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Anke Spoorendonk zu TOP 18 - Neue Perspektiven der beruflichen Bildung
Presseinformation Kiel, den 28.2.2008 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 18 Neue Perspektiven der beruflichen Bildung Drs. 16/1869Rechtzeitig zum Jahr der Beruflichen Bildung bringen Bündnis90/Die Grünen einen Antrag zurWeiterentwicklung der Beruflichen Bildung in Schleswig-Holstein ein. Das findet unsereUnterstützung, weil der Landtag dadurch gezwungen wird, zu diesem Zukunftsthema Stellung zubeziehen und dieses nicht allein der Landesregierung zu überlassen. Grundsätzlich gilt, dass damitauch ein zentrales Thema unserer Arbeitsmarktpolitik aufgegriffen wird. Denn ein ausgesprochenrohstoffarmes Land wie Schleswig-Holstein kann dauerhaft nur durch das Know-how derMenschen, die hier arbeiten, international wettbewerbsfähig bleiben. Investitionen in Ausbildungund Weiterbildung dienen also auch dazu Schleswig-Holstein zukunftsfähig zu machen.Der Landtag hat sich bereits mehrfach mit der Beruflichen Bildung in Schleswig-Holsteinbeschäftigt und in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder Änderungen eingefordert. Dienach wie vor enorme Nachfrage nach deutschen Fachleuten in Dänemark und Norwegen zeigtzwar indirekt das immer noch gute Niveau der deutschen Berufsausbildung. Aber das bedeutetaber nicht, dass wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen dürfen. 2Der SSW begrüßt den Ansatz des vorliegenden Antrages, dass es nämlich darauf ankommenmuss, „ein in sich geschlossenes, einfaches und transparentes Ausbildungssystem zu konzipieren,mit dem Ziel, dass alle Jugendlichen einen Bildungs- oder Berufsabschluss erreichen“. Ich hebedies ausdrücklich hervor, weil es im Einzelnen schon Punkte in Antrag der Grünen gibt, die derSSW etwas anders sieht. Und in Klammern möchte ich denn auch noch mit einem Stoßseufzeranmerken, dass bei der Begründung des Antrages weniger wirklich mehr gewesen wäre.In einer Pressemitteilung anlässlich des Jahres der Beruflichen Bildung führt dieBildungsministerin an, dass heute 23% der Abiturienten den Umweg über das BeruflicheGymnasium machen, um die allgemeine Hochschulreife zu erlangen; 89% beträgt der Anteil beider Fachhochschulreife, die über die Fachoberschulen und Berufsfachschulen erlangt werden.Aus Sicht des SSW sollten die Beruflichen Schulen aber in erster Linie für die traditionelleberufliche Ausbildung zuständig sein, und in diesem Bereich gibt es genug zu tun. Hinzu kommt,dass die Umwandlung der Berufsschulen in Regionale Berufsbildungszentren gerade dazu dienensollte, dass die Schulen flexibler – und schneller- auf die Anforderungen des Arbeitsmarktesreagieren können. Da kann sich der genannte schulische Vollzeitbetrieb leicht als Hemmschuhheraus stellen.Jugendliche Hartz IV-Empfänger ohne Qualifizierungschance oder Ausbildungsplatz befinden sichaber tatsächlich in einer Warteschleife. Eine Schleife, die ohne Beschäftigung oder Qualifikationzu einer Abwärtsschraube wird, aus der sich die jungen Menschen nicht mit eigener Kraft befreienkönnen. Gerade aus diesem Grund sollten die Sozialzentren die Eingliederung von jungenErwachsenen schwerpunktmäßig betreiben. Dass das nicht in allen Fällen so gehandhabt wird, isteine der viele Probleme, die der Arbeitsmarktpolitik aufbürdet wird. 3Es gibt positive Beispiele in unserem Land, die gerade dieses Klientel unterstützen wollen undbewiesen haben, dass ihnen das auch gelingt. Ein Schulabbrecher, der mit viel Glück eineLehrstelle ergattert, wird aber spätestens nach dem ersten Halbjahreszeugnis der Berufsschuleerkennen, dass er die Ausbildung ohne Hilfe nicht abschließen wird. Darum ist eine guteVorbereitung und