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Anke Spoorendonk zu TOP 17 & 21 - Stoffpläne entrümpeln, individuelle Förderung stärken & Förderung von Ganztagsangeboten an Gymnasien
Presseinformation Kiel, den 28.2.2008 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 17; 21 Stoffpläne entrümpeln, individuelle Förderung stärken“; Förderung von Ganzangeboten an Gymnasium Drs. 16/1852; 16/1874Ich kann die Verunsicherung vieler Eltern nachvollziehen, die ihren Kindern unverhältnismäßigenDruck in der Schule ersparen wollen. Die Bildungsministerin hat die Bedenken aufgegriffen undbereits in mehreren Interviews deutlich gemacht, dass sie keineswegs die Gefahr sehe, dass dieStoffpläne überfrachtet seien. Schließlich hätten die Modellprojekte zum Abitur nach zwölf Jahrengezeigt, dass Lehrer und auch Eltern durchaus zufrieden waren.Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur, weil die Überlastung der Schüler und ein möglicherUnterricht am Sonnabend eine wichtige Rolle sowohl im Hamburger Senatswahlkampf als auchim Landtagswahlkampf Niedersachsens gespielt haben, muss es nicht zwangsläufig bedeuten,dass wir in Schleswig-Holstein Probleme mit einer überhöhten Stoffkonzentration haben.Dennoch sind viele Eltern besorgt über Neun-Stunden-Tage für Vierzehnjährige, die kaum nochZeit für Freizeit und Hobbys hätten. 2Der SSW hat bereits frühzeitig vor den negativen Folgen des verkürzten Abiturs hingewiesen.Doch die Bildungspolitik bewegte sich bereits seit Jahren Ziel gerichtet auf das Abitur nach 12Jahren hin. Ich erinnere mich an eine hitzige Debatte um einen CDU-Antrag aus dem Jahr 2001, alsdie CDU auf Biegen und Brechen das Abitur nach 12 Jahren im ganzen Land einführen wollte. Ichgab damals zu bedenken und wiederhole es heute, dass der SSW kein Vorhaben unterstützt, dasskeine echte Reform des Gymnasiums zur Folge hat und lediglich die Schulzeit verkürzen möchte.Das neue Schulgesetz möchte uns glauben machen, dass die verkürzte Schulzeit mit einergrundsätzlichen Reform der Oberstufe einhergeht. So ganz kann es nicht stimmen, ansonsten istdie Beliebtheit des Abiturs an den beruflichen Schulen nicht zu erklären. Das so genannte Turbo-Abitur verstärkt ganz eindeutig die soziale Differenzierung. Schwache Schüler werden aus denGymnasien verdrängt. Schüler und Eltern weichen aber auch ganz aktiv auf die ihnen bessererscheinende Schulform aus. Das ist eine Abstimmung mit den Füßen gegen das herkömmlicheGymnasium. Dort gibt es Probleme, und die sollten wir umgehend anpacken.Die Erweiterung des Ganztagesangebotes an den Gymnasien weist in die richtige Richtung.Voraussetzung ist allerdings, dass das Ganztagsangebot qualifizierte Unterstützung derSchülerinnen und Schülerinnen beinhaltet. Wer nachmittags den gelernten Stoff vertiefen kann,hat sicherlich am nächsten Tag die besseren Karten. Das zeigt im Übrigen die ständig wachsendeNachfrage an Nachhilfelehrern, die den Schülern, die es sich leisten können, noch einmal in ihremTempo erklären, wozu der Lehrer in der Schule keine Zeit hatte.Wir haben uns in der Vergangenheit bei der Umgestaltung der Oberstufe zu sehr von finanziellenErwägungen beeinflussen lassen. Das Zentralabitur ist der falsche Weg, weil es den Unterrichtsteuert und nicht der Unterricht das Abitur. Büffeln und Pauken mögen abfragbares Wissenproduzieren, aber es besteht die Gefahr, dass von