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Lars Harms zu TOP 17+22 - Energiepolitische Leitlinien + Strompreisstruktur ökologisch und sozial ausgestalten
PresseinformationKiel, den 17.07.2008 Es gilt das gesprochene WortLars Harms TOP 17 und 22 Energiepolitische Leitlinien für Schleswig-Holstein und Strompreisstruktur ökologisch und sozial ausgestalten Drs. 16/2147 und 16/2164Beide Anträge von FDP und Grünen geben mir die Gelegenheit die zukünftige Energiepolitik ausSicht der Produzenten als auch aus Sicht der Verbraucher zu betrachten. Die FDP fordert einenergiepolitisches Konzept und liefert auch gleich schon die Rahmenbedingungen mit, nachdenen das Konzept ausgestaltet werden soll. Ob die Landesregierung und die Große Koalitiondas genauso sieht oder ob man dort andere Schwerpunkte setzt, können wir so natürlich nichterfahren. Deshalb kann man natürlich nur wieder die allgemeinen energiepolitischenStandpunkte austauschen. Aber dies ist unter den heute aktuellen Diskussionen über dieKernenergie und so weiter natürlich auch interessant. Wenn man die Schwerpunkte derenergiepolitischen Leitlinien, wie sie sich die FDP wünscht, ansieht, fehlen unseres Erachtenszwei wichtige Punkte: nämlich die Sicherheit der Menschen und die Prämisse, dass nachfolgendeGenerationen nicht dadurch belastet werden, dass man heute Energie gewinnt.Betrachtet man die Sicherheit der Menschen, so sind die größten anzunehmenden Unfälle imBereich der Kernenergie natürlich zu berücksichtigen und damit schließt sich diese Energieform 2schon von vornherein aus. Der Atomausstieg ist im Gegenteil sogar der Schlüssel dafür, dass dieStromwirtschaft wirklich gezwungen ist, sich über neue Energieformen Gedanken zu machen.Ohne diesen Druck würde es keine Weiterentwicklung geben und wenn man bedenkt, dass dieRestlaufzeiten noch lang genug sind, um hier Innovationen auf den Weg zu bringen, wäre dasEinkassieren dieses Atomkompromisses eine fatale Entwicklung. Die Stromwirtschaft wäre nichtauf dieses Szenario eingegangen, wenn man nicht schon heute neue Ideen für dieStromversorgung hätte.Der zweite Punkt – dass man nicht auf Kosten von nachfolgenden Generationen seinen heutigenEnergiebedarf decken darf – spricht gegen die Kernenergie und gegen fossile Brennstoffe. DieEndlagerung von Kernbrennstoffen ist nicht gelöst und kann auch nicht gelöst werden, wennman bedenkt, dass man nachfolgende Generationen über zigtausende von Jahren mit diesemMüll belastet. Aber auch fossile Energieträger sind kritisch zu sehen. Die Klimaveränderungen,die sie auslösen werden, sind ebenfalls eine Belastung nachfolgender Generationen. DieseEnergieträger sind höchstens noch als Übergangstechnologie zu betrachten. Sie müssen zeitlichbegrenzt werden und so würde auch hier wiederum der entsprechende Handlungsdruck für dieEnergiewirtschaft entstehen, um sich neuen Energieformen zu widmen.Wir meinen, dass wir die zukünftige Energieversorgung nicht nur in Bezug auf das LandSchleswig-Holstein betrachten, sondern uns mindestens bundesweit orientieren müssen. Wennalso Kernkraftwerke abgeschaltet werden und Kohlekraftwerke nur eine Übergangstechnologiesind, müssen wir uns intensiv um erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Energieeinsparungkümmern. Wir als SSW haben seinerzeit beantragt, dass die Richtlinien für die Nutzung derWindkraft gelockert werden. Bisher hat die Landesregierung hier keine zufriedenstellendenAbstandregelungen festgelegt. Wir wollten, dass die Netze schnell ausgebaut werden, indemErdkabel gegenüber Freileitungen bevorzugt werden. Initiativen der Landesregierung gleich Null.Freileitungen werden also genehmigt und die Bürgerinnen und Bürger klagen, was das Verfahrenunnötig verlängert. Wir wollten die Trennung von Netz und Stromproduktion. Aber es tut sich 3nichts in diesem Bereich, obwohl die E.ON sich inzwischen bewegt hat. In all diesen Bereichenkönnte die Landesregierung schnell handeln und initiativ werden, wenn sie es den wollte. Aberanscheinend will sie nicht.Dadurch verschenken wir hier eine wertvolle Position am Markt. Wir sind immer noch in derSpitzengruppe, was Windenergie angeht. Aber wir müssen unsere Unternehmen auch fördern,wenn es darum geht, hier in unserem Land zu zeigen, was alles möglich ist. Unser Ziel ist esimmer noch, Schleswig-Holstein zu einem Vorzeige-Land für erneuerbare Energien zu machen.Und daran werden wir festhalten.Darüber hinaus müssen wir auch sehen, welche möglichen strategischen Allianzen wir mitanderen Ländern bilden