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Anke Spoorendonk zu TOP 43 - Verfassungsschutzbericht 2006
PresseinformationKiel, den 9.5.2007 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 43 Verfassungsschutzbericht Drs. 16/1358Der Verfassungsschutzbericht 2006 zeigt einmal mehr, dass die größte Gefahr für die Demokratieimmer noch von den rechtsradikalen Kräften in unserem Land ausgeht. Denn während sichsowohl der Linksextremismus als auch der Islamismus auf viele Organisationen und versprengteGruppierungen verteilen, die damit mehr oder weniger sektiererisch daherkommen, gilt für denRechtsextremismus, dass es einer Partei - nämlich der NPD – gelungen ist, sich eine zentralePosition zu erarbeiten.Und dass die NPD kaum auf dem Boden des Grundgesetzes steht, geht in beeindruckender Weiseaus dem Bericht der Landesregierung hervor: Die NDP versucht mit den Mittel unseresdemokratischen Staates ein anderes System herbeizuführen. Die Wahlerfolge in Sachsen undjüngst in Mecklenburg-Vorpommern haben den Mitgliedern der NDP ein großesSelbstbewusstsein und ein Gefühl des Aufwinds verschafft. Und sie hat es geschafft, dieverschiedenen rechten Strömungen und Gruppierungen einzufangen, um sich durch einstrategisches Bündnis mit der DVU auch die Voraussetzungen für künftige Wahlerfolge zuermöglichen. 2Auch wenn die Mitgliederzahl der NDP in Schleswig-Holstein immer noch auf niedrigem Niveauliegen, so sind sie doch in den letzten Jahren etwas angestiegen, und der Innenminister hat Recht,wenn er sagt, dass die Neonazis und ihre Verbündeten immer „frecher“ auftreten. Das hängtnatürlich damit zusammen, dass die „rechtsextremistischen Positionen keinesfalls mehr einNischendasein im Umfeld subkultureller Jugendlichen oder unverbesserlicher Alt-Nazis führen“,wie im Bericht zu lesen ist.Vielmehr wird ganz allmählich klar - was auch durch viele Studien belegt wird, dass dasrechtsradikale Gift längst in die Mitte der Gesellschaft gesickert ist. Fremdenfeindlichkeit undplumpes rechtes Gedankengut sind an Stammtischen und Kaffeetafeln alltäglicherGesprächsstoff. Man macht es sich also zu einfach, den Rechtsextremismus im Lande nur alsSpinnereien einiger weniger zu verniedlichen. Die demokratischen Parteien müssen aufwachenund sich der Herausforderung stellen. Denn obwohl diese Probleme seit über einem Jahrzehnterkannt sind, hat die Politik neben Überwachung, Solidaritätsbekundungen und Jugendprojektenwenig dagegen auf die Beine stellen können.Daher bleibt der SSW bei seiner Position: Die demokratischen Kräfte müssen viel stärker als bisherdie Argumente der Rechtsradikalen offen aufgreifen und sich damit seriös auseinander. Siemüssen öffentlichkeitswirksam die Mythen über schmarotzende Ausländer mit Fakten widerlegt.Und sie müssen mehr Verständnis für die Sorgen entwickeln, die viele Bürgerinnen und Bürgernmit sozialen Themen wie Arbeitslosigkeit und Hartz IV verbinden. Bisher hat sich der Kampf gegenRechts darauf konzentriert, Demokraten zu bestärken und rechtsradikale Jugendliche für dieDemokratie wieder zu gewinnen. Die Politik muss aber endlich Energie darauf verwenden, sichernsthaft und sachlich mit den vielen Erwachsenen auseinanderzusetzen, die für dasGedankengut der rechten Rattenfänger offen sind. Nur mit verfassungsrechtlichen Mitteln ist dasProblem nicht in den Griff zu bekommen. 