Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.
Anke Spoorendonk zu TOP 30 - Weiterbildungskonzept des Landes Schleswig-Holstein
Presseinformation Kiel, den 22.11.2007 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 30 Weiterbildungskonzept des Landes Schleswig-Holstein Drs. 16/1710In Schleswig-Holstein wie auch in der Bundesrepublik insgesamt, nutzen immer noch zu wenigBeschäftigte die vorhandenen Weiterbildungsangebote. Das führt zu gravierenden Problemen.Bei der letzten Entlassungswelle im Flensburger „Danfoss“-Werk zeigte sich beispielsweise, dassDefizite der letzten Jahrzehnte mittels der Beschäftigungsgesellschaft mühsam nachgeholtwerden mussten, um die Entlassenen für den Arbeitsmarkt fit zu machen. Ansonsten wären dieIndustriearbeiter nicht vermittelbar gewesen.Dabei war Danfoss bereits eine Ausnahme, gab es doch einen solide finanziertenWeiterbildungsfonds, der die Kosten für Weiterbildung getragen hätte. Dennoch hatte kaumjemand das Angebot genutzt, zu groß waren die Vorbehalte. Wer sich nämlich weiterbildet, setztsich dem Verdacht aus, den Betrieb schnellstmöglich verlassen zu wollen, was man daranerkenne, dass er noch kurz vorher die Maßnahme mitnähme. Ansonsten geltenWeiterbildungsmaßnahmen als Störfaktor im Betrieb, weil die meisten Angebote eine tage- oderwochenlange Abwesenheit erfordern. 2Weiterbildung bedeutet oftmals lange Fahrwege zu entfernten Schulungsorten und mehrtägigeKurse. Die von den Gewerkschaften geforderte „Job Rotation“, also das Besetzen eines durchWeiterbildung freien Arbeitsplatzes durch einen Arbeitslosen, konnte sich bedauerlicherweisenicht durchsetzen. Aus diesen Gründen lehnen die meisten Personalchefs systematischeWeiterbildung ab. Sie setzen lieber auf informelle Einarbeitung oder ‚learning on the job’, weileine anerkannte Qualifikation unter Umständen eine höhere Einkommensgruppe bedeutetwürde. Das belegt ein Beispiel: so suchte ein Flensburger Metallbetrieb zwar sogar über das RadioFachkräfte, will denen aber nur 8 Euro in der Stunde bezahlen. Das geht natürlich nur beiAngelernten – wenn überhaupt.Nun mag man über diese Auswüchse den Kopf schütteln, aber das Problem liegt nicht in derfehlenden Bereitschaft zur Weiterbildung seitens der Beschäftigten, sondern in einem System, indem Weiterbildung nach Marktkriterien gehandhabt wird. Wettbewerb und freie Preiseentscheiden über die Angebote. Würde ein ähnliches System auch bei der beruflichenErstausbildung bestehen, gäbe es sicherlich nur einen Bruchteil der Ausbildungsplätze. Wir hättenes mit Scharen angelernter Kräfte zu tun, die unsystematische Qualifikationen mit regionalbegrenzter Gültigkeit erwürben. Darum muss Weiterbildung anders organisiert werden: Wennwir Weiterbildung auf ein anderes Fundament, nämlich ein nicht-marktorganisiertes staatlichesFundament stellen würden, wäre das der richtige Schritt zu mehr Qualifikation.Davon sind wir aber weiter denn je entfernt, denn der bislang größte öffentliche Nachfrager nachQualifikationsmaßnahmen, die Bundesagentur für Arbeit, erwirtschaftet lieber Milliarden-Überschüsse anstatt in die Weiterbildung der Arbeitslosen zu investieren. Sie fährt ihr Angebotdrastisch zurück mit der Folge, dass viele Anbieter schließen mussten oder qualifiziertes Personalentließen. In einigen Landstrichen ist daraufhin die Weiterbildungslandschaftzusammengebrochen. 3Dabei würde der arbeitslose Produktionsmitarbeiter, der einen CNC-Kurs macht oder sich in derLogistik weiterbilden lässt, ein gefragter Fachmann werden. Stattdessen spart die Bundesagenturdas Geld. Das ist eindeutig die falsche Wahl.Das an sich sehr informative Weiterbildungskonzept der Landesregierung macht um dieeigentliche Frage nach der besseren Organisation einen Bogen. Die fraglos gut arbeitendenWeiterbildungsverbünde sind kein Ersatz für eine durch die öffentliche Hand getrageneInfrastruktur. Sie bündeln zwar die Angebote und erleichtern dessen Erschließung, sind aber weitüberwiegend passiv: das heißt, dass sich Interessierte an die Anbieter wenden müssen und nichtaktiv, indem sie ihre Weiterbildung direkt im Betrieb anbieten und durchführen.Natürlich schafft Weiterbildung keine Arbeitsplätze, dennoch ist in einem rohstoffarmen Land wieunserem ein kluger Kopf eine Ressource, die Investoren durchaus locken kann. Darüber hinaus istes eine Binsenweisheit, dass einem niemand das nehmen kann, was man einmal gelernt hat. Einesolide Wissensbasis verbessert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Darum muss dieWeiterbildungs-Infrastruktur nachhaltig verbessert werden. Wir müssen die Anreize, vor allem inRichtung Unternehmen, weiter verbessern, damit diese ihre Beschäftigten weiterbilden lassenund sie in die Weiterbildung drängen. Denn ein gut informierter Beschäftigter kommt schließlichauch dem heimischen Betrieb zu Gute. Diese Erkenntnis muss sich weiter durchsetzen.Weiterbildung liegt im Eigeninteresse der heimischen Wirtschaft und ist kein Hobby einzelnerArbeitnehmer.