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Lars Harms zu TOP 36 - Landesfamilienbüro
Presseinformation Kiel, den 25.01.2007 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 36 Landesfamilienbüro Drs. 16/1136Ein Projekt, das Zuständigkeiten bündelt und dem Prinzip des „Alles-aus-einer-Hand“ entspricht,kann eigentlich nur den Beifall aller finden. Eigentlich. Ich denke, dass sich ein genauerer Blickdurchaus lohnt. Die Landesregierung hat im Landesamt für soziale Dienste ein Landesfamilien-büro eingerichtet, das vor allem über das neue Elterngeld informieren soll und bei dessenAntragstellung berät.Dass den Parteien der Großen Koalition daran gelegen ist, das Elterngeld zum Erfolg zu führen,versteht sich von selbst, wurde es doch als der familienpolitische Meilenstein schlechthinverkauft, obwohl es ja eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme ist. Ähnliche Anstrengungen derMinisterin zur Unterstützung der Antragstellerinnen hätte ich mir allerdings bereits beimErziehungsgeld gewünscht, wo die Antragsbearbeitung große Geduld und Beharrlichkeiterforderte und die damals ja allen Familien zugute kam. 2Das Familienbüro soll neben dem Elterngeld auch Fragen zum Mutterschaftsgeld oder zumUnterhaltsvorschuss zentral beantworten und bearbeiten.Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch einmal in Erinnerung rufen, dass bereits die neue Strukturder Familienkasse und die Bündelung der Auszahlung in Flensburg alles für die Familien einfachermachen sollte. Wie ich hörte, sind die Anlauf-Probleme immer noch nicht gänzlich beseitigt. DieFolge: immer noch warten viele Antragsteller auf ihr Geld. Gerade, wenn sich etwas ändert, einKind zum Beispiel mit einer Berufsausbildung beginnt, kommt es zu Verzögerungen. Das ist einSkandal, den wir nicht aus den Augen verlieren sollten.Ich hoffe, dass es beim Familienbüro erfolgreicher verlaufen wird. Allerdings ist dessenProblemlauf nicht unbedingt perfekt gelaufen, wie das Beispiel Niebüll zeigt. Im dortigenSozialzentrum arbeitete letzten Herbst jeden Mittwoch zwischen 13 und 17 Uhr ein Art Mini-Familienbüro, um Anfragen zu Kindergeld und Elterngeld zu bearbeiten. Durchschnittlich zehnBesucherinnen nahmen die Beratung pro Woche in Anspruch. Prognostiziert waren weit mehr: 30oder 40 Anfragen pro Woche. Die kurze Öffnungszeit ist sicherlich ein Grund für die geringeNachfrage; außerdem der geringe Bekanntheitsgrad. Der Leiter des Niebüller Sozialzentrumsmutmaßt allerdings, das die Frauen vielleicht doch besser informiert sind als vermutet. Das waralles in der Presse nachzulesen und wirft die Frage auf, ob hier an den Bedarfen der Familienvorbei geplant wird.Kennen wir eigentlich den Beratungsbedarf der Familien? Liegt er tatsächlich beim hoch gelobtenElterngeld oder doch ganz wo anders? Und wenn wir schon einmal beim Nachfragen sind: wassagt eigentlich der Innenminister dazu, dass meiner Ansicht nach eindeutig kommunale Aufgabenhin und her geschoben werden. Der Ministerpräsident hat am 10. Januar gesagt: „Aufgaben, dievon den Kreisen und den kreisfreien Städten, den kreisangehörigen Städten und amtsfreienGemeinden, von Ämtern und Gemeinden wahrgenommen werden können, sollten auch auf dieseübertragen werden.“ Eben! Tatsächlich werden mittels des Familienbüros wieder einmal neue 3Strukturen eingezogen, ohne bestehende kommunale Angebote zu berücksichtigen. Die neuenStrukturen widersprechen höchstwahrscheinlich einer weiteren Anforderung unseresMinisterpräsidenten, nämlich der, dass neue Strukturen für die nächsten zwanzig Jahre Bestandhaben sollen. Schließlich ist gerade in der Familienförderung in den letzten Jahren kein Stein aufdem anderen geblieben. Ein zentrales Familienbüro erscheint mir hier viel zu unflexibel, umzukünftig angemessen reagieren zu können.Greifen wir doch lieber auf Bewährtes zurück. Wir haben nämlich in den Kommunen durchausfunktionierende Strukturen. Zuvorderst sind es die kommunal organisierten Gesundheitsämterund die Jugendämter, die besonders geeignet scheinen, Beratungsleistungen für Familiengebündelt aus einer Hand anzubieten. Das meint die Ministerin übrigens selbst. Im Novemberstand in der Antwort zur Anfrage „Familienpolitik als Querschnittsaufgabe“ auf Seite 24:„Erziehungs- und Familienberatung wird wohnortnah in Zuständigkeit der Jugendämter derKreise und kreisfreien Städte über die Erziehungs-, Jugend und Familienberatungsstellenbereitgestellt.“ Auf die Idee, die bestehenden Strukturen auch fürs Elterngeld zu nutzen, kommtsie allerdings nicht. Da muss dann eine neue Struktur her.Dabei geht es den Familien nicht nur um das Elterngeld, dessen Antragsverfahren sogar vomSozialministerium selbst als kompliziert kritisiert wird, sondern auch um andere familienrelevanteLeistungen. Das Elterngeld ist eben nur eine von mehreren Leistungen. Eine anderefamilienpolitische Förderung ist der Unterhaltsvorschuss. Ohne ihn müssen einige Familien imwahrsten Sinne des Wortes Konkurs anmelden: sie stehen vor dem Nichts. Diese Familien,meistens Frauen mit einem oder mehreren Kindern, sind durch den Ausfall des Unterhalts-pflichtigen auf staatliche Hilfe angewiesen. Beschleunigte Verfahren sind hier dringend geboten,stehen aber nicht auf der Agenda der Landesregierung.Wir sehen sehr wohl, dass die Familienbüros funktionieren und sind den Mitarbeitern dort fürihren Einsatz dankbar. Aber aus den eben genannten Gründen warne ich davor, das Familienbüro 4in der geplanten Art und Weise dauerhaft zu installieren. Der SSW befürwortet einenPerspektivenwechsel in der Familienpolitik: quasi zurück zu den Wurzeln. Beratung aus einerHand durch die Kommunen. Sie kennen sich vor Ort aus, die Wege sind kurz und die Schwelleniedrig. So sieht vernünftige Familienpolitik aus. Und dies würde auch dem entsprechen, was dieLandesregierung gegenüber den Kommunen immer wieder ankündigt. Nämlich das dieKommunen die Aufgaben erhalten, die sie selbständig ausführen können. Hier hat dieLandesregierung nun endlich die Chance hierzu und diese muss sie nun nur noch ergreifen.