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Lars Harms zu TOP 24 - Sicherstellung der stationären Versorgung
Presseinformation Kiel, den 17.7.2008 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 24 Sicherstellung der stationären Versorgung in Schleswig-Holstein Drs. 16/2166Die Fernsehzuschauer wissen aus Erfahrung, was bei einem Gesundheitspolitik-Gipfelherauskommt: sie, die Beitragszahler, müssen zukünftig tiefer in die Tasche greifen. Das wirdletztendlich auch die Konsequenz sein, die das Treffen in Plön haben wird. Die Kassenpatientenwerden mit steigenden Beiträgen die Tarif- und Kostensteigerungen der Krankenhäuser bezahlen.So weit, so erwartet. Doch ich möchte an dieser Stelle noch einmal – und ich habe es bereitsmehrmals getan - vor dem Schlechtreden von Behandlung und Pflege in unseren Krankenhäusernwarnen. Die stationäre Versorgung in Schleswig-Holstein ist sichergestellt! Wer selbst in jüngsterZeit im Krankenhaus war oder Angehörige besucht hat, weiß, dass Pflege und Behandlunghervorragend sind. Wer bei uns in Schleswig-Holstein erkrankt, kommt in der Regel ohne Umwegeins Krankenhaus, wo ihm oder ihr kompetente und engagierte Fachkräfte zur Seite stehen. DieWartezeiten für kalkulierbare Operationen, zum Beispiel dem Einsetzen eines neuen Kniegelenks,halten sich in Grenzen. 2Viele Standesvertreter und Lobbyisten versuchen den Eindruck zu erwecken, als ob die Zustände inden Krankenhäusern katastrophal wären oder diese kurz vor dem Kollaps ständen. DieseKatastrophen-Prosa verdeckt strukturelle Probleme. Das ist auch der Grund, warum kein Aufschreidurchs Land ging, als sich Kassen und reiche Bundesländer gegen eine gerechtere Finanzierungstemmten. Sie wollen nicht, dass eine Blinddarmoperation in Berlin genauso viel kostet wie inKonstanz, München oder Kiel. Das ist ein himmelschreiender Skandal, der mit medizinischenErfordernissen überhaupt nichts zu tun hat. Ich hoffe sehr, dass sich unsere kostenbewusstarbeitenden Kliniken ab 2015 endlich nicht mehr länger im Nachteil gegenüber anderen Ländernbefinden werden. Tatsächlich ist die Einführung des bundeseinheitlichen Basisfallwertes erst insieben Jahren ein Menetekel für eine Politik der Großen Koalitionen, die immer wiedergewohnheitsmäßig vor Strukturveränderungen zurückschreckt.Die hiesigen Kliniken werden für ihre gute Arbeit bestraft und auf 2015 vertröstet. Dabei würdedas UKSH schwarze Zahlen schreiben, würde es nach dem durchschnittlichen FallwertDeutschland abrechnen können. Stattdessen wird das Krankenhaus für seine wirtschaftlicheArbeitsweise bestraft, während sich die Krankenhäuser anderer Bundesländer ins Fäustchenlachen.Die Einführung eines bundeseinheitlichen Basisfallwertes ist im Übrigen zwar beschlosseneSache, dennoch weiß niemand, wie genau das Verfahren einmal aussehen soll. Zurzeit ist dasGanze so unausgegoren, wie es der so genannte Sanierungsbeitrag gewesen ist. Der wurde denKrankenhäusern aufgebürdet, um dann nach wenigen Monaten wieder einkassiert zu werden.Diese Maßnahme bildet nur die Spitze des Eisberges einer undurchdachten Stellschrauben-Politikim Gesundheitssektor.Der SSW empfiehlt, sich den Grundlagen unseres Gesundheitssystems anzunehmen, anstattimmer neue Modell-Varianten zu üben und den Kassen immer mehr Kosten zuzumuten.Steigende Krankenkassenbeiträge belasten den Faktor Arbeit und schwächen damit den 3Wirtschaftsstandort Deutschland. Dieser Zusammenhang wird zwar immer wieder beschworen,dennoch sind es schließlich immer die Beitragszahler, die als einzige nicht organisierte Gruppe imGesundheitswesen schließlich die Zeche zahlen müssen. Die Tarifsteigerungen beimKrankenhauspersonal haben gefälligst die Kassen zu begleichen, hat man in Plön entschieden. Fürmich heißt das ganz eindeutig, dass Beitragssteigerungen unvermeidlich sind.Die zentralen Probleme der stationären Versorgung bleiben dagegen in der Großen BerlinerKoalition weiterhin unbearbeitet. Die Probleme liegen in der Subventionierung der privilegiertenPrivatpatienten und die Verschwendung der Ressourcen in einem Doppelsystem der ambulantenund stationären fachärztlichen Versorgung.Wir haben in Deutschland die meisten niedergelassenen Fachärzte im europäischen Vergleich.Wer nun denkt, dass Deutschland dementsprechend die kürzeste Verweildauer im Krankenhausaufweist, weil die ambulanten Ärzte ihren Kollegen im Krankenhaus viel Arbeit abnehmen, irrtgewaltig – wir haben die längste. Lange Wartezeiten vor einem Facharzttermin bei gleichzeitigüberdurchschnittlich langer Verweildauer im Krankenhaus weisen überdeutlich auf massiveProbleme im Gesundheitssektor hin.Der SSW begrüßt es ausdrücklich, dass die Folgen der Plöner Beschlüsse für die hiesigenKrankenhäuser hier im Landtag genau benannt werden. Die Patienten im Land wollen wissen,woran sie sind. Der Verlauf der Verhandlungen hat allerdings auch noch einmal die Unfähigkeitder Gesundheitspolitiker in Berlin gezeigt, eine gerechte Gesundheitsversorgung einzuführen. Diedurchschnittliche Lebenserwartung eines Privatpatienten ist die höchste in Europa, dagegen liegtdie Lebenserwartung der Durchschnittsbevölkerung am untersten Ende der europäischen Skala. 4Nachzulesen ist das beim Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, der als einer der wenigenExperten auf Seite der Kassenpatienten steht. Die Kassenpatienten bezahlen die Krankenhäuser,finanzieren deren Ausstattung und berappen die Personalkosten – profitieren aber nicht davon.Lauterbach hat es so formuliert, dass die Kassenpatienten einen Mercedes bezahlen, aber einenGolf fahren, damit einige wenige, nämlich die Privatpatienten, im Rolls Royce kutschiert werdenkönnen.Die Gesundheitspolitik ist nicht nur ungerecht, sondern auch in hohem Maße intransparent. EinWettbewerb der Krankenhäuser gilt als ehrenrührig; Zahlen zu erfolgreichen Operationsverfahrenfindet man in Deutschland kaum. Die Lobbyisten verstehen es ausgezeichnet, ihre Interessenhinter scheinbaren medizinischen Begründungen zu verschleiern. Selbst vieleGesundheitspolitiker drohen den Überblick über die unterschiedlichen Finanz- und Kostenströmezu verlieren.Ich hatte nicht erwartet, dass in Plön grundsätzlich eine andere Richtung eingeschlagen wird.Doch genau das wäre dringend nötig gewesen.