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Anke Spoorendonk zu TOP 21 - Die begrenzten Gemeinsamkeiten der Großen Koalition sind verbraucht
Presseinformation Kiel, den 10.10.2007 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 21 Vorzeitige Beendigung der 16. Wahlperiode des Schleswig- Holsteinischen Landtages Drs. 16/1638Im Schlussbericht der 1988 eingesetzten Enquete Kommission Verfassungs- und Parlaments-reform schrieb die damalige schleswig-holsteinische Landtagspräsidentin Lianne Paulina-Mürlunter der Überschrift: „Was bedeutet den Menschen unsere Demokratie?“ unter anderemFolgendes: „ Sie bedeutet: Freiheit zu größtmöglicher politischer und sozialer Selbst-verwirklichung, aber auch Mitdenken und Mithandeln bei den Anliegen der Gemeinschaft.Demokratie ist immer auf dem Wege zu sich selbst. Sie ist nicht vollendet, sie muss sich immerwieder den veränderten Umständen anpassen. Demokratie schließt natürlich die Bereitschaft zumKonflikt ein, aber auch die Fähigkeit, den Konflikt durch Regelmechanismen zu lösen.“Konkret hatte die so genannte Barschel-Affäre – wozu es in diesem Herbst ja eine ganze Reihe von20-jährigen Jubiläen gab – dazu geführt, dass eine umfassende Verfassungsreform in Angriffgenommen wurde. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass die neue 2Landesverfassung in Artikel 10 den Landtag ausdrücklich als „oberstes Organ der politischenWillensbildung“ hervorhebt.Auf die Demokratiefrage bezogen bedeutet dies, dass wir als Abgeordnete des Schleswig-Holsteinischen Landtages den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber in der Pflicht stehen, ihnendas Mitdenken und Mithandeln zu ermöglichen. Sind wir dazu nicht – oder nicht mehr – in derLage, weil politischer Streit die Arbeit des Landtages dauerhaft lahm legt, dann gibt dieLandesverfassung die Möglichkeit der vorgezogenen Neuwahlen vor, denn eine weiterestrukturelle Konsequenz der Barschel-Affäre ist das Recht des Parlaments sich selbst aufzulösen.Dass alles dies als Elemente der neuen Landesverfassung 1990 einstimmig vom Landtagbeschlossen wurde, sagt zum einen etwas über den Willen zu einem politischen Neuanfang nachder Barschel-Affäre aus; zum anderen belegt es, wie entscheidend diese Verfassungsreforminsgesamt war – und heute noch ist, auch in einem bundesdeutschen Kontext, denn dasGrundgesetz sieht vorzeitige Neuwahlen ja nicht vor. Deutsche Bundeskanzlerinnen undBundeskanzler müssen im Prinzip regieren, bis es gar nicht mehr geht – oder die Legislaturperiodevorüber ist. Als einziges Schlupfloch sieht das Grundgesetz vor, dass sie die Vertrauensfragestellen – und der Bundestag ihnen mit absoluter Mehrheit ein „Ja“ verweigert.In Schleswig-Holstein haben die Landtagsabgeordneten also durch die Verfassungsreform von1990 die Möglichkeit, den Landtag aufzulösen und innerhalb von 70 Tagen für Neuwahlen zusorgen. Natürlich darf dieses Instrument nicht missbraucht werden. Damit dieses nicht geschieht,hat der Gesetzgeber bekanntlich eine hohe Hürde eingebaut, denn vorgezogene Neuwahlenkönnen vom Parlament nur mit 2/3 Mehrheit beschlossen werden. Es müssen alsoschwerwiegende Gründe vorliegen, bevor sich das Parlament selbst auflöst. Der SSW istallerdings der Meinung, dass diese Gründe nunmehr in erheblichem Maße vorliegen, daher tretenwir für die Ausschreibung vorzeitiger Neuwahlen ein. 3Kürzlich konnte die Große Koalition in Kiel ihr „Bergfest“ feiern. Die Hälfte der fünfjährigenWahlperiode ist somit geschafft. Aber: Wenn man bedenkt, wie der SSW vor zweieinhalb Jahrenangegiftet und bedroht wurde, weil wir nicht den Weg frei machen wollten für eine GroßeKoalition, dann kann man heute nur noch mit dem Kopf schütteln.Wir haben damals vor einer Großen Koalition gewarnt, weil wir Stillstand für das Land und dieLähmung des Landtages befürchteten. Es kam aber noch schlimmer als gedacht: ÖffentlicheStreitereien und Zwietracht sind an der Tagesordnung; Sticheleien von führendenParteimitgliedern von CDU und SPD gibt es im Wochentakt und letztlich wurde sogar derLandesvorsitzende der SPD dazu gezwungen, aus der Landesregierung austreten, um die GroßeKoalition zu retten.Das Bild, das die Große Koalition in Kiel den Bürgerinnen und Bürgern vermittelt, ist trotz eineswirtschaftlichen Aufschwunges im Lande verheerend. Was ist geblieben von den Hoffnungen,dass eine Große Koalition alles das schafft, was andere Regierungen nicht zu Rande gebrachthaben? Dass eine Große Koalition auch die notwendige Stärke für unpopuläre, tief greifendeReformen hat? Nicht viel. Was bleibt, ist die Feststellung, dass die im April 2005 gebildete GroßeKoalition aus CDU und SPD die Lösung zentraler politischer Probleme