bundesregierung, den Kündigungsschutz fürBerufsanfänger für zwei Jahre auszusetzen. Wer auch nach 24 Monaten ohne Angabe vonGründen auf die Straße gesetzt werden kann und in den sozialen Abstiegsstrudel gerät, wird sichschwerlich für eine Familie entscheiden. Hier müssen wir Initiativen unterstützen, diefamilienfreundliche Strukturen in den Betrieben schaffen. Dabei sollten wir uns nicht nur aufAppelle und die Auszeichnung beispielhafter Betriebe beschränken. Bereits in wenigen Jahrenwerden wir einen so massiven Facharbeitermangel haben, dass es zum Wettbewerb um guteBewerberinnen und Bewerber kommen wird. In Dänemark ist es derzeit so: faktischeVollbeschäftigung beflügelt die Unternehmen zu sehr kreativen Arbeitszeitmodellen. Ich bindavon überzeugt, dass auch die Unternehmen bei uns erkennen müssen, dassfamilienfreundliche Strukturen in ihrem ureigensten Interesse liegen.Um ein Thema kommen wir nicht herum: Computerspiele und ihre Auswirkungen. Die CDU-Fraktion hat nach dem Schutz vor gewaltverherrlichenden Angeboten im Internet gefragt. Wirhaben über Egoshooter-Spiele a la Counterstrike bereits gestern gesprochen. DieLandesregierung ist in ihrer vorliegenden Antwort ehrlich. Das rechne ich ihr hoch an, denn die 5Ministerin weiß, dass sich das Internet den „klassischen Regelungsversuchen“ entzieht.Seitenbetreiber sind nur schwer auszumachen und die Überwachung von Chatrooms läuftoftmals ins Leere: bekommen die jugendlichen Nutzer das mit, wechseln sie nämlich einfach aufeine andere Plattform. Die Stärkung der Medienkompetenz ist meines Erachtens dervordringlichste Weg, mit den Gefahren dieser Spiele umzugehen. Hinhören und Zuhören, wasJugendliche sagen, ist wichtiger denn je. Vielleicht sollten wir Eltern noch mehr schauen, wasunsere Kinder im Internet treiben. Ich meine das nicht als Kontrolle, sondern auch alsgemeinsames Miterleben. Heutzutage hat der Computer das gemeine Brettspiel schon bei denunter 10Jährigen verdrängt. Die Eltern sollten sich darauf einlassen und die Kinder in dervirtuellen Gemeinschaft nicht allein lassen.Die Antwort der Landesregierung zur Familienpolitik zeigt, dass wir in vielen Punkten auf demrichtigen Weg sind, allen voran beim Ausbau der Kinderbetreuung. Dennoch ist dieFamilienpolitik noch keineswegs die Querschnittsaufgabe, wie sie der Titel nahe legt. ImGegenteil: manche Probleme sind klein gehackt, damit sie überhaupt an bestehendenStrukturen andocken können. Die Vernetzung bestehender Angebote bleibt nach wie vor einevorrangige Aufgabe. Das muss aber nachhaltig geschehen. Wir sollten dabei nicht nur aufKongresse und Bündnisse setzen. Koordinierung kostet Zeit und die muss bezahlt werden. Ein:„Setzt euch mal zusammen“ ist nicht genug. Transparente und eindeutige Strukturen fallennicht vom Himmel, sondern müssen finanziell unterstützt werden. Viele Projekte, die dieMinisterin nennt, müssen jedes Jahr neu beantragt werden. Eine institutionelle Förderung, auchim Sinne einer verlässlichen Familienpolitik wäre hier besser.