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Lars Harms zu TOP 11 - Langzeitarbeitslosigkeit in Schleswig-Holstein
Presseinformation Kiel, den 26.1.2007 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 11/21 Langzeitarbeitslosigkeit in Schleswig-Holstein u. Aktuelle Situation des Wirtschafts- und Arbeitsmarktes Drs. 16/1158 u. 16/1188Langzeitarbeitslose, aber vor allem die Haltung der Mehrheit der Bundesbürger zu ihnen, gerietendurch einen Zwischenruf von Henrico Frank schlagartig ins Zentrum medialer Aufmerksamkeit. Sosehen die doch alle so aus, fühlte sich der Boulevard-Leser bestätigt: unrasiert und ungepflegt.SPD-Chef Kurt Beck fand viel Zustimmung, als er das äußere Erscheinungsbild für die vergeblicheArbeitssuche verantwortlich machte. Diese Episode belegt, wie massiv Vorurteile gegenüberLangzeitarbeitslosen sind. Langzeitarbeitslose werden als Drückeberger diffamiert und alsAusnutzer einer vermeintlichen Hängematte diskreditiert.Sicherlich hat eine Reihe von Langzeitarbeitslosen gesundheitliche Einschränkungen, die eineVermittlung erschweren, oder ist derart verschuldet, dass sie gleich beim ersten Lohn mitLohnpfändung rechnen müssen. Doch Langzeitarbeitslose deswegen in Bausch und Bogen zu 2verurteilen, ist grundfalsch. Vielleicht ist es auch nur ein Vorwand, um politisches Versagen zuentschuldigen.In den letzten 20 Jahren blieb das Problem der Sockelarbeitslosigkeit ungelöst. Weder die Betriebenoch die Arbeitsverwaltung haben Langzeitarbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu integrierenvermocht. Sie wurden stattdessen frühzeitig verrentet, in Qualifizierungsschleifen geparkt oderganz aus der Statistik getilgt.Zunächst zur betrieblichen Personalpolitik: Die Mehrheit der Personalchefs ist der Meinung, dassbereits derjenige, der 50 Jahre und älter ist, keine Chance auf eine Neueinstellung hat. Da mögenQualifizierung, innere Einstellung und Einsatz des Bewerbers auch noch so gut zum betrieblichenProfil passen: er oder sie hat keine Chance. Dass man das in Dänemark völlig anders sieht underfahrene Kollegen sogar mit großem Nachdruck zur Bewerbung ermuntert, wird hierzulande nurvon Experten gewürdigt. Die Personalführung in Deutschland, da ist Schleswig-Holstein keineAusnahme, hinkt dagegen in vielen Bereichen internationalen Erfahrungen hinterher. Das sehenwir an vielen Beispielen: zum Beispiel, wenn es um junge Frauen geht, die gut ausgebildet sind,aber nach einer kurzen Familienpause trotzdem oftmals keine Chance in ihrem alten Betriebhaben. Oder denken wir an die Weigerung vieler Großbetriebe, ihrer Ausbildungsverpflichtungnachzukommen. Die Betriebe stellen am liebsten den sprichwörtlichen jungen, allein stehendenMann mit langer Berufserfahrung ein, der gleich vom ersten Arbeitstag an voll einsetzbar ist undam besten nichts kostet. Alle anderen haben schlechte Karten. Das ist die betriebliche Realität.Personalentwicklung, um die richtige Qualifikation in eine angemessene betriebliche Kompetenzeinzugliedern, ist für viele Betriebe immer noch ein Fremdwort. Wenn allerdings keineAlternativen bestehen, geht es dann doch. Bestes Beispiel sind einige Firmen in Flensburg, diejahrelang Probleme hatten, qualifiziertes Personal in die angeblich so abgelegene Region zuholen. Da hat man kurzerhand selbst weitergebildet: Gesellen auf entsprechende Kurse geschicktund auch den Meistern Qualifizierung angeboten. Dieser betriebliche Einfallsreichtum ist aber die 3Ausnahme. Andere, wie ein großer Handy-Hersteller, auch in Flensburg, verlassen sich darauf,dass sich qualifiziertes Personal schon von allein vorstellen wird. Dieses Verhalten ist nicht nurgesamtgesellschaftlich problematisch, sondern betriebswirtschaftlich kurzsichtig.Solche Betriebe schauen sich die Bewerbungsmappen von Langzeitarbeitslosen gar nicht erst an.Sie wollen nicht qualifizieren; Neueinzustellende schon gar nicht. So wird der immer wiederangeführte Gabelstaplerführerschein, bzw. dessen Fehlen, zu einem schier unüberbrückbarenHindernis. In Dänemark wird dem Betreffenden, wenn er in den Betrieb passt, schleunigst einentsprechenden Kurs vermittelt. Deutsche Gewerkschaften berichten dagegen, dass in einigenBetrieben jahrelang Kollegen ohne Gabelstaplerführerschein entsprechende Arbeiten ausüben.Nur, wenn der Kontrolleur kommt, wird derjenige dann aus der Halle geschickt. Wer also nichteinmal in Stammpersonal investiert, wird das bei Neueinstellungen erst recht nicht tun.Das hat vielleicht auch mit einer unflexiblen Tarifpolitik zu tun. Die IG Metall will dieseUngerechtigkeiten ausräumen. Ein neuer Tarifvertrag soll helfen, dass die Arbeitnehmer nach dentatsächlich geleisteten Tätigkeiten entlohnt werden: wer also als Monteur bezahlt wird,tatsächlich aber die Baustellenaufsicht übernimmt, hat Anspruch auf eine bessere