nicht entscheidendvorangebracht hat.Auch die politische Kultur des Landtages hat durch die Große Koalition gelitten. Mehr denn jewerden politische Entscheidungen heute hinter verschlossenen Türen in inoffiziellen Gremiengetroffen. Das jüngste Beispiel bei einer ganzen Reihe von Vorfällen ist das Zustandekommen desneuen Anti-Rauchergesetzes. Durch die mangelnde Transparenz, die Fixierung auf dasRegierungshandeln und durch unfruchtbare Kontroversen trägt die Große Koalition zurPolitikerverdrossenheit bei. 4Deshalb sind wir der Meinung, dass es so wie bisher in Schleswig-Holstein nicht weiter gehenkann. Soll heißen: Aus Sicht des SSW ist eine vorzeitige Landtagswahl unbedingt notwendig, weildie Große Koalition bis 2010 in vielen Feldern nur den Stillstand verwalten wird und in anderenBereichen noch viel Unheil anrichten kann. Zur Mitte der 16. Wahlperiode des Landtags wirdimmer deutlicher, dass die begrenzten Gemeinsamkeiten der Großen Koalition verbraucht sind.Man könnte auch sagen, die politische Basis für dieses Bündnis ist zerbröckelt. Denn nach demHickhack der letzten zwei Jahre haben die beiden letzten großen Projekte dieser Koalition - dieVerwaltungsstrukturreform und der Doppelhaushalt 2009/2010 - keine realistische Chance aufErfolg.Es ist möglich, dass CDU und SPD es noch schaffen, sich auf eine „kleine“ Kreisgebietsreform zueinigen. Dadurch werden die entscheidenden Probleme der Verwaltungsstrukturen in Schleswig-Holstein aber nicht gelöst. Es wird keine Reform der über 1100 Gemeinden geben, und es wirdkeine nennenswerte Funktionalreform geben, obwohl gerade eine neue Arbeitsteilung zwischenLand, Kreisen und Gemeinden die dringendste Reformaufgabe ist. Die Konsequenz aus diesemVersagen wäre für Schleswig-Holstein fatal, weil mit einer halbherzigen Reform der Anreiz für einewirkliche Verwaltungsstrukturreform in den nächsten Wahlperioden entfiele. Die erste wirklicheKommunalreform seit über 30 Jahren würde damit ein Flop. Deshalb sollte die Große Koalitiondiese Reform einer Nachfolgerregierung überlassen.Auch für die Haushaltsverhandlungen ist jetzt schon abzusehen, dass die beiden Partner sichgegenseitig blockieren werden. Weil die Gemeinsamkeiten aber nicht weiter reichen, werden dieunterschiedlichen Interessen der Koalitionspartner sich gegenseitig aufheben. Auch dies sprichtfür eine vorgezogene Landtagswahl.Zu diesen Gründen kommt hinzu, dass das öffentliche Ansehen der Landesregierung und desLandtages unter der Großen Koalition massiv leidet. Trotz aller Besserungsversprechen hagelt eszwischen den Regierungsparteien immer wieder Beschimpfungen, Drohungen und Rücktritts- 5forderungen. Diesen endlosen Rosenkrieg kann die Große Koalition den Schleswig-Holsteiner-innen und Schleswig-Holsteinern nicht noch weitere zweieinhalb Jahre zumuten.Trotz zahlreicher Therapieversuche hat sich die zerrüttete Beziehung nicht kitten lassen. Daranändert auch die Versetzung Ralf Stegners nichts. Deshalb wäre es das Beste für alle, wenn dieFraktionen von CDU und SPD sich endlich ein Herz nähmen und dieses Drama beendeten. Deshalb- um einen mehrjährigen Stillstand in der Landespolitik zu vermeiden - muss die CDU/SPD-Mehrheit im Schleswig-Holsteinischen Landtag die Konsequenz aus den fehlendenGemeinsamkeiten ziehen und eine vorzeitige Landtagswahl anstreben. Nur sie kann verhindern,dass sich die Große Koalition zweieinhalb Jahre weiter durchwurschtelt und einerzukunftsorientierten Politik den Weg verbaut.Eines möchte ich in diesem Zusammenhang aber auch klar und deutlich sagen: KeinemLandtagsabgeordneten fällt es leicht, die Auflösung eines demokratischen gewählten Parlamentsvor der Zeit zu beantragen. Dies machen wir nicht einfach mal eben nebenbei oder aus Jux undTollerei. – Wobei es ja auch nicht ausgemacht ist, dass die Opposition von einer Neuwahlprofitieren würde. Umfragen sind vergänglich und ändern sich, wie der Wind weht. Daher sage ichfür den SSW: Im Vordergrund der Landespolitik dürfen nicht das Bangen um das eigene Mandat,um die Große Koalition auf Bundesebene oder um die Landtagswahlen in Hamburg,Niedersachsen und Hessen stehen. Unsere Richtschnur muss das Wohl des Landes und seinerMenschen sein - und ihnen ist am besten mit Neuwahlen gedient.Für uns steht fest, dass erst, wenn die Wählerinnen und Wähler unseres Landes ihr Votumabgeben haben, die Karten neu gemischt werden können. Nur so wird die Landespolitik wiedertransparent und nachvollziehbar. Dass der SSW nach einer Landtagswahl auch seine Stimmen indie Waagschale der politischen Entscheidung werfen wird, füge ich in diesem Zusammenhang nuram Rande hinzu. Dies zu tun ist sowohl unser Recht wie auch unsere demokratische Pflicht.