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Lars Harms zu TOP 12 - Modellversuch Bürgerarbeit
PresseinformationKiel, den 8.6.2007 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 12 Modellversuch Bürgerarbeit Drs. 16/1414Die Diskrepanz zwischen gesellschaftlich notwendiger Arbeit, die liegen bleibt und der hohen Zahlvon Arbeitslosen ist nicht nur an den Stammtischen aufgefallen. In einigen Städten wucherttatsächlich das Unkraut in den Parks, weil sich die Kommunen eine regelmäßige Rasenpflegenicht mehr leisten können. Gleichzeitig schlagen auf den Parkbänken Arbeitslose die Zeit tot. Daliegt es doch nahe, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Entsprechende Überlegungen zurÜberwindung dieser Lücke werden bereits seit mehr als zehn Jahren angestellt. Doch soeinleuchtend das Modell auf den ersten Blick ist, so schwierig ist der Gedanke beim zweitenHinsehen.Erst einmal spricht die Konkurrenz zur bezahlten Arbeit gegen so genannte Bürgerarbeit. VieleGartenbaubetriebe können ein Lied davon singen, was gut gemeinte Arbeitsbeschaffungspolitikanrichten kann bzw. konnte. Den Gartenbaubetrieben brach der Umsatz ein, weil ihnenArbeitsbeschaffungsmaßnahmen ein wichtiges Standbein weg hauten, nämlich die Grünpflege.Kunden und Kommunen, die sich ihre Garten- und Flächenpflege für kleines Geld von Arbeitslosenerledigen lassen konnten, lösten keine Aufträge mehr bei ihrem Gärtner aus. Aus diesen 2Fehlentwicklungen, die zugegebener Weise schon ein paar Jahre auf dem Buckel haben, hat dieArbeitsverwaltung gelernt. Konkurrenz durch subventionierte Arbeit gibt es heute kaum noch,wenn man von der Einstiegsqualifikation absieht, die in manchen Betrieben Vollzeitstellengekostet hat, weil der Unternehmer mit dem von der Arbeitsagentur finanzierten Praktikantenmehrere tausend Euro im Jahr spart.Bei der Bürgerarbeit befürchte ich ähnliches, wenn sie, wie vom Antragsteller gefordert wird,irgendwann flächendeckend in Schleswig-Holstein eingeführt wird. In Sachsen-Anhalt hat mandas Projekt nicht zufällig auf eine Kommune beschränkt. Ein flächendeckender Einsatz erhöht dieGefahr, dass preisgünstige Arbeit Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt verdrängt, weil dieKontrolle, ob eine Tätigkeit zusätzlich ist oder nicht, schwierig zu handhaben ist. Ich bezweifle, obdie Agentur für Arbeit dazu in der Lage ist. In Bad Schmiedeberg, dem Projektort in Sachsen-Anhalt, wird ein Lohn von zirka 5 bis 5,50 € brutto bezahlt. Damit werden zum BeispielVerwaltungstätigkeiten bei der Feuerwehr entlohnt, für die eigentlich ein höherer Tariflohn fälligwäre. Hier ist also der erste Arbeitsmarkt durchaus betroffen. Je nachdem, wie der„gemeinnützige Bereich“ definiert wird, wird hier mehr oder weniger Arbeit durch Billiglöhneverdrängt. Genau dies darf aber nicht geschehen.Die Erfahrungen mit der Ich-AG haben darüber hinaus gezeigt, dass pfiffige Unternehmernaturendurchaus in der Lage sind, neue Geschäftsfelder dauerhaft zu etablieren, wenn sie denn nur dienötige Anfangsfinanzierung hin bekommen. Ob diese dann auch ohne Unterstützung erhaltenbleiben oder nicht, war damals egal. Inzwischen sind viele mobile Kosmetikstudios oder schnelleröffnete Imbisse schon wieder Vergangenheit. Das ist ein Beispiel dafür, wie nicht-gewollteEffekte auf dem Arbeitsmarkt wirken; solange der Zuschuss stimmt, freut´s die freie Wirtschaftund danach bricht das ganze dann wieder zusammen.Es ist eine Illusion zu glauben, dass eine flächendeckende Bürgerarbeit keinerlei Auswirkungenauf den ersten Arbeitsmarkt hätte. Eine Chance auf die Integration der Bürgerarbeiter auf demregulären Arbeitsmarkt gibt es wiederum nicht. Zwar ist ein Bildungsgutschein vorgesehen, doch 3dessen Inanspruchnahme ist freiwillig und es erfolgt keine systematische Qualifizierung. Dass inSachsen-Anhalt Gelder aus dem Bereich Qualifikation zur Finanzierung des Projekts genutztwurden, halte ich für einen Skandal.Die Agentur für Arbeit hat in den letzten Jahren ihre Weiterbildungsangebote systematischzurückgefahren. Dänisch-Kurse, derzeit sehr begehrt, werden nicht finanziert. Es sei denn, derArbeitslose hat bereits eine Zusage eines Arbeitgebers in der Tasche. Arbeitslose müssen in denStand gesetzt werden, eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit zu finden. Sie müssen durchQualifikation fit gemacht werden für die Ansprüche des Arbeitsmarktes.Dazu trägt die Bürgerarbeit nicht bei. Sie ist also eine reine Beschäftigungsmaßnahme. Das magfür einige Langzeitarbeitslose durchaus der richtige Weg sein, um sich wieder in den Arbeitstageinzufinden. Doch bezweifle ich, dass damit allen Arbeitslosen geholfen ist. Zumal man dann fürdiese sozialversicherungspflichtige Vollzeitarbeit auch einen entsprechenden vernünftigen Lohnzu zahlen hat – auch wenn es sich um Arbeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt handelt.Dies führt mich zum weiteren Gegenargument: Bürgerarbeit darf keine Arbeit zweiter Klasse sein.Zur Entlohnung schreibt der Antrag lediglich eine Untergrenze, nämlich den Leistungsbezug nachSGB II, fest. Wir können nicht einerseits über Mindestlöhne streiten und das dann bei derBürgerarbeit außer Acht lassen. Bei einem Mindestlohn von 6,50 Euro und einer 40-Stunden-Woche sind wir bei knapp 1.100 Euro. In Sachsen-Anhalt liegt die Vergütung bei 900 Euro. Das istschon wenig genug und nicht ausreichend für einen Vollzeitjob. Für eine Vergütung in dieserHöhe sehe ich aber derzeit überhaupt keine Mittel, die die öffentliche hand zur Verfügung stellenkönnte. Alles drunter ist aber nur ein Ein-Euro-Job mit anderen Namen.Neben den bisher genannten inhaltlichen Problemen, die wir sehen. Gibt es aber auch Probleme inder konkreten Umsetzung, wenn man über den Radius einer kleinen überschaubaren Kommunehinaus blickt. Wer übernimmt überhaupt bei den gemeinnützigen Projekten und Vereinen die 4Einweisung und Anleitung, die Arbeitskontrolle und Abrechnung? Diese Frage lässt der Antragoffen. Der SSW wird keinesfalls einer Belastung durch Ehrenamtliche zustimmen.Zusammenfassend sehe ich im Projekt Bürgerprojekt keine Anknüpfungspunkte für eine Wendein der Arbeitsmarktpolitik. Der SSW wird das Wuchern neuer nebeneinander her existierenderProjekte nicht unterstützen und lehnt den Antrag ab. Was wir brauchen sind keine neuenBilliglohn-Projekte, sondern eine Evaluation der bisher durchgeführten Projekte und dann eineArbeitsmarktpolitik aus einem Guss, die über Projekte weit hinausgeht.