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Lars Harms zu TOP 26 & 37 - Neubau von kohlekraftwerken in Schleswig-Holstein
PresseinformationKiel, den 11.05.2007 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 26 & 37 „Neubau von Kohlekraftwerken in Schleswig-Holstein verhindern“ und „Veräußerung eines Grundstücks in Brunsbüttel“ Drs. 16/1378 & 16/1376Die Energiepolitik ist derzeit maßgeblich beeinflusst von zwei Faktoren. Zum einen haben wirden Atomkonsens, der den Ausstieg aus der risikobehafteten Energieversorgung vorschreibt.Zum anderen haben wir den Klimawandel und die klimapolitischen Ziele zur Verminderung desCO2-Ausstoßes. Beides zusammen stellt uns heute vor große Herausforderungen, die wirannehmen müssen. Dies ist kein neuer Konflikt, es gibt ihn schon seit Jahren. Doch mittlerweilehat auch der Letzte erkannt, dass wir das Problem nicht mit Reden lösen können. Es ist höchsteZeit, dass endlich gehandelt wird.Für den SSW stelle ich fest, dass wir am Atomkonsens weiterhin festhalten. Es gibt für uns keineAlternative zum Atomausstieg, dieser muss so schnell wie möglich stattfinden. Ich kann nurdavor warnen, im Zusammenhang mit der Klimadiskussion und der CO2-Reduktion derAtomenergie das Wort zu reden. Auch wenn es vordringlich so aussieht, dass Atomenergie zur 2Lösung der CO2-Problematik beitragen könnte, birgt diese Energieform Risiken in sich, die wirletztendlich nicht kontrollieren können und die ein gefährliches Abfallproblem für vielenachfolgende Generationen darstellt. Daher lassen wir uns auf gar keinen Fall auf einen solchenKuhhandel ein.Es gibt heute einen bestimmten Energiebedarf, der gedeckt werden will und wir wissen, dass derEnergiebedarf in Zukunft weiter steigen wird. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Undwir wissen um die Gefahr, dass der CO2-Ausstoß damit maßgeblich in Verbindung steht. DiesesProblem muss gelöst werden. Doch welche Möglichkeiten zur Abwendung stehen uns zurVerfügung?Was wir in den nächsten Jahrzehnten benötigen, ist ein Mix aus erneuerbaren Energien,Energieeffizienz und Energieeinsparung. Auch dies ist keine neue Erkenntnis, doch hier mussnoch viel getan und geforscht werden. Aber gerade im Bereich der Energieforschung undEntwicklung ist Deutschland in den letzten Jahren im internationalen Vergleich zurückgefallen.Dies macht die VDE-Studie „Energieforschung 2020" deutlich. Danach schneiden Deutschlandund Europa im internationalen Vergleich schlecht ab. Während Japan für die Energieforschungpro Kopf der Bevölkerung über 30 US-Dollar ausgibt und die USA 10 Dollar, sind es in Deutschlandnur 6,20 Dollar. Mit jährlich 3,9 Milliarden US-Dollar investiert Japan 7,6-mal so viel Geld in dieEnergieforschung wie Deutschland, die USA investieren absolut fast sechsmal so viel wie dieBundesrepublik. Dies muss sich ändern, nicht nur in finanzieller sondern auch in strategischerHinsicht.Welche Möglichkeiten stehen uns also zur Verfügung, um langfristig die Energieversorgung unddie Klimaschutzziele zur erreichen? Die Mobilisierung vorhandener Energieeinsparpotentiale, dieErhöhung der Effizienzsteigerung und die kontinuierliche Erhöhung des Anteils an erneuerbarenEnergien sind die anerkannten Lösungen. Durch die konsequente Durchführung dieser Schrittewird es uns besser ermöglicht, nachhaltig den Atomausstieg zu vollziehen. Wir wissen, dass 3insbesondere die Energieeinsparpotentiale und