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22.11.07 , 17:34 Uhr
SSW

Anke Spoorendonk zu TOP 30 - Weiterbildungskonzept des Landes Schleswig-Holstein

Presseinformation Kiel, den 22.11.2007 Es gilt das gesprochene Wort



Anke Spoorendonk
TOP 30 Weiterbildungskonzept des Landes Schleswig-Holstein Drs. 16/1710

In Schleswig-Holstein wie auch in der Bundesrepublik insgesamt, nutzen immer noch zu wenig
Beschäftigte die vorhandenen Weiterbildungsangebote. Das führt zu gravierenden Problemen.
Bei der letzten Entlassungswelle im Flensburger „Danfoss“-Werk zeigte sich beispielsweise, dass
Defizite der letzten Jahrzehnte mittels der Beschäftigungsgesellschaft mühsam nachgeholt
werden mussten, um die Entlassenen für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Ansonsten wären die
Industriearbeiter nicht vermittelbar gewesen.


Dabei war Danfoss bereits eine Ausnahme, gab es doch einen solide finanzierten
Weiterbildungsfonds, der die Kosten für Weiterbildung getragen hätte. Dennoch hatte kaum
jemand das Angebot genutzt, zu groß waren die Vorbehalte. Wer sich nämlich weiterbildet, setzt
sich dem Verdacht aus, den Betrieb schnellstmöglich verlassen zu wollen, was man daran
erkenne, dass er noch kurz vorher die Maßnahme mitnähme. Ansonsten gelten
Weiterbildungsmaßnahmen als Störfaktor im Betrieb, weil die meisten Angebote eine tage- oder
wochenlange Abwesenheit erfordern. 2
Weiterbildung bedeutet oftmals lange Fahrwege zu entfernten Schulungsorten und mehrtägige
Kurse. Die von den Gewerkschaften geforderte „Job Rotation“, also das Besetzen eines durch
Weiterbildung freien Arbeitsplatzes durch einen Arbeitslosen, konnte sich bedauerlicherweise
nicht durchsetzen. Aus diesen Gründen lehnen die meisten Personalchefs systematische
Weiterbildung ab. Sie setzen lieber auf informelle Einarbeitung oder ‚learning on the job’, weil
eine anerkannte Qualifikation unter Umständen eine höhere Einkommensgruppe bedeutet
würde. Das belegt ein Beispiel: so suchte ein Flensburger Metallbetrieb zwar sogar über das Radio
Fachkräfte, will denen aber nur 8 Euro in der Stunde bezahlen. Das geht natürlich nur bei
Angelernten – wenn überhaupt.


Nun mag man über diese Auswüchse den Kopf schütteln, aber das Problem liegt nicht in der
fehlenden Bereitschaft zur Weiterbildung seitens der Beschäftigten, sondern in einem System, in
dem Weiterbildung nach Marktkriterien gehandhabt wird. Wettbewerb und freie Preise
entscheiden über die Angebote. Würde ein ähnliches System auch bei der beruflichen
Erstausbildung bestehen, gäbe es sicherlich nur einen Bruchteil der Ausbildungsplätze. Wir hätten
es mit Scharen angelernter Kräfte zu tun, die unsystematische Qualifikationen mit regional
begrenzter Gültigkeit erwürben. Darum muss Weiterbildung anders organisiert werden: Wenn
wir Weiterbildung auf ein anderes Fundament, nämlich ein nicht-marktorganisiertes staatliches
Fundament stellen würden, wäre das der richtige Schritt zu mehr Qualifikation.


Davon sind wir aber weiter denn je entfernt, denn der bislang größte öffentliche Nachfrager nach
Qualifikationsmaßnahmen, die Bundesagentur für Arbeit, erwirtschaftet lieber Milliarden-
Überschüsse anstatt in die Weiterbildung der Arbeitslosen zu investieren. Sie fährt ihr Angebot
drastisch zurück mit der Folge, dass viele Anbieter schließen mussten oder qualifiziertes Personal
entließen. In einigen Landstrichen ist daraufhin die Weiterbildungslandschaft
zusammengebrochen. 3
Dabei würde der arbeitslose Produktionsmitarbeiter, der einen CNC-Kurs macht oder sich in der
Logistik weiterbilden lässt, ein gefragter Fachmann werden. Stattdessen spart die Bundesagentur
das Geld. Das ist eindeutig die falsche Wahl.


Das an sich sehr informative Weiterbildungskonzept der Landesregierung macht um die
eigentliche Frage nach der besseren Organisation einen Bogen. Die fraglos gut arbeitenden
Weiterbildungsverbünde sind kein Ersatz für eine durch die öffentliche Hand getragene
Infrastruktur. Sie bündeln zwar die Angebote und erleichtern dessen Erschließung, sind aber weit
überwiegend passiv: das heißt, dass sich Interessierte an die Anbieter wenden müssen und nicht
aktiv, indem sie ihre Weiterbildung direkt im Betrieb anbieten und durchführen.


Natürlich schafft Weiterbildung keine Arbeitsplätze, dennoch ist in einem rohstoffarmen Land wie
unserem ein kluger Kopf eine Ressource, die Investoren durchaus locken kann. Darüber hinaus ist
es eine Binsenweisheit, dass einem niemand das nehmen kann, was man einmal gelernt hat. Eine
solide Wissensbasis verbessert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Darum muss die
Weiterbildungs-Infrastruktur nachhaltig verbessert werden. Wir müssen die Anreize, vor allem in
Richtung Unternehmen, weiter verbessern, damit diese ihre Beschäftigten weiterbilden lassen
und sie in die Weiterbildung drängen. Denn ein gut informierter Beschäftigter kommt schließlich
auch dem heimischen Betrieb zu Gute. Diese Erkenntnis muss sich weiter durchsetzen.
Weiterbildung liegt im Eigeninteresse der heimischen Wirtschaft und ist kein Hobby einzelner
Arbeitnehmer.

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