3Denn die NPD versteht geschickt zu vermeiden, offen mit rechtsextremistischen Positionen zuwerben. Sie versucht stattdessen oft, allgemeine soziale Themen oder sogar regionale Problemeaufzugreifen. Dies wurde jüngst deutlich bei der sehr emotionalen Diskussion über dieKreisreform in Ditmarschen, wo die NPD zu den Gegnern gehört. Hier kommt denVerantwortlichen die Aufgabe zu, nicht in die Falle der NPD zu gehen, damit der gesamte Protestgegen die Kreisreform nicht als „rechtsradikal“ verunglimpft werden kann, wie dies leider voneinigen Politikern gemacht wurde. Wir wissen alle, dass dies nicht der Fall ist.Leider scheint aber gerade Ditmarschen dennoch eine der regionalen Hochburgen derRechtsextremisten in Schleswig-Holstein zu sein. Gerade erst am Wochenende wurde von derPolizei eine Razzia gegen eine neonazistische Versammlung in einer ehemaligen Gaststätte inNeufeld durchgeführt. Auch im Großraum Lübeck und in Neumünster mit dem ominösen Club 88gibt es regionale Schwerpunkte des Rechtsextremismus.Von Aktivitäten im Landesteil Schleswig ist im Bericht der Landesregierung außer in Rendsburgnicht die Rede. Dabei wurde jüngst in einem Artikel in Flensborg Avis auf neonazistischeAktivitäten einer sogenannten „Kameradschaft NF“ hingewiesen, die in Husum und anderswolinksalternative Jugendliche bedroht haben soll. Dennoch ist ein Trend hin zur NPD hier im Nordennicht abzusehen.Dafür gab es bei unserem Nachbarn in Sønderjylland einige Zwischenfälle mit internationalenNeonazitreffen in den traditionsreichen dänischen Versammlungshäusern. Mehrere Male hattenNeonazis unter falschem Vorwand diese Häuser für Konzerte oder Versammlungen gemietet.Allerdings versucht man jetzt in Sønderjylland diese Treffen, an der auch Neonazis ausDeutschland teilnahmen, für die Zukunft zu verhindern.International vernetzt ist auch der Linksextremismus, insbesondere wenn es um das ThemaGlobalisierung geht. So scheint der kommende G-8-Gipfel in Heiligendamm - den man politisch 4sehr wohl kritisieren kann - gerade auch in der linken Szene zu einem Anstieg derGewaltbereitschaft zu führen. Dies haben mehrere kleine Anschläge in Hamburg und auch inSchleswig-Holstein gezeigt. - Hier müssen wir von politischer Seite an alle Beteiligten appellieren,dass sich die Proteste gegen den Gipfel selbstverständlich nur friedlich und demokratisch äußerndürfen. Alles andere ist unakzeptabel und schadet nur dem Anliegen der Demonstranten.Insgesamt geht aber von diesen kleinteiligen Gruppierungen keine wirkliche Gefahr für diedemokratischen Institutionen aus.Angesichts der Ereignisse der letzten Jahre und auch vor dem Hintergrund, dass der einer der sogenannten Kofferbomber in Kiel lebte, widmet die Landesregierung den extremistischenBestrebungen von Ausländern und auch dem Islamismus einen großen Teil des Berichtes. Dabeiwird aber deutlich, dass auch die verschärften Gesetze der letzten Jahre von Bund und Ländernkeinen wirklich Fortschritt bei der Bekämpfung dieser extremistischen Ausländer gebracht haben.So war der in Kiel wohnhafte Youssef Mohammad im Vorfeld des Kofferbombenanschlages denVerfassungsschutzbehörden nicht bekannt. Gleiches galt ja auch für viele der Attentäter des 11.Septembers. Mit einfachen Verfassungsschutzmethoden kommen wir also nicht weiter. Aberunabhängig von allen Überlegungen, die in Richtung eines verstärkten Einsatzes von Informantengehen könnten, brauchen wir auch einen viel besseren Dialog zwischen den moslemischenGruppierungen und den staatlichen Organen. Die Islamismuskonferenz von BundesinnenministerSchäuble ist nur der Anfang, damit wir endlich eine fruchtbare Diskussion über gemeinsameWerte und über die freiheitliche Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland führen können.Diese Wertedebatte ist am Ende viel wichtiger für den Erhalt unserer Demokratie als so mancheGesetzesverschärfung aufgrund von aktuellen Bedrohungen.