die Erhöhung der Effizienzsteigerung noch langenicht ausgeschöpft sind. Gerade in diesen Bereichen, muss noch sehr viel getan werden und wirmüssen uns im klaren darüber sein, dass es Jahrzehnte dauern wird, bis wir hier wirklichspürbare Verbesserungen aufweisen können. Dieser Weg muss jetzt gesteuert werden, damitdas Bewusstsein auf allen Ebenen geschaffen wird, dass Strom ein „wertvolles Gut“ ist, mit demsparsam und effizient umgegangen werden. Hier müssen Anreizsysteme geschaffen werden, fürumfassende energietechnische Analysen. Nur wenn die Schwachstellen lückenlos aufgedecktwerden, kann zielgerichtet gegengesteuert und in Verbesserungen umgemünzt werden. Dies giltsowohl für die betrieblich als auch für die häusliche Energieversorgung. Allerdings sind dies alleslangfristig angelegte Lösungen. In unserer jetzigen Situation sind wir noch keinen Schritt weiter.Nach Angaben des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) spart die Nutzung von Wind-und Wasserkraft, Sonnenenergie, Erdwärme und Bioenergie weltweit bereits 7 Milliarden Tonnendes Treibhausgases Kohlendioxid ein. Ohne den Beitrag der Erneuerbaren Energien wären dieweltweiten CO2-Emissionen fast 25 Prozent höher als heute. Der schnellstmögliche Ausbaudezentraler Erneuerbarer Energien ist die einzige Chance, den Energiebedarf und denKlimawandel zu stoppen. Angesichts eines weltweit steigenden Energiebedarfes ist es fahrlässigund viel zu teuer, weiter langfristig auf fossile Energieträger zu setzen. Viele Länder würdenzukünftig ohne sich zu verschulden gar keinen Zugang mehr zu Öl- und Gasquellen haben. AuchKernenergie mit einem Anteil von gerade einmal zweieinhalb Prozent am weltweitenEndenergieverbrauch von Strom, Wärme und Kraftstoffen bietet keine Alternative. Nur wenn wirentschlossen den Ausbau Erneuerbarer Energien fördern, können weltweit die CO2-Emissionenbis zur Mitte des Jahrhunderts um die Hälfte gesenkt werden. Dafür muss ihr Anteil von heuteetwa 20 Prozent am Endenergieverbrauch weiter gesteigert werden. Was derzeit aber noch fehlt,sind klare Rahmenbedingungen für den weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien. Aber auch aufLandesebene brauchen wir eine konkrete Planung, welche Energieformen in Schleswig-Holsteinin zwanzig und in fünfzig Jahren genutzt werden sollen. Hierauf aufbauend muss dann einFörderinstrumentarium auf Landesebene entwickelt werden, das es ermöglicht diese gesteckten 4Ziele zu erreichen. Auch diese Erneuerbare Energien werden sich erst langfristig voll auswirkenkönnen. Aber wir müssen jetzt schon handeln.Doch bis wir soweit sind, brauchen wir einen Energiemix aus Erneuerbaren Energien und fossilenEnergieträgern, um den Bedarf wirklich decken zu können. Doch mit welchen fossilenEnergieträgern sollen wir die Energieversorgung verlässlich sicherstellen. Bereits in der letztenEnergiedebatte habe ich auf die Problematiken hingewiesen, die mit den verschiedenen fossilenEnergieträgern verbunden sind. Dies habe ich aber nicht nur unter dem Aspekt desKlimaschutzes getan. Wenn wir eine zuverlässige Übergangslösung haben wollen, dann müssenwir auch die Sicherheit der Verfügbarkeit der Rohstoffe mit einbeziehen. Schließlich kommenmanche dieser Rohstoffe aus derzeit politisch sehr unsicheren Drittstaaten.Wir wissen, dass die Vorkommen von Gas, Öl und Uran unterschiedlich zeitlich und geografischbegrenzt sind. Mit diesen Energieträgern