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12.07.07 , 15:55 Uhr
SSW

Anke Spoorendonk zu TOP 21 - Situation und Perspektiven der beruflichen bildung

Presseinformation
Kiel, den 12.07.2007 Es gilt das gesprochene Wort



Anke Spoorendonk
TOP 21 Situation und Perspektiven der beruflichen Bildung 16/1456 Drs. 16/1456

Die Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage der FDP über „Situation und
Perspektiven der beruflichen Bildung in Schleswig-Holstein“ gehört zum Glück zu denjenigen
Berichten, die es wert sind, gelesen zu werden. Im Namen des SSW bedanke ich mich also bei den
zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bildungsministeriums, die uns diese
lesenswerte Beantwortung der gestellten Fragen beschert haben. Dass dies alles keine
Selbstverständlichkeit ist, wissen wir aus leidiger Erfahrung.


Bestätigt wird, was auch in Veranstaltungen zu den Themen Ausbildungssituation und
berufliche Bildung immer wieder eine Rolle spielt: Die Schülerzahlen in den Vollzeitschularten
nehmen zu und für viele Jugendliche bedeutet der Übergang zur Beruflichen Schule erst einmal,
dass sie ihren Hauptschulabschluss nachholen, einen Mittleren Schulabschluss, die
Fachhochschulreife oder die allgemeine Hochschulreife erhalten. Das ist positiv.


Aus Sicht des SSW wird aus dieser Entwicklung aber auch deutlich, dass die Berufliche Schule
einen Großteil des Bildungsauftrages erfüllt, der eigentlich bei den allgemein bildenden Schulen
liegen sollte. Es kann im Grunde nicht angehen, dass heute ein Drittel aller Abiturienten den 2

Umweg über das Berufliche Gymnasium machen müssen, um die allgemeine Hochschulreife zu
erlangen, zumal dies für die Jugendlichen auch kein einfacher Weg ist.


Uns ist natürlich bewusst – auch dieses geht aus der Beantwortung der Landesregierung hervor –
dass der Ausbau der vollschulischen Angebote auch eine Reaktion auf die Stagnation auf dem
Ausbildungsmarkt ist. Die Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger hat sich in den
letzten 10 Jahren kontinuierlich gesteigert, während das Ausbildungsplatzangebot fast konstant
geblieben ist. Wer aber behauptet, dass wir es hier ausschließlich mit einem Aspekt der
„Warteschleifendebatte“ zu tun haben, verkennt, dass die jungen Menschen sich sehr bewusst
für einen höheren Bildungsabschluss einsetzen.


Am Schulwandertag des DGB und der GEW, der am 1. Juni hier im Landtag stattfand, führte ich,
wie andere Kollegen auch, Gespräche mit den teilnehmenden Jugendlichen. Ich unterhielt mich
mit einer Abschlussklasse der Hauptschule Jarplund-Weding, die mich ausdrücklich darauf
aufmerksam machte, dass diejenigen, die nach den Sommerferien weiter zur Schule gehen
wollten, um den Realabschluss zu erwerben, sich absolut nicht als „Warteschleife“ auffassten. Ja,
dass sie sich durch dieses Etikett eigentlich verletzt fühlten.


Dennoch geht aus der Großen Anfrage hervor, dass die Warteschleifen und die vielen berufs-
vorbereitenden Maßnahmen ein vorrangiges Problem darstellen. Die Zahl der Jugendlichen im
schulischen „Übergangssystem“ hat sich von 1995 bis 2005 kontinuierlich erhöht – auf den
gesamten Zeitraum bezogen um 85 %. Dass die Berufsschulen dabei am meisten geleistet haben,
während das Angebot der Bundesagentur für Arbeit relativ konstant blieb, gibt meines Erachtens
zu denken. Der SSW begrüßt daher, dass sich die Landesregierung mit ihrem Handlungskonzept
Schule und Arbeitswelt, auch das Ziel gesetzt hat, die verschiedenen Bildungsangebote besser
aufeinander abzustimmen.


Auch der präventive Ansatz ist notwendig und richtig. Wie sich die Landesregierung im Einzelnen
die Umsetzung des Konzepts vorstellt, sollte im Ausschuss erläutert werden. Dabei ist es positiv, 3

dass auch das neue Schulgesetz mit der Meldepflicht für Berufsschüler den präventiven Ansatz
stärkt.


Im Ausschuss sollten wir uns auch näher mit den Konsequenzen des neuen Berufsbildungs-
gesetzes auseinandersetzen. Ich denke dabei zum einen an die Möglichkeiten der schulischen
Berufsbildung, die der SSW verstärkt aufgegriffen wissen möchte. Zum anderen wünsche ich mir
eine detaillierte Einschätzung hinsichtlich der neuen 2-jährigen Berufsausbildung. Der SSW
begrüßt, dass es diese neuen Ausbildungsmöglichkeiten gibt, wenn sie denn dazu führen, dass
mehr Jungendliche eine Ausbildung erhalten. Was wir nicht wollen, ist ein Verdrängungs-
wettbewerb.


