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Anke Spoorendonk zu TOP 17 - Die CDU und die SPD haben beim Datenschutz grandios versagt
PresseinformationKiel, den 11.09.2008 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 17 Illegaler Datenhandel (Drs. 16/2218; 16/2224)Mittlerweile hatten viele Menschen sich schon mit dem Pech abgefunden, in die Datensätze derCallcenter geraten zu sein und penetrant mit Werbung oder obskuren Meinungsumfragenbelästigt zu werden. Mit der kriminellen Nutzung von Kontodaten ist das Fass aber über-gelaufen. Ganz Deutschland spricht über den Datenschutz wie seit der Volkszählung nicht mehr.Plötzlich geraten auch alltägliche Fälle von Datenmissbrauch und -gebrauch in die Diskussion.Plötzlich besteht ein Konsens, dass dringend etwas geschehen muss.Der öffentlichen Erregung entsprechend hat sich auch die Politik zum Handeln gezwungengesehen, und ich finde, die Ergebnisse des Bund-Länder-Datenschutzgipfels Anfang Septemberkönnen sich sehen lassen: Betroffene müssen künftig aktiv der Weitergabe ihrer Daten zuWerbezwecken zustimmen. Dies ist der richtige Ansatz, um den Verbrauchern wieder die Hoheitüber ihre persönlichen Daten zu geben – zumindest ab jetzt. Bei Geschäften über das Telefonoder das Internet soll eine schriftliche Bestätigung verpflichtend vorgesehen werden. Es sindjetzt überhaupt viele gute Vorschläge im Umlauf – sowohl die Landesminister Hay undTrauernicht als auch die Bundesminister Zypries und Seehofer haben gute Vorschläge gemacht.Und auch der vorliegende Antrag der Grünen enthält wertvolle Ansätze, die wir unterstützen. 2Ebenso notwendig wie strengere Spielregeln und härtere Sanktionen ist aber eine bessereKontrolle. Denn natürlich können wir den Verbraucherschutz nicht auf das schlechte Gewissenvon Callcenter-Mitarbeitern bauen. Der Bund der Kriminalbeamten zum Beispiel hat ebenso wieDatenschützer den Einsatz von Datenschutzfahndern gefordert. Sie sollen analog zu denSteuerfahndern nach Sündern suchen und mehr Kontrollmöglichkeiten bekommen. Diese Ideemuss ebenso weiter verfolgt werden. Wer sie von vornherein aus Ressourcengründen ablehnt,verkennt die Dimension der Probleme, vor denen wir heute stehen.Wir hoffen, dass die Ergebnisse des Gipfels nicht nur ein Medienspektakel waren und von derBundesregierung auch so umgesetzt werden. Die angekündigten und vorgeschlagenen Ände-rungen des Bundesgesetzes allein werden aber nicht ausreichen, um den Erfordernissen einesmodernen Datenschutzes gerecht zu werden. Unsere Gesellschaft steht vor einem Problem, dasviel größer ist als Callcenter und Datenhandel. Es geht ganz allgemein um die Frage, wie persön-liche Daten genutzt und geschützt werden. Die Fortschritte in der Anwendung von Kommuni-kations- und Informationstechnologien fordern ständig neue Antworten. Hier hinken die Gesetz-geber und die Exekutive deutlich hinterher. Das sehen nicht nur die Experten so, sondern auchdie Bürgerinnen und Bürger selbst. Laut Eurobarometer vom Februar 2008 – also noch deutlichvor den Skandalen, über die wir heute reden – haben 86 Prozent der deutschen Verbraucher keinVertrauen in die Praxis des Datenschutzes. Es gibt also eindeutig etwas nachzuholen.Natürlich wäre es blauäugig zu glauben, dass wir dieser Probleme allein durch staatlicheKontrolle und Sanktionen Herr werden könnten. Staatlichen Stellen können häufig nur die Rolledes Wächters, Aufklärers und Warners übernehmen. Das zeigt schon die aktuelle Diskussion umdie Speicherung von Nutzerdaten durch Google-Programme. Dem Bundesamt für Sicherheit inder Informationstechnik bleibt nur die Empfehlung, den Google-Internetbrowser nicht zunutzen. Die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen selbst zur Erkenntnis gelangen, dass derunbefangene Umgang mit der Informationstechnologie schlimme Folgen haben kann. 3Am Ende ist es die Verantwortung jedes Einzelnen, verantwortungsvoller mit seinen persönli-chen Daten umzugehen. Denn es geht ja nicht nur darum, dass übel meinende Zeitgenossen sichDaten erschleichen, dass sie gute Abgeordnetennamen bei Ebay missbrauchen oder dass sie ihreungeliebten Nachbarn, Lehrer oder Ex-Partner im Internet verleumden und zur Schau stellen.Heute ist es normal geworden, dass Menschen sich selbst – im übertragenen Sinne wie auchbuchstäblich – im Internet