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Lars Harms zu TOP 18 - Ausbau der Kinderbetreuung unter Dreijähriger
Presseinformation Kiel, den 22.3.2007 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 18 Ausbau der Betreuung unter Dreijähriger Drs. 16/1296Den vorliegenden Antrag sollten wir vor dem Hintergrund der Erfahrungen der letzten Anhörungdiskutieren. Im Sozialausschuss haben wir uns mit Familienzentren beschäftigt. Der Tenor beiallen Trägern war in meinen Ohren zweifelsohne die Bitte an die Politik, sich auf ein Thema zukonzentrieren. Nicht zu viele Baustellen im Kinderbetreuungsbereich, ansonsten ist überhauptbald kein Durchkommen mehr.Ich möchte noch einmal die politischen Initiativen nennen: verpflichtender Kindergartenbesuch,kostenfreies letztes Kindergartenjahr, längere Öffnungszeiten, Sprachförderung im Kindergarten,integrierte Familienberatung im Kindergarten, Bildungs- und Fremdsprachenangebote für dieKleinen und nicht zuletzt eine bessere Berufsausbildung der Erzieherinnen und Erzieher. Dabekommt man schnell den Eindruck, dass das, was in den letzten Jahren versäumt wurde,innerhalb einer Legislaturperiode nachgeholt werden soll. Kein Wunder, das sich die Betroffenenvor Ort oftmals überfordert und allein gelassen fühlen. 2Andererseits ist der Entscheidungsdruck durch das neue Elterngeld enorm. Bereits in zwölfMonaten läuft für die ersten Bezieher das Elterngeld aus. Diese Eltern haben nur zweiMöglichkeiten: die Erwerbstätigkeit auch nach Ende des Elterngeldbezuges weiterhin ruhen zulassen, ohne dafür einen Cent zu bekommen oder wieder arbeiten zu gehen und zuzusehen, dassman das Kind irgendwie untergebracht bekommt.Auf Geld zu verzichten wird jedenfalls für die wenigsten in Frage kommen. Wie die ersten Datenzeigen, erhalten die Bezieher von Elterngeld weit weniger Geld als erwartet. Das Elterngeldbeträgt durchschnittlich nur 58% des Nettoeinkommens, meldet die Presse am Montag und ebennicht 67%, weil Weihnachts- und Urlaubsgeld unberücksichtigt bleiben sowie dieWerbungskostenpauschale abgezogen wird. Das ist leider nicht das erste Mal, dass die Nutzervon Leistungen erst spät merken, dass die Wahrheit der Pressekonferenz nichts mit ihrenAnsprüchen zu tun hat.Die Eltern können nach Ende der Elterngeldbezugs die Betreuung von Sohn oder Tochter privatorganisieren oder, und das halte ich natürlich für die beste Lösung: das Kind in eine liebevolle,zuverlässige, professionelle Obhut geben.In den meisten Dörfern des Landes fällt die letzte Option allerdings flach: es gibt schlicht undeinfach keine Krippenplätze. Aber auch in den Städten sieht es nicht so gut aus. Daran wird sich inden nächsten zwölf Monaten nichts Grundsätzliches ändern. Kein Landespolitiker kann seriöserweise bis dahin eine Betreuungsgarantie für Kinder unter drei Jahren geben.Auf dieses Problem hat der SSW bereits im Entscheidungsprozess um das Elterngeld aufmerksamgemacht. Leider ist inzwischen wertvolle Zeit verstrichen. Die Eltern müssen sehen, wie sieBetreuung organisieren.Im Laufe eines Jahres werden wir keine ausreichenden Strukturen zur Verfügung stellen können:es fehlen die qualifizierten Pädagogen, um neue Gruppen einzurichten. Der SSW hat in der 3Vergangenheit immer betont, dass eine professionelle Kinderbetreuung hohenQualitätsstandards genügen muss. Eine Standardverschlechterung, wie die Ausweitung derKinderzahl pro Gruppe, ist