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11.09.08 , 17:21 Uhr
SSW

Lars Harms zu TOP 33 - Ausbildungssituation in Schleswig-Holstein

Presseinformation

Kiel, den 11.09.2008

Es gilt das gesprochene Wort



Lars Harms



TOP 33 Schleswig- Ausbildungssituation in Schleswig-Holstein 16/2 Drs. 16/2 189

In Deutschland kommt, so wie in anderen europäischen Ländern auch, eine Ausbildung einer
Grundlage für die Zukunft gleich. Ohne Ausbildung steigt das Risiko der Arbeitslosigkeit auf 18%,
mit liegt sie dabei bei 4%. Nicht ohne Grund gibt es so viele Anstrengungen, jungen Menschen
eine Ausbildung zu ermöglichen.
Mittlerweile allerdings erscheint die Schwelle, einen Ausbildungsplatz zu bekommen und
tatsächlich mit einer Ausbildung beginnen zu können, ziemlich niedrig. In einigen Bereichen gibt
es sogar Ausbildungsplätze, die nicht besetzt werden können. Schauen wir uns den Bereich
Bankfachleute an. Ein Ausbildungsberuf, der gut bezahlt ist, Aufstiegschancen verspricht und
zudem keine körperliche Anstrengung erfordert. Hier stehen laut Tabelle Nr. 2 im Bericht 194
Bewerber 585 Stellen gegenüber. Das kann doch etwas nicht stimmen. Sind die Anforderungen
zu hoch oder die Bewerberprofile unzureichend; liegt eine regionale Fehlallokation von Stellen 2
und Bewerbern vor oder finden sich nicht genügend Männer bzw. genügend Frauen? Und das
sind nur die Fragen, die sich angesichts einer Tabellenzeile stellen! Ich könnte problemlos noch
mehr Fragen anführen. Der Bericht wirft bedauerlicherweise mehr Fragen auf, als das er
tatsächlich beantwortet. Er legt weder regionale, qualifikationsgewertete noch
geschlechtsbezogene Zahlen vor, so dass wir als Landtagspolitiker weiterhin im Dunkel tappen,
warum es trotz Lehrstellenproblem offene Stellen gibt. Aus diesem Bericht können keine
politischen Maßnahmen entwickelt werden. Dazu bedarf es einer vertieften und qualifizierten
Betrachtung. Diese fehlt.
Ausschlaggebend ist letztlich, wie viel Schleswig-Holsteiner und Schleswig-Holsteinerinnen
erfolgreich ihre Ausbildung absolvieren. Wir lügen uns doch in die Tasche, wenn wir denken, dass
mit der Unterschrift unter dem Ausbildungsvertrag bereits die berufliche Zukunft gesichert ist.
Fast jeder vierte Ausbildungsvertrag wird vor Ende der Ausbildung aufgelöst! Schauen wir also
auf die Wirklichkeit hinter den Statistiken!
Allein das Konstrukt des „gemeldeten Bewerbers“ zeigt die ganze Problematik des
Ausbildungsstellenberichtes. Gemeldete Bewerber sind mitnichten alle Bewerber, die sich auf
eine offene Stelle bewerben, sondern diejenigen, die sich vorher bei einer Arbeitsagentur des
Landes angemeldet haben. Alle anderen werden statistisch nicht erfasst.
Somit ergibt sich eine Statistik, die eigentlich zu gar nichts taugt. Ich will mich nicht damit
abfinden, dass wir sehr viele, gute Ausbildungsplätze haben, die nicht an den geeigneten
Bewerber vermittelt werden können; das kann ich weder als sozial engagierter Mensch noch als
arbeitsmarktpolitischer Sprecher des SSW.
Gerne möchte ich Maßnahmen empfehlen, um diesem Missstand beizukommen. Doch dieser
Bericht versetzt mich nicht in die Lage dazu.
Ich hätte mir qualifizierte Zahlen über die so genannten Altbewerber gewünscht, also
Schulabgänger aus den vergangenen Jahren. Wie sieht es mit den Schulabschlüssen aus?
Drängen mehr oder weniger Abiturienten auf den Ausbildungsmarkt? Bewerben sich inzwischen
noch Hauptschüler, obwohl sie wissen, dass sie keine Chance haben, überhaupt zu einem
Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden? Der Bericht sagt nichts dazu. 3
Mädchen sind gut qualifiziert, haben durchschnittlich die besseren Schulnoten. Warum
entschließen sich trotzdem so viele von ihnen für Berufe, die keine oder nur geringe
Aufstiegschancen bieten?
Zusammenfassend ist deutlich geworden, dass der Bericht genau die Defizite widerspiegelt, die
wir auch auf dem Ausbildungsmarkt finden. Es gibt für den Ausbidungsstellenmarkt keine
aktuellen, regionalen Zahlen, solange das Nebeneinander von Kammern und Arbeitsagenturen
weiterhin Bestand hat. Sichere, verwertbare Zahlen gibt es erst im Nachhinein, nämlich dann,
wenn man die Ausbildungsverträge zählen kann. Dann ist der Zug allerdings weitgehend
abgefahren.
Kammern und Arbeitsagenturen stehen in einem routinierten Kontakt, dennoch fehlt eine
zentrale Erfassungsstelle für Ausbildungsplätze in Schleswig-Holstein mit aktuellem
Datenmaterial. Weder Ausbildungsbetriebe noch Schulabgänger, geschweige denn die Berater
haben einen Überblick über die Situation. Das finde ich sehr bedauerlich.
Wir bekommen mehr oder weniger seit Jahren einen Ausbildungsbewerber-Bericht. Ich halte das
nicht für ausreichend. Die Zahlen sind, wie gesagt, unbrauchbar und die Schlussfolgerungen des
Wirtschaftsministers erscheinen willkürlich. In dem Bericht heißt es beispielsweise, ich zitiere,
„Die Anforderungen in die Ausbildung steigen, die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen
dagegen sinkt seit einigen Jahren.“ Ich möchte angesichts dieses dramatischen Befundes schon
gerne wissen, was die Bildungsministerin dazu sagt, schließlich trägt sie die politische
Verantwortung für die schulische Qualifikation die hier vom Wirtschaftsminister kritisiert wird.
Mit der Verzahnung schulischer und betriebliche Wirklichkeit scheint es nicht so weit her zu sein,
legt der Bericht nahe. Daran muss sich schleunigst etwas ändern.
Aber es ist eben nur ein Ausbildungsstellenmarkt-Bericht. Die Erkenntnisse bleiben weit hinter
dem zurück, was die Landesregierung im letzten Jahr in ihrer Antwort auf die Große Anfrage der
Kollegen von der FDP analysiert und beschrieben hat. Dort wurden die dramatischen Abbrecher-
und Durchfallquoten diskutiert und Handlungsbedarfe vorgestellt. Ganz offensichtlich müssen
wir uns in unserer parlamentarischen Arbeit die Informationen durch detaillierte Fragen selber 4
besorgen. Die Daten, die die Landesregierung von sich aus vorlegt, sind auf keinen Fall
ausreichend, um sich ein Bild zu machen.

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