ausziehen. Jugendliche stellen unwiderruflich persönliche Informa-tionen ins Netz, die Ihnen bei einer späteren Bewerbung zum Verhängnis werden können. Er-wachsene Menschen geben unbefangen ihre persönlichen Daten preis, um an irgendein Gratis-angebot zu kommen. Und kaum einem Internetnutzer ist bewusst, wo er überall persönlicheSpuren hinterlässt. Nur wenn dieses Bewusstsein geschärft wird, sind unsere Bürgerinnen undBürger für das Leben in der modernen Datenzeit gewappnet. Dafür brauchen wir mehr denn jeeinen ausgeprägten Datenschutz, der nicht nur eine Wächterfunktion hat, sondern auchaufklärt. Dabei gehören zum Datenschutz Einrichtungen und Beauftragte genauso wie eineentsprechende Medienpädagogik als fester Bestandteil der Allgemeinbildung.Trotzdem: Der Staat kann mehr tun als aufklären. Datenschutz gilt nicht nur für den Umgangder Wirtschaft mit Verbrauchern, sondern auch im Verhältnis zwischen Staat und Bürgern. Bundund Länder können selbst Vorbild sein. Den Bürgern wird nun Datenenthaltsamkeit als die besteVorbeugung gepredigt. Diese Mäßigung täte auch dem Staat selbst gut. In den letzten Jahrenhat er aber das Gegenteil vorgelebt. Die CDU und die SPD haben – nicht erst seit 2001 – beimDatenschutz grandios versagt. Sie haben viel zu wenig für den Schutz der Privatsphäreunternommen. Sie haben Datenschützer sogar diskreditiert und so zum Gegenteil einesverschärften Problembewusstseins beigetragen. Datenschutz ist nicht nur Verbraucherschutz, erist auch ein Bürgerrecht. Die Frage der Bürgerrechte wurde aber in den Hintergrund gerückt, umden staatlichen Blick in die Privatsphäre der Bürger zu erweitern.Zugegeben: Man kann einwenden, dass es bei der staatlichen Datensammlung nicht um profanewirtschaftliche Interessen geht. Dass das Interesse des Staates die Sicherheit der Bürgerinnenund Bürger ist. Aber auch staatliche Organisationen entwickeln ein Innenleben, bei dem nicht 4immer die Interessen der Bürger Vorfahrt haben. Deshalb hat die Politik die Verantwortung,beständig zu fragen, ob Maßnahmen der Kontrolle wirklich angemessen und erforderlich sind.Kurz: Der Staat selbst muss auch verantwortungsvoller mit den Daten der Bürger umgehen. Erstdann können wir erwarten, dass die Menschen den Wert der informationellen Selbstbestim-mung erkennen und sozusagen eine persönliche Datenschutzstrategie entwickeln. Voraus-setzung für beides ist ein starker Datenschutz, der die Politik berät, der Wirtschaft und Behördenbeaufsichtigt, der technische Lösungen entwickelt und der dazu beiträgt, persönliche Daten-schutzstrategien über das Bildungswesen und andere Informationskanäle zu kommunizieren.Leider sind nicht alle politischen Kräfte in der Vergangenheit der Meinung gewesen, dass wireinen starken Datenschutz benötigen. Vor allem die CDU hat bei jeder Gelegenheit das ULD inder heutigen Form in Frage stellt. Wäre es nach der Union gegangen – und auch nach demLandesrechnungshof – dann hätten wir heute in Schleswig-Holstein keinen so gut ausgeprägten,kompetenten und renommierten Datenschutz. Schleswig-Holstein hat eine Vorreiterrolle wennes darum geht, die Daten der Bürger zu schützen und den Datenschutz in die private Wirtschaftzu tragen. Diese besondere Stärke – der „Datenschutz-Cluster“ Kiel – muss gestärkt werden. Eswäre schön, wenn sich auch die Kolleginnen und Kollegen der CDU jetzt klar zum ULD und zuseiner Stärkung im Interesse der Verbraucher und Bürger bekennen würden.Am 20. September 2001 sollten drei Experten der Bundesregierung ihre Vorschläge für eineModernisierung des Datenschutzrechtes vorlegen. Schon damals herrschte die Erkenntnis vor,dass das bestehende Recht nicht mehr zeitgemäß war. Nach dem 11. September 2001 hatte diePolitik aber verständlicherweise erst einmal andere Prioritäten. Leider hat dies dazu geführt,dass die Fragen des Datenschutzes sieben Jahre lang vollkommen in den Schatten gestelltwurden. Es ist höchste Zeit, dass die Politik die alten Pläne wieder aufgreift und weiter ent-wickelt, um unsere Gesellschaft und unsere Bürger umfassend für die neuen Zeiten zu rüsten.Für den SSW muss der Schutz der Verbraucher dabei erste Priorität haben. Denn es gibt keinenberechtigten Anspruch der Wirtschaft auf Konsumentendaten, aber es gibt ein Recht derBürgerinnen und Bürger auf Schutz vor ungebetener Werbung und auf Privatsphäre.