Entlohnung.Dass einige Arbeitgeber diese neuen Einstufungen umgehen wollen, in dem möglichst einfacheArbeitsplatzbeschreibungen dauerhaft festgeschrieben werden, damit dann trotzdem keinadäquater Lohn gezahlt werden muss, ist für mich nur ein weiteres Zeichen für die ebenangeführte betriebliche Kurzsichtigkeit.In diesem System haben Langzeitarbeitslose also schlechte Chancen auf innerbetrieblicheQualifikationsanstrengungen. Also muss der Staat ran. Das ist eine Binsenweisheit: wo esmarktwirtschaftlich nicht klappt, ist der Staat in der Pflicht; in diesem Fall die Bundesagentur fürArbeit. Dessen Vorstandsvorsitzender, Frank Jürgen Weise, hat bei seinem Besuch in Flensburg imNovember bedauert, dass die Agenturen nicht über ausreichendes Personal verfügen, umArbeitslose auch zu Hause beraten zu können. Die direkte Beratung führe seiner Meinung zu 4besseren Ergebnissen als die derzeitige Praxis. Gravierenden Problemen könne man nur miteinem großen Mitteleinsatz beikommen. Das weiß Weise. Umsetzen tut er diese Erkenntnisseallerdings nicht.Dagegen zeigen die Optionskommunen, was man mit fachgerechter und engagierter Beratungerreichen kann. Dort ist man ohne jeglichen Behördenballast sehr direkt tätig geworden. Das hatzwar lange gedauert, aber die Erfolge sprechen für sich.Dass die Arbeitsagenturen Probleme mit dieser erfolgreichen Konkurrenz haben, zeigte sich erstam Montag in Niedersachsen, wo den Kommunen systematische Zahlenmanipulation in SachenBekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit nachgesagt wurde. Individuelle Beratung ist das besteMittel, wenn man nachhaltig die Langzeitarbeitslosigkeit bekämpfen möchte. ErfolgreicheBeispiele gibt es genug:In Flensburg wurden in einem Modellprogramm mittels einer intensiven Beratung erfolgreichüber 50jährige Arbeitslose auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert. Immer dann, wenn dieBetroffenen die Flinte ins Korn werfen wollten, half ihnen die Unterstützung vom Coach und denübrigen Teilnehmern. Die Beratungsstellen von Frau und Beruf sind ebenfalls ein Beleg für denErfolg individueller Betreuung. Hier gibt es mit die höchsten Vermittlungsquoten; und das nichtnur bei „einfachen Fällen“.Bei der Rückkehr in den Beruf bieten die Arbeitsagenturen nur noch Informationsveranstaltungenan. Ich bezweifle, dass diese allgemein gehaltenen Seminare einen Effekt haben.Langzeitarbeitslose benötigen besonders intensive Unterstützung. Sie haben sich oftmals nachmehreren erfolglosen Bewerbungen in ein Schneckenhaus zurückgezogen – nach dem Motto:Wenn ich mich nicht bewerbe, kann ich auch nicht mehr abgelehnt werden. Diese Abwärtsspiralesollte mit der Arbeitsmarktreformen aufgehalten werde: fordern und fördern. Wie wir wissen, istdavon nur noch das Fordern übrig geblieben. 5Darüber hinaus hat die Bundesagentur in einem Rundumschlag viele eingeführteQualifizierungsinstitutionen durch einen harten Wettbewerb ruiniert. Hinter vorgehaltener Handfragen sich viele Vermittler, wie die neuen Anbieter den Preiskampf durchhalten wollen. Ichbedaure, dass erfolgreiche Programme, wie das Existenzgründerprogramm der WAK in Flensburg,dabei auf der Strecke bleiben.Die Statistik der Agentur Flensburg verzeichnet einen Rückgang der Teilnehmer anQualifizierungsmaßnahmen von Dezember 2005 auf Dezember 2006 von sage und schreibe 93% .Kein Wunder, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen unterdurchschnittlich gesunken ist.Zusammen gefasst fällt mein Urteil bezüglich der Arbeitsverwaltung nicht besonders positiv aus.Bleiben zum Schluss die Bundes- und Landesprogramme. Diese ergänzenden Programme, dieunter anderem Arbeitsminister Döring mit der Intensivierung der Ein-Euro-Jobs in Aussicht stellte,sollen es also richten. Sie beheben aber keinesfalls die Grundprobleme. Auch der mehrmonatigeEinsatz von Erntehelfern ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Beide Maßnahmen richten sich nurmittelbar auf den ersten Arbeitsmarkt aus.Es werden durch kein Landesprogramm vorhandene Qualifikationen individuell weiter entwickelt,oder eine Engpassanalyse der Bedarfe erstellt, sondern weiterhin an einer pauschalen Politikfestgehalten. Da ist es wenig überraschend, dass der Kreis Segeberg bei seinem neuen Programmzur Behebung der Langzeitarbeitslosigkeit nur eine einzige Qualifikation anbietet: die zurTagesmutter. Ein Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt sieht anders aus.So positiv es ist, dass das Land hier Schlimmeres verhindern will, so negativ ist es, dass der großeMoloch Arbeitsagentur sich eigentlich in den letzten Jahren immer noch nicht bewegt hat. Unddies bekommen vor allem die Langzeitarbeitslosen zu spüren. Hier muss die Politik ansetzen undaus den positiven Erfahrungen der Optionskommunen lernen. „Dezentralisierung“ heißt hierbeidas Stichwort.