begeben wir uns in eine langfristige Abhängigkeit, diewir so nicht wollen. Die Verknappung der Rohstoffe wird dazu führen, dass die Energiepreise inden nächsten Jahrzehnten explodieren werden.Etwas anders sieht es bei Kohle aus. Natürlich ist Kohle auch ein endlicher Rohstoff, aber imGegensatz zu den vorher genannten Energieträgern ist Kohle weltweit vorhanden und waswichtiger ist, wir haben sie im eigenen Land. Damit ist zumindest eine gewisse Verfügbarkeitsichergestellt. Im Zusammenhang mit Kohle gebietet es aber auch so ehrlich zu sein, dassKohlekraftwerke derzeit die größten CO2-Emittenten sind.Welche Übergangslösung wollen wir nun anstreben, wenn wir den Energiebedarf in Zukunftsicher decken wollen unter Berücksichtigung der gesetzten Klimaschutzziele. Verkürzt gesagt istdie Wahl zwischen Kohle- oder Atomkraftwerken die Wahl zwischen Pest oder Cholera. ZuAtomkraftwerken habe ich eingangs bereits alles gesagt, diese Option stellt sich für uns nicht.Wenn wir nun über Kohlekraftwerke sprechen, sollten wir so ehrlich sein und feststellen, dasswir um den Einsatz von Kohlekraftwerken nicht umhin kommen. Bereits heute machen Braun-und Steinkohlekraftwerke rund 50 % der Stromgewinnung aus. Diesen Bedarf können wir auch 5nicht mit Gaskraftwerken decken, denn der Bedarf an Gas wäre unerschwinglich hoch. Daherbleibt nur die Möglichkeit auf Kohlekraftwerke zu setzen. Natürlich sind sie nicht die saubersteEnergieform, aber wenn es uns gelingt, die veralteten Großkraftwerke mit neueren zu ersetzen,erreichen wir auch eine Verbesserung der CO2-Bilanz.Bei der Stromerzeugung ist der massive Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung eine der wichtigstenMaßnahme, da dies die höchste Energieeffizienz aufweist, die wir derzeit erreichen können.Daher muss die Abwärme nutzbar sein. Dabei bieten sich zum Beispiel Standorte in der Nähe derchemischen Industrie an, die oft große Mengen Prozesswärme benötigt. Dies und dievorhandene Infrastruktur sprechen in unserem Fall für den Standort Brunsbüttel. Dieses muss beider Unternehmensansiedlungspolitik für Schleswig-Holstein eine Rolle spielen.Wenn wir über Standorte für Kohlekraftwerke in Schleswig-Holstein sprechen, dürfen wir diesnicht allein auf Schleswig-Holstein beziehen, dies müssen wir in einem bundesweitenenergiepolitischen Zusammenhang sehen. Hier können wir nicht so tun, als ob Schleswig-Holstein eine energiepolitische Insel ist.Ebenso wie in anderen Bereichen wird es aber auch bei Kohlekraftwerken im Laufe der Jahretechnische Verbesserungen geben hinsichtlich der CO2-Emissionen. Zu den Schwerpunktthemengehört insbesondere die Abscheidung und Speicherung von CO2 bei Kohlekraftwerken. Nur sokann Kohlekraft zum Energiemix beitragen. Was aber auch deutlich werden muss, ist dieTatsache, dass Kohlekraftwerke nur eine Übergangslösung sein dürfen. Daher sollte man bereitsjetzt einen Kohlekonsens anstreben, der verbindliche aussagen trifft, wann das letzteKohlekraftwerk abschaltet wird. Wenn wir wissen, dass die Kohlenutzung beispielsweise in 30Jahren vorbei ist, dann hätten wir den nötigen Handlungsdruck, die Erneuerbaren Energienwirklich nachhaltig und umfassend zu fördern. Das Beispiel Atomkonsens macht es jetzt schondeutlich und beim mittelfristigen Kohleausstieg sollten wir von den Problemen des Atomkonsenslernen. In diesem Sinne ist auch unser Antrag formuliert, für den ich um Zustimmung bitte.