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Lars Harms zu TOP 14 - Pflege muss sich am Menschen orientieren
Presseinformation Kiel, den 13. 9. 2007 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 14 Pflege muss sich am Menschen orientieren – Möglichkeiten auf der Landesebene ausgestalten Drs. 16/1499Eine gute Pflege benötigt Transparenz, stabile Strukturen und eine solide finanzielle Ausstattung.Keines der drei Punkte wurde bisher erreicht. In dem gewachsenen System Pflege liegt manchesim Argen. Wiederholte Anträge voller Absichtserklärungen tragen allerdings keineswegs zurProblemlösung bei.Bereits 2004 hat der SSW nach den Skandalen in schleswig-holsteinischen Pflegeheimen konkretauf ein Verfahren hingewiesen, das den Personalbedarf in den Pflegeheimen misst: PLAISIR. DieLandesregierung hatte vor ein paar Jahren mit dem PLAISIR-Modellprojekt im Kreis Segeberguntersuchen lassen, wie viel Personal ein Pflegeheim braucht. Dabei wurde deutlich, dass dieEinrichtungen mehr Personal benötigen, um modernen Standards gerecht zu werden. Leider istPLASIR danach in der Schublade verschwunden, weil offensichtlich die finanziellen Implikationenzu peinlich waren. Doch wir erinnern uns noch gut an dieses Verfahren und fordern, dass 2aufgrund von PLAISIR der Personalbedarf in unseren Heimen neu berechnet wird. Das wäre einkleiner, konkreter Schritt zu mehr Pflegequalität.Wir brauchen in der Pflege mehr Personal und vor allem besser qualifiziertes Personal. Wer alsUngeübter einen schwer pflegebedürftigen Menschen vom Bett in den Rollstuhl hebt, belastetmeist aus Unkenntnis die eigene Gesundheit. Nicht umsonst ist der Altenpflegeberuf inzwischeneine anerkannte Profession mit viel Knowhow. Doch tatsächlich pflegt immer noch in den meistenHeimen jeder zweite Beschäftigte ohne ausreichende professionelle Grundlage. Die Folge:Demotivierung, vermeidbare Berufskrankheiten und Pflegefehler bei den Bewohnern, wie siezuletzt der Prüfbericht des Medizinischen Dienstes öffentlich gemacht hat. Es ist also nichtangezeigt, die Fachkraftquote zu flexibilisieren, wie es der Antragstext der Grünen vorsieht,sondern anzuheben: Je mehr Fachleute in der Altenpflege arbeiten, desto höher ist diePflegequalität. Der Unterschied liegt in den professionellen Standards. Vergleichbar ist das mitdem Privatmann, der ein ganzes Wochenende mit der Montage eines IKEA-Schranks zubringenmuss und es dann immer noch nicht hinbekommt – im Gegensatz zu einem gelernten Tischler, derdas Regal im Handumdrehen montiert. Profis in der Pflege pflegen besser und das kommt denPflegebedürftigen zu Gute.Der Trend geht aber zur weiteren Deprofessionalisierung: Der wachsende Schwarzmarkt an illegalimportierten Pflegekräften aus Osteuropa, die vielerorts mangels Alternativen zum Eckpfeilereiner menschenwürdigen Pflege werden, ist ein Menetekel für das, was uns noch blüht. Darummuss zu allererst die Finanzierung auf sichere Füße gestellt werden. Wir müssen den Charakterder Pflegeversicherung, die bisher vornehmlich von den Arbeitnehmern und Rentnern bezahltwird, verändern. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen. Qualifizierte Pflege kostet Geld unddas muss umgehend ins System fließen und daran müssen sich alle beteiligen.Genau das will die Große Koalition in Berlin nicht: sie hat um eine solide Finanzierung imsommerlichen Pflegekompromiss einen großen Bogen gemacht. Der Berg kreiste und heraus kam 3eine Maus. Dass Kompromisse in einer Großen Koalition immer erst nach ermüdendenNachtsitzungen zustande kommen, wissen wir in Schleswig-Holstein inzwischen aus leidvollerErfahrung. Die Qualität der Kompromisse ist meistens dementsprechend. Von den weitreichendenReformen, die erst eine Große Koalition auf den Weg bringen könnte, wie uns nach derLandtagswahl allerorten prognostiziert wurde, keine Spur. Stattdessen kleinmütigeMaßnahmenpakete, die allein der Koalitionsarithmetik geschuldet sind und mit denErfordernissen des jeweiligen Politikfeldes herzlich wenig zu tun haben.Warum soll das in Berlin und bei der Pflege anders sein? Die minimale Erhöhung des Beitrags zurPflegeversicherung in Höhe von 0,25 Prozentpunkten nach einem Marathon-Gespräch hat miteiner Pflegereform überhaupt nichts zu tun.Tatsache bleibt, dass die Pflegeversicherung eine Zweiklassengesellschaft zementiert, die dieGutverdienenden in einem Maße Vorteile verschafft, der zum Himmel schreit. ObwohlPrivatversicherte im Durchschnitt über ein doppelt so hohes Einkommen wie die gesetzlichVersicherten verfügen, beteiligen sie sich lediglich mit einer Kopfprämie an der Pflege andererPrivatversicherten. Die