mit uns nicht zu machen. Auch das Thema Tagesmutter haben wir imLandtag schon häufig angesprochen. Tagesmütter müssen selbstverständlich pädagogischenKriterien genügen. Sie müssen qualifiziert werden, fachlich begleitet und unterstützt werden.Alles andere läuft auf ein Kinder-Parkhaus hinaus: Kinder rein und aufpassen, das sie wedergeklaut noch beschädigt werden. Solche Zustände will, so hoffe ich, niemand.Die demografischen Daten sollten keineswegs zum Aussitzen ermutigen, nach dem Motto: mitsinkenden Kinderzahlen regelt sich das Problem von ganz alleine. Was wir hier vorhaben, ist einequalitative Ausweitung der Betreuungsstruktur, in die wir auch die jüngeren Kinder miteinbeziehen.Wir wissen aber aus Berichten des Sozialministeriums, dass vor allem finanzschwache Kommunenso lange rechnen, bis bei ihnen kein Bedarf an Krippenplätzen mehr vorliegt. Sie können sichschlichtweg den Ausbau der Kinderbetreuung nicht leisten. Eltern, die keinen Krippenplatz finden,sind dementsprechend zwangsläufig sehr erfinderisch bei der Organisation der Kinderbetreuungund gehen dabei aber meistens alleine vor. Auch wenn es in einer Stadt oder in einem Dorf vielekleine Kinder gibt, finden sich nur in den seltensten Fällen eine private Initiative zur Gründungeiner Krippe. Die Hürde, finanziell und bürokratisch, ist einfach zu hoch. Es gibt also einenenormen Schattenbedarf für alle Eltern, die ihre Kinderbetreuung nur notdürftig organisierthaben. Das merkt man spätestens, wenn eine Krippe aufmacht: innerhalb von Tagen füllt sich dieAnmeldeliste.Elternbefragungen bringen da kaum etwas. Wen will man auch befragen: Eltern mit kleinenKindern, die aufgrund der Vorlaufzeit einer Krippe diese gar nicht mehr nutzen können?Potenzielle Eltern kann man schlecht befragen.Krippenplätze sind also angebotsinduziert. Findet sich ein Träger und öffnet eine Krippe, sind diePlätze im Handumdrehen vergeben. 4Das alles führt zur Forderung eines Voucher-Systems. In Hamburg hat man sehr gute Erfahrungengemacht. Zwar möchte ich niemandem die enormen Anfangsschwierigkeiten des dortigenGutscheinssystems zumuten, wo es monatelang völlig unklar war, wie die Gutscheinegehandhabt werden. Aber jetzt zeigt sich, dass die Eltern, die einen Gutschein haben, diesenutzen. Die Träger haben verlässliche Daten und bauen die Angebote zügig aus.So etwas muss es auch in Schleswig-Holstein geben: Eltern bekommen mit der Gewährung desElterngeldes eines Gutschein für einen Krippenplatz. Mit dem können sie zu Gemeinde oderKindergarten gehen. Sie können es aber auch lassen und die Betreuung anders organisieren.Diese Wahlfreiheit bleibt beim Gutschein-System bestehen.Gleichzeitig bekommen wir erstmals belastbare Zahlen, die über Absichtserklärungenhinausgehen.Der SSW unterstützt die Bemühungen, ein verlässliches Finanzierungssystem zu etablieren. Aberich möchte klarstellen, wie es nicht geht: Die Kommunen können wir mit den Belastungen nichtallein lassen. Auch eine Finanzierung von Familien für Familien beispielsweise durch die Senkungdes Kindergeldes oder die Änderung des Steuerrechtes kommen für den SSW nicht in Frage. Bei soeiner Umverteilungsmaschinerie geht in der Regel sogar noch Geld verloren.Dagegen erscheint mir die Steuerfinanzierung als die beste Lösung. Steuergeschenke an großeUnternehmen sind da aber fehl am Platze. Das Geld sollte man lieber in die Kinderbetreuunginvestieren.