Und noch einen Punkt möchte ich im Ausschuss aufgreifen – die Möglichkeit der neuen
Regionalen Berufsbildungszentren nämlich. Ich hätte mir gewünscht, dass dies schon aus der
Beantwortung der Großen Anfrage hervorgegangen wäre. Insbesondere wüsste ich gern, wieso
dort immer noch darauf verwiesen wird, dass es für bestimmte Ausbildungsgänge notwendig ist,
Bezirksfachklassen einzurichten. Die neue Eigenständigkeit der RBZ müsste doch eigentlich dazu
führen, dass diese nicht mehr erforderlich sind. Aus regionaler Sicht ist es wichtig, dass schnell
auf Veränderungen auf dem Ausbildungsmarkt reagiert werden kann. Als Beispiel sei die
Mechatroniker-Ausbildung genannt, die in Flensburg einen ganz anderen Hintergrund hat als in
Husum. Und genau dies sollte mit der Umwandlung der Berufsschulen in RBZ besser
funktionieren als vorher.


Als ich eingangs das Bildungsministerium für die Beantwortung der Großen Anfrage lobte, bezog
mein Lob sich auch darauf, dass dort so viele Zusammenhänge angesprochen werden, dass es
schwierig ist, hier im Plenum auf alle Aspekte einzugehen. Ich werde also den ganzen Bereich
Weiterbildung heute ausklammern, was wirklich nicht heißt, dass wir diesen Bereich nicht für
wichtig erachten – im Gegenteil. Auch darauf werden wir in der Ausschussberatung konkret
eingehen, zumal uns bekannt ist, dass die Landesregierung als einen Beitrag zum Bürokratie-
abbau das Bildungsfreistellunggesetz abschaffen möchte. Das wäre ein großer Fehler. 4

Einen Punkt will ich aber unbedingt noch aufgreifen. Es dreht sich um die Ausbildung von
Berufsschullehrerinnen und -lehrern und um das Studiumsangebot der Universitäten. Dabei
beziehe ich mich auf die Situation an der Universität Flensburg und rufe in Erinnerung, dass die
Uni Flensburg das Profil hat, ein Zentrum für Vermittlungswissenschaften zu sein. Dort wird der
Studiengang Lehramt an Berufsbildenden Schulen in den Fachrichtungen Elektro- und Metall-
technik vom „Berufsbildungsinstitut Arbeit und Technik“ (BIAT) getragen, dem vier Professuren
zur Verfügung stehen – so in der Beantwortung der Großen Anfrage nachzulesen.


Aus einer kleinen Anfrage, die ich vor kurzem zur Zukunft der Berufsschullehrerausbildung an der
Uni Flensburg gestellt habe, geht nunmehr hervor, dass die Landesregierung überlegt, das BIAT
nach Kiel zu verlegen – als Kompensation für die Verlagerung der Realschullehrerausbildung
nach Flensburg. Und darum sage ich klar und deutlich, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen
werden. Der SSW hat viel Verständnis dafür, dass die CAU Personalstellen einfordert. Das ist
nachvollziehbar. Gar nicht nachvollziehbar ist aber, dass das Wissenschaftsministerium dabei
das BIAT ins Spiel bringt. Damit kann die CAU wenig anfangen, während die Uni Flensburg
dadurch schwer beschädigt wird. Sie verliert richtig Geld, weil das BIAT sehr forschungsintensiv
ist und für die Universität wichtige Drittmittel einwirbt. Hinzu kommt, und das ist in diesem
Kontext das entscheidende, dass eine Verlagerung natürlich auch das Image der Universität als
Forschungsstätte für Vermittlungswissenschaften beschädigen wird. Die Berufliche Bildung
gehört ganz einfach dazu – auch unter grenzüberschreitenden Gesichtspunkten. Der SSW wird
sich also dafür stark machen, dass dieses nicht geschieht und hofft dabei auf die Unterstützung
der Kolleginnen und Kollegen im Bildungsausschuss.


Ich fasse zusammen: Mit den Antworten der Landesregierung auf die Fragen der FDP-Fraktion ist
deutlich geworden, wie groß diese Baustelle der Beruflichen Bildung mittlerweile ist. Nicht alles
werden wir als Landtag in eigener Zuständigkeit lösen können. „Watt mutt, datt mutt“ sollte
aber das Ziel der Ausschussberatung sein.

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