können. Wasserkraft und Solarenergie spielen in anderen Ländern schonheute eine erhebliche Rolle und deshalb ist es unsere Aufgabe, hier für eine intensiveZusammenarbeit in diesem Bereich zu sorgen. Wir dürfen uns weder als Land Schleswig-Holsteinnoch als Bundesrepublik Deutschland isoliert betrachten, sondern wir müssen aktiv dieZusammenarbeit mit anderen Staaten fördern. Für diesen Zweck muss es auch eine europaweiteZusammenarbeit hinsichtlich der Stromnetze geben.Betrachtet man jetzt noch die fünf Eckpunkte im Antrag der FDP, so kann ich hierzu folgendessagen: Die optimierte Nutzung von konventionellen und regenerativen Energieformen ist zurZeit sicherlich notwendig, aber das Ziel muss es sein, aus konventionellen Energieformen wieKernkraft und Kohlekraft auszusteigen. Dieses Ziel müsste auch in den Eckpunkten verankertsein.Im zweiten Punkt vertritt die FDP die Auffassung, dass wenn der finanzielle Aufwand für dieEnergieerzeugung in Zukunft sinkt, der Energiepreis auch fallen würde. Dies trifft aber nur füröffentlich-rechtliche Unternehmen oder gGmbH´s zu, die keinen Gewinn erzielen wollen oderdürfen. Ein Privatunternehmen wird immer den Gewinn einstreichen, der am Markt zu erzielenist. Deshalb bezweifle ich diesen Zusammenhang – jedenfalls in Bezug auf Privatunternehmen. 4Punkt drei im FDP-Antrag teilen wir. Kraft-Wärme-Kopplung und dezentrale Netze sind Ansätze,wie wir auch kurzfristig energiepolitische Fortschritte erzielen können.Der diskriminierungsfreie Zugang zu den Netzen ist nach unserer Auffassung nur gewährleistet,wenn die Netze von den großen vier Stromunternehmen abgetrennt werden. Ich weiß nicht, obdie FDP dies inzwischen genauso sieht.Mit dem fünften Punkt – dem Bürokratieabbau – hat die FDP Recht, aber mit der derzeitigenLandesregierung ist hier derzeit kein Fortschritt zu sehen.Wenn wir nun aber nicht nur die Produktion von Energie, sondern auch die Sicht desVerbrauchers mit einbeziehen, kommen wir zum Antrag der Grünen. Es ist nach unsererAuffassung genau richtig, wenn hier jetzt verlangt wird, dass das Tarifsystem ausschließlich aufden Verbrauch ausgerichtet sein sollte. In der Tat führen die Grundgebühren dazu, dass Kundenmit einem geringen Verbrauch mittelbar mehr bezahlen als Großverbraucher. Auch, dassGroßverbraucher Rabatte oder günstigere Tarife bekommen, ist nicht in Ordnung. Es mag sein,dass die klassische Betriebswirtschaftslehre hier Mengenrabatte empfiehlt. Aber wie so oft,widerspricht dies volkswirtschaftlichen, umweltpolitischen und sozialen Zielsetzungen. Wirbrauchen ein System, dass den Sparsamen belohnt und dem Großverbraucher dieentsprechenden Kosten auch aufbürdet. Da die Energieunternehmen offensichtlich hier keineÄnderungen vornehmen wollen, muss es eine entsprechende Bundesratsinitiative – wie sie dieGrünen fordern – geben.Dabei macht es auch Sinn, dass man sich genau ansieht, wann der Strom günstig produziert wirdund wann er nur teuer zu haben ist. Hierfür wären in der Tat intelligente Messgeräte notwendig,um die Zeiträume mit billigem und teurem Strom auch anzeigen zu können. Ich kann derzeitnicht abschätzen, wie realistisch die Einführung eines solchen Tarifsystems und solcherMessgeräte ist, aber sinnvoll wäre dies allemal. Bevor man hierüber entscheidet, muss manallerdings auch herausfinden, inwiefern die Kunden mit entsprechenden Investitionen belastetwerden. Wir dürfen die Kunden – insbesondere die privaten Haushalte – nicht mit Investitionen 5belasten, die sich möglicherweise für sie nicht rechnen. Deshalb sollten der zweite und der dritteSpiegelstrich im grünen Antrag genau geprüft werden.Was den von den Grünen geforderten Münzautomaten für sozial Schwache angeht, stellt sich fürmich nur die Frage, wer diesen bezahlen soll und ob dieser bei mangelnder Finanzkraft derBetroffenen wirklich dazu führt, dass man Strom beziehen kann. Wenn man seineStromrechnung nicht bezahlt, wird man auch einen Münzautomaten nicht bedienen können. Ichglaube vielmehr, dass es hier mehr um die Frage geht, warum Menschen in finanzielle Notgeraten sind und wie man ihnen aus ihren finanziellen Problemen helfen kann. EinMünzautomat für den Strombezug erscheint mir hier nicht als nachhaltige Lösung. Aber das istauch nur nebensächlich – die Grundtendenz im grünen Antrag ist auf jeden Fall richtig. Energiesparen muss belohnt werden und ein hoher Energieverbrauch muss entsprechend teurer werden.Erst dann bewegt sich wirklich etwas. Und die ersten die sich bewegen müssten, wären dieGroße Koalition und die Landesregierung.