dem Gelernten herzlich wenig imLangzeitgedächtnis gespeichert wird. 3Tatsächlich sollten in der Oberstufe neben reinem Faktenwissen Techniken der Wissensaneignungvermittelt werden, die dem Abiturienten auf jedem Fall zugute kommen, völlig unabhängigdavon, ob er studiert oder nicht. Die notwendigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Arbeitstechnikensollten grundsätzlich in allen Fächern vertreten sein. Ich fürchte aber, dass sie bei derFaktenhuberei eines Turbo-Abiturs völlig in den Hintergrund geraten. Inzwischen kann jedermannmit einem Zugang zu einem Computer im Internet nachschlagen. Die Bewertung der Funde, obnun bei Wikipedia oder auf einer Plattform für Videofilmchen, muss man allerdings erst lernen.Dafür braucht man neben dem nötigen Gespür auch ein solides Handwerkszeug. Das sollte dieOberstufe unter anderem vermitteln.Ich befürchte, dass das Abitur nach zwölf Jahren noch mehr Schüler abschreckt oder behindert,das Abitur überhaupt zu erreichen. Dabei sind die Hürden, um das Abitur zu erwerben, inDeutschland bereits viel zu hoch. Nach einer Empfehlung des Wissenschaftsrates soll der Anteilder Abiturientinnen und Abiturienten eines Altersjahrgangs auf 50% gesteigert werden, umeinem drohenden Mangel an wissenschaftlichen Nachwuchskräften vorzubeugen. Tatsächlicherlangen in Schleswig-Holstein weniger als 40% eines Jahrgangs die Hochschulreife. DieseAbiturientenquote ist im internationalen Vergleich zu niedrig.Geradezu ausgeschlossen sind Schüler, deren Eltern über geringe Einkommen verfügen und/odereiner Migrantenfamilie entstammen. Hier sollten wir intensiver nach den Ursachen fragen, um siedann auch gleich zu beseitigen. Das sind wir einem demokratischem Schulsystem, das dieChancengleichheit umsetzt, einfach schuldig. Die niedrige Abiturientenrate hängt sicherlich auchdamit zusammen, dass viele Ausbildungsgänge im Gegensatz zu anderen Ländern in Deutschlandkeine akademische Ausbildung erfordern, so wie die Pädagogin oder der Krankenpfleger, die nichtnur Dänemark Berufe sind, die selbstverständlich ein Studium erfordern; nur bei uns nicht.Das Abitur lohnt sich schlichtweg nicht für junge Menschen, die beispielsweise in einemparamedizinischem Heilberuf arbeiten wollen Von dieser überholten Vorstellung sollten wir uns 4allerdings verabschieden. Nicht nur an dieser Stelle zeigt sich damit, dass wir niemals isoliert überdie Oberstufe reden und entscheiden sollten.Ungeachtet dessen muss die Oberstufe mit der Universität besser verzahnt sein. Viele Lehrerbetreten nach Abschluss ihres eigenen Studiums nie wieder eine Universität. Umgekehrt fordernviele Universitäten Eingangsprüfungen, weil sie gar nicht genau wissen, welche Inhalte undMethoden in der Oberstufe heutzutage vermittelt werden. Eingangsprüfungen lehnt der SSW ab.Sie sind lediglich ein Zeichen für Kommunikationsprobleme zwischen schulischer unduniversitärer Ausbildung. Die Schüler bzw. Studierenden drohen zwischen die Räder diesesKastendenkens zu geraten.Die Forderung, Stoffpläne zu entrümpeln, hilft nicht, die Defizite der gymnasialen Oberstufe zubeseitigen. Zentralabitur und Profilbildung blenden individuelle Bedürfnisse der Schüler undregionale Besonderheiten der Schulen aus. Das halte ich für das Hauptproblem. Es wärewünschenswert, wenn die Schulen in stärkerem Maße selbst entscheiden könnten, welcheSchwerpunkte sie setzen wollen.