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Lars Harms zu TOP 23 - Konzertierte Aktion zur Armutsbekämpfung
PresseinformationKiel, den 12.09.2007 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 23 Konzertierte Aktion zur Armutsbekämpfung durch Sicherstellung des soziokulturellen Existenzminimums (Drs. 16/1564)Bevor wir über das sozio-kulturelle Existenzminimum reden, sollten wir uns vor Augenführen, dass die Regelsatz-Höhe von Hartz IV nicht einmal zum Essen reicht.Das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund hat einmal nachgerechnet, istzum Einkaufen gefahren und hat Preise sowie Mengen verglichen. Die Studie rechnetakribisch vor, dass der Tagessatz in Hartz IV-Haushalten nicht ausreicht, um Kindergesund zu ernähren. Das Ziel wird dabei nicht etwa knapp verfehlt, sondern dramatisch:etwa 40 Prozent fehlen Hartz IV-Haushalten im Portemonnaie, um die empfohleneoptimierte Mischkost einzukaufen. Darum landen weder frisches Obst, Gemüse derSaison noch ein Stück frisches Fleisch im Einkaufswagen von Hartz IV-Empfängern. Dasist bei Kindern, die sich schließlich im Wachstum befinden und die gesundheitlichenAnlagen ihres ganzen Lebens legen, besonders dramatisch. 2Ein Jugendlicher in der Pubertät hat einen enormen Nahrungsbedarf, um seine eigeneEntwicklung wirklich meistern zu können. Selbst wer nur beim Discounter einkauft,muss durchschnittlich 4,68 Euro täglich hinblättern, um den Appetit eines Teenagers mitausgewogener Kost zu stillen. Mit dem Budget eines Hartz IV-Empfängers ist das nichtzu schaffen: der Gesetzgeber sieht nämlich nur 3,42 Euro pro Tag vor. Das sind rund 27 %zu wenig.Die Sätze berücksichtigen dabei überhaupt keine Unterschiede im Ernährungsbedarfeines Siebtklässlers und dem eines Kindergartenkindes: beide müssen sich mit 2,57 Europro Tag begnügen. Diese Summe gilt, bis die Kinder das 13. Lebensjahr vollendet haben.Die Folgen der falschen Ernährung sind schlimm: wer als Kind nur Nudeln, Toastbrot undIndustrieware isst, wird höchstwahrscheinlich als Erwachsener unter chronischenErkrankungen leiden. Diabetes und Arteriosklerose werden, abgesehen von den anderenFolgen von falscher Ernährung und Übergewicht, in Deutschland zuArmutserkrankungen werden.Ich möchte noch einmal darauf hinweisen: Kinder aus Hartz IV-Haushalten können beiden bestehenden Sätzen nicht ausgewogen ernährt werden. Damit ist das absoluteExstenzminimum unterschritten!Und jetzt reden wir über das sozio-kulturelle Minimum. Die Grünen beklagen meinesErachtens völlig zu recht, dass Hartz IV-Empfänger vom sozialen Leben ausgeschlossensind. Bevor wir aber über detaillierte Nachbesserungen streiten, sollten wir denHintergrund der Debatte nicht aus dem Auge verlieren: Hartz IV hat mit Zustimmung 3des damaligen Regierungspartners, der Grünen nämlich, das Armutsniveau in unseremLand kräftig nach unten gedrückt.Das sollte im Namen einer so genannten Arbeitsmarktreform die Menschen unter Drucksetzen; und man nannte das: fordern. Was dabei herausgekommen ist, beschäftigt unsin unschöner Regelmäßigkeit: Menschen, die Hartz IV erhalten, kommen mit ihrem Geldnicht aus, weil die Sätze zu niedrig sind.Allerorten spürt man die Auswirkungen dieser verfehlten Politik, wie wir gleich in derDebatte über Mindestlöhne noch hören werden.Die Reformen haben Arbeitslosen ihre Würde genommen. Die Leidtragenden sind dabeivor allem die Kinder. Sie geraten in eine Abwärtsspirale. Ob Nachhilfestunden,Büchereikarte oder ein orthopädisch geformter Schulranzen: alles das und noch vielmehr kann sich ein Kind aus einer Hartz IV-Familie nicht leisten.Der SSW sieht eine neue Runde von Hartz-IV-Reförmchen skeptisch. Auch eine Erhöhungder Sätze für Kinder oder für die Teilnahme am sozio-kulturellen Leben, sind letztlichnichts anderes als Pflaster auf einem damals rot-grünem Gesetz, das von Grund auffalsch war und ist. Es ist eine notwendige Reparatur, aber eigentlich gehört der kaputteWagen Hartz IV fachgerecht entsorgt, zugunsten einer sozial gerechten Politik. Dassollte unser aller Bestreben sein.