Privatversicherten beteiligen sich dagegen nicht an den Kosten für diePflege der gesetzlich Versicherten, deren Nachfrage allerdings erst die Strukturen schafft, von derauch die Privatversicherten profitieren. Das ist unsolidarisch. Privatversicherte haben Anspruchauf alle Leistungen, erhalten diese aber entgegen dem landläufigen AOK-Versichertenunabhängig davon, wie hoch das monatliche Einkommen ist. Das stellt die Prinzipien einersolidarischen Gesellschaft auf den Kopf.Der SSW fordert seit Jahren eine Bürgerversicherung im Pflegebereich, an der sich alle beteiligenund von der auch alle profitieren. Diese Bürgerversicherung mit einkommensabhängigenBeiträgen für alle würde nicht nur das Finanzvolumen erhöhen, sondern als deren Folge auch diePflegebedingungen verbessern. Bevor wir also über Verbraucherschutz in der Pflege reden, überQualitätssicherung und über neue Pflege- und Wohnformen, müssen wir das ungerechte 4Finanzierungssystem verändern. Die Privatversicherten müssen in die Solidaritätsgemeinschafteingebunden werden. So steht es übrigens bereits im Koalitionsvertrag von CDU und SPD aufBundesebene: „Zum Ausgleich der unterschiedlichen Risikostrukturen wird ein Finanzausgleichzwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung eingeführt.“ Das ist bislang nichtgeschehen! Eine gerechte Verteilung der Lasten der Pflege zwischen Privat- und Kassenpatientsteht noch aus. Wir reden hier laut dem Pflegeexperten Prof. Karl Lauterbach von einem Volumenvon 2,5 Mrd. Euro, das die Privatversicherten dem System schulden. Jedermann kann sichausrechnen, was eine solche Summe im Pflegesystem für die Qualität der Pflege bedeutet. Dieunzureichende Praxis der Pflege im engen Minutenkorsett teilweise lebensfremder Vorschriftender Pflegekassen ändern wir nur durch eine gründliche Reform der Finanzierung. Würde derAusgleich realisiert, blieben die guten und hehren Ziele einer menschenwürdigen Pflege keineWolkenkuckucksheime, sondern gelebte Realität für alle Menschen, die auf Pflege angewiesensind.Darum plädiert der SSW dafür, dass die Großkoalitionäre in Kiel ihren Kollegen in Berlin Beinemachen, dass der im Koalitionsvertrag verabredete Finanzausgleich so schnell wie möglichkommt. Das wären dann die im Antrag beschworenen Möglichkeiten auf Landesebene.Wir müssen natürlich auch über Strukturen sprechen. Der angeführte Prüfbericht hat deutlichgemacht, dass Heime mit ähnlichen Pflegesätzen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen:während in dem einen Heim Sondenernährung und Personalfluktuation an der Tagesordnungsind, leben im anderen Heim zufriedene Bewohner, die geduldig und gut gepflegt werden. Worinliegt der Unterschied? Die Pflegeexperten sind sich einig, dass vor allem der Qualifikationsgradund die Öffnung der Heime die Faktoren sind, die eine entscheidende Rolle bei derQualitätssicherung spielen. In Flensburg werden die Heime, natürlich auch vor dem Hintergrundleidvoller Erfahrungen, mindestens einmal jährlich besucht. Die durchschnittliche Kontrolllückedes Medizinischen Dienstes von bis zu drei Jahren wird damit überbrückt. Die Heime müssen aberauch mehr über ihre Arbeit berichten; sie sollten die Gelegenheit haben, über ihre Erfolge zu 5berichten. Pflegewissenschaftlerin Doris Schiemann fordert nicht umsonst eine Positivliste, diealle guten Heime aufführt: das motiviert die anderen Heime ihre Standards ebenfalls zuverbessern. Wir müssen die Heime stärker als bisher öffnen. Angehörige, ehemalige Nachbarnund Freunde der Bewohner sollte die Heimleitung ins Heim einladen, sowie umgekehrt denBewohnern den Weg nach draußen ebnen. Missstände haben dann gar keine Chance, vor sich hinzu schwelen.Die latente Gefahr in der Beschreibung schlechter Zustände in den Heimen liegt darin, dass damitindirekt die Schwelle ins Heim hinein größer wird. Die Angehörigen versuchen allesMenschenmögliche, die Heimpflege zu vermeiden und riskieren damit aus Unkenntnis undÜberforderung eklatante Probleme in der Pflege. Im Pflegeheim ist dagegen regelmäßigeprofessionelle Pflege garantiert. Nun ist die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen dafür zuschaffen.Es ist unerträglich, dass ein Altern in Würde immer wieder aus Kostengründen vertagt wird. DerSSW fordert daher CDU und SPD auf, den im Berliner Koalitionsvertrag vereinbartenFinanzausgleich schleunigst umzusetzen. Dieser Weg scheint allemal realistischer als die imAntrag geforderte Bundesratsinitiative oder die gesetzliche Regelung ohne finanzielle Basis.Wenn wir eine humane Pflege wollen, dann müssen die Kostenträger auch die entsprechendenMittel zur Verfügung stellen.