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Karl-Martin Hentschels Grußwort vor dem Philologenverband
Fraktion im Landtag PRESSEDIENST Schleswig-Holstein Stellv. Pressesprecher Dr. Jörg Nickel Landeshaus Düsternbrooker Weg 70 24105 Kiel Durchwahl: 0431/988-1503 Zentrale: 0431/988-1500 Telefax: 0431/988-1501 Mobil: 0178/28 49 591 E-Mail: presse@gruene.ltsh.de Grußwort des Vorsitzenden der Internet: www.sh.gruene-fraktion.deFraktion Bündnis 90/Die Grünen, Nr. 059.07 / 14.02.2008 Karl-Martin Hentschel, beim PhilologenverbandWie können wir alle Kinder optimal fördern?Die Gymnasien sind nach PISA die erfolgreichsten Schulen in Deutschland – zumindest was die Schulabschlüsse betrifft – die Hauptschulen produzieren die meisten Verlierer. Glauben Sie, dass das die Schuld der Hauptschullehrer ist? Ich nicht.Die Hauptschullehrer unterrichten oft die Schülerinnen und Schüler mit den schwierigsten Voraus- setzungen, sie bekommen jedes Jahr frustrierte SchülerInnen dazu, mit denen die Gymnasien oder die Realschulen nicht fertig geworden sind, dafür bekommen sie das geringste Gehalt, und sie un- terrichten mit 28 Stunden in der Woche mehr als alle anderen.Und dann bekommen sie zu hören, dass die Realschullehrer und die Gymnasiallehrer sagen: „Eure Schüler wollen wir bei uns nicht haben – dann sinkt die Qualität!“In keinem Land der OECD ist das Schulsystem so ungerecht wie in Deutschland. Ein Kind aus der Oberschicht hat bei gleicher Intelligenz eine 4-mal so große Chance, Abitur zu machen, wie das Kind eines Facharbeiters. Wohlgemerkt: Bei gleicher Intelligenz!Deswegen bin ich der Überzeugung, dass wir unser System ändern müssen. Sind wir auf dem rich- tigen Weg? Ohne Zweifel: Dass Schleswig-Holstein die Tür zur Gemeinschaftsschule aufgestoßen hat, ist ein wichtiger Schritt. Aber was ansonsten in diesem Lande gestaltet wird, lässt noch viel Fragen offen.Fangen wir bei den Gymnasien an: Es ist eine absurde Veranstaltung, die Schulzeitverkürzung so umzusetzen, dass die Kinder einfach in den Klassen 5 bis 9 mehr Stunden haben und mehr Stoff eingebimst bekommen sollen. So kann das nicht funktionieren.1/2 Wir brauchen eine Entschlackung der Lehrpläne, wir brauchen mehr individuelle Förderung statt mehr Unterricht, wir müssen endlich zum Ganztagsbetrieb übergehen, mit Mittagessen in den Schulen, und wenn wir die Kinder individuell fördern und in unterschiedlicher Geschwindigkeit arbei- ten lassen, dann kann die Frage G8 oder G9 auch individuell entschieden werden. Die Kinder, die mit 15 Jahren weit genug sind, gehen dann in die Oberstufe, und andere, die etwas mehr Zeit brau- chen, besuchen noch ein Aufbaujahr, um sich darauf vorzubereiten.Auch für die neuen Gemeinschaftsschulen gilt: Ein neues Schild an der Schule bedeutet noch kei- nen neuen Unterricht. Entscheidend ist, was sich in den Schulen ändert. Wer schwächere und stär- kere SchülerInnen gemeinsam unterrichten will, der muss sie individuell fördern, der braucht Unter- richtsmethoden, bei denen Kinder von Anfang an lernen selbständig zu arbeiten und sich den Stoff einzeln und in Gruppen, je nach Thema, selbst erarbeiten, wie eine Reihe von erfolgreichen Re- formschulen uns das vormacht.Alle erfolgreichen Länder haben damit begonnen den Schulen mehr Freiheiten zu geben, damit sie zu lernenden Systemen werden. Leider tut unser Ministerium das Gegenteil. Es gibt immer mehr Vorschriften, es gibt Vergleichsarbeiten, es gibt EVIT, es gibt VERA und so weiter. Mit immer mehr Gängelung und immer mehr Kontrolle erreicht das Ministerium das Gegenteil – am Schluss sind die, die engagiert Neues anpacken wollen, auch noch wütend und frustriert.Als letzten Punkt möchte ich die Lehrerbildung ansprechen. Ich beobachte sehr wohl, dass sich an allen Schulen Lehrerinnen aufmachen, neue Methoden des Unterrichts zu erarbeiten. Das gilt nicht nur für die Gemeinschaftsschulen, in allen Schularten, auch an vielen Gymnasien, haben engagier- te LehrerInnen die Herausforderung angenommen und beginnen, neue Methoden zu praktizieren.Aber gerade jetzt brauchen wir viel mehr Lehrerbildung. Wer ein neues Schulsystem will, der muss den LehrerInnen die Chance geben, dies zu erarbeiten. An dieser Stelle lässt das Ministerium die Schulen kläglich im Stich. Und in Flensburg und Kiel werden wie eh und je Lehrerinnen für Real- schulen und Hauptschulen ausgebildet, obwohl es diese Schularten gar nicht mehr gibt.Da kann ich nur sagen. So nicht. Geben Sie den Schulen die nötigen Ressourcen, geben Sie ihnen die nötige Unterstützung. Ich bin nach vielen Gesprächen mit LehrerInnen aller Schularten über- zeugt: Viele LehrerInnen sind bereit, die Aufgaben der Zukunft anzupacken. Das wird nicht von heute auf morgen gehen.Die Gestaltung eines neuen Schulsystems ist eine Generationenaufgabe. Aber ich denke: Deutsch- land hat alle Chancen, Ressourcen und Vorraussetzungen, ein erfolgreiches Schulsystem hinzube- kommen. Packen wir es an! ***