Begleitung auch im dualen System zentral. Es ist ein Irrglaube, dass das dualeSystem alle Probleme bewältigen kann. Die hohe Zahl der Ausbildungsabbrecher zeigt doch, dassdie betrieblichen Ausbilder nicht alle aufkommenden Probleme bewältigen können.Der Abbruch einer Ausbildung hängt mit verkehrten Erwartungen beider Seiten zusammen, mitUnzufriedenheit über Ausbildungsinhalte und auch mit Problemen in der Berufsschule. DieAusbildungsberater der Handwerkskammern können Problemlagen entschärfen, aber lösenkönnen sie sie nicht. Nicht alle Jugendlichen, die sich qualifizieren wollen, schaffen das im dualenSystem.Schleswig-Holstein steht im bundesweiten Vergleich mit seinen Schulabbrecherzahlen nicht gutda. Der Anteil der Schulabbrecher ist nach wie vor zu hoch. Diese jungen Männer und Frauen sindin der Regel bei einer qualifizierten Unterstützung durchaus in der Lage, einen Schulabschluss zumachen. Viele werfen aber vorzeitig die Flinte ins Korn, weil sie davon überzeugt sind, dass es aufdem Ausbildungsmarkt keinen Unterschied macht, ob man sich ohne Schulabschluss oder miteinem schlechten Schulabschluss bewirbt. Beide Male steht man ohne Job da. DieserPersonenkreis profitiert gar nicht vom dualen System, weil die Schwelle zur betrieblichenAusbildung viel zu hoch ist. Viele Handwerksbetriebe laden Hauptschüler gar nicht mehr zumVorstellungsgespräch ein, denn die Realschüler verdrängen diese Bewerber fast vollständig. Es isteine Tatsache, dass das duale System vielen Hauptschülern verschlossen bleibt. Dass die Grünenmit ihrem Antrag auch dort den Hebel ansetzen, begrüßt der SSW.In der Praxis haben sich abseits des dualen Systems daher gangbare Alternativen etabliert. Ichmöchte hier die Produktionsschulen herausgreifen, die nach skandinavischem Vorbild junge 4Menschen schulisch und handwerklich auf eine Ausbildung vorbereiten. Die guten Beispiele imLand, ob nun die Produktionsschule in Ostholstein oder die „NachSchule“ in Schleswig, sind aberzurzeit einsame Leuchttürme, die der Nachfrage nicht gerecht werden können.Ich befürchte darüber hinaus, dass die Produktionsschule vielen Berufsberatern derArbeitsagenturen völlig unbekannt ist. Unsere Forderung lautet daher: Der Besuch derProduktionsschule muss so normal werden, wie es die duale Ausbildung ist. Wir müssen mitanderen Worten endlich beginnen, die schulischen Vollzeitausbildungen, die Produktionsschulenund andere Alternativen als vollwertig einzustufen - und vollwertig, dauerhaft und nachhaltig zufinanzieren.Berufliche Bildung geschieht in insgesamt 39 Schulen in Schleswig-Holstein. Die vielen anderenInitiativen sind aber eben nicht miteinander vernetzt - weder untereinander noch mit denBeruflichen Schulen. Konkret bedeutet dies, dass die Projektträger immer wieder zu neuenProjekten genötigt werden, weil es keine institutionelle Finanzierung gibt. Das ist kontraproduktivund kostet der Gesellschaft letztlich viel zu viel Geld – noch mehr, wenn man bedenkt, was mitjungen Leuten geschieht, die immer nur als Verlierer dastehen.Der SSW fordert ein klar gestuftes System mit Ausbildungsmodulen. In diesem Punkt stimmt derSSW dem Antrag zu. Wir stimmen ihm auch dahingehend zu, dass es angebracht ist, dieAnwendung des Berufsbildungsgesetzes auszuweiten. – Was bekanntlich vor nicht so langer Zeitschon mal als Antrag der Grünen hier im Landtag debattiert wurde.Mein Fazit lautet: die berufliche Bildung muss systematisiert werden. Dieses System mussallerdings allen offen stehen: dem motivierten Abiturienten, wenn er oder sie denn eineAusbildung machen möchte, genauso wie dem Schulabbrecher. Davon sind wir leider noch immerweit entfernt, aber das Jahr der Beruflichen Schulen gibt uns die Chance gemeinsam daraufhinzuarbeiten.