Diese Webseite verwendet ausschließlich für die Funktionen der Website zwingend erforderliche Cookies.

Datenschutzerklärung

11.12.08 , 13:12 Uhr
SSW

Anke Spoorendonk zu TOP 20 Bericht zum PISA-Ländervergleich

Presseinformation
Kiel, den 11.12.2008 Es gilt das gesprochene Wort



Anke Spoorendonk
TOP 20 Bericht zum PISA-Ländervergleich Drs. 16/2341


Seit 2001 und dem Bekanntwerden der ersten PISA-Ergebnisse beschäftigen wir uns hier im
Landtag mit der Leistung unserer Schülerinnen und Schüler. Bei dieser vorerst letzten PISA-
Debatte möchte ich noch einmal ins Gedächtnis rufen, was eigentlich die Zielsetzung der PISA-
Studie ist:
1. eine Rückmeldung zur Qualität des Bildungssystems und der Schulen des jeweiligen
Landes zu geben
2. einen Vergleich der Leistungsfähigkeit der Bildungssysteme zu ermöglichen und
3. der Politik eine Grundlage zu liefern, um Reformen für das Schulsystem abzuleiten.
An dieser Zielsetzung wird deutlich, dass PISA ein politisches Instrument ist. Ein Instrument, um
Aussagen treffen zu können, inwieweit es Bildungssystemen gelingt, junge Menschen auf die
Wissensgesellschaft vorzubereiten.


Mit den ersten Ergebnissen und dem darauf folgenden PISA-Schock in Deutschland wurde das
Thema Schulbildung ins Bewusstsein gerufen. Akteure und Betroffene führten eine 2
leidenschaftliche Diskussion, die deutlich machte, dass die Interpretierbarkeit von Bildungsdaten
keine Grenzen kennt. Die politische Ebene reagierte mit teils operativer Hektik und zudem einem
teils durchaus kritisch geführten Dialog für und wider das eigene Bildungssystem.


Der SSW setzt sich seit Jahren sowohl für eine Veränderung der Schulstruktur als auch der
Schulinhalte ein. Für uns sind dies zwei Seiten derselben Medaille. PISA hat deutlich gemacht,
dass das dreigliedrige Schulsystem veraltet ist. Die Einführung der Gemeinschaftsschule ist aus
unserer Sicht daher zu begrüßen. Mit dieser Schulform erhöhen sich die Chancengleichheit unter
den Schülerinnen und Schülern und die Reaktionsfähigkeit der Schulen auf aktuelle
Herausforderungen. Der faule Kompromiss der großen Koalition mit der gleichzeitigen
Einführung der Regionalschulen und der verweigerten Modernisierung der Lehrerausbildung ist
beklagenswert und nicht tragbar. Vor diesem Hintergrund weist der SSW noch einmal ganz
deutlich darauf hin, dass eine Reform der Struktur auch mit einer Reform der Inhalte
einhergehen muss. Kesselflickerei alleine reicht nicht aus, wenn sich die Leistung unserer
Schülerinnen und Schüler in Zukunft verbessern soll.


Schleswig-Holstein landete in den neusten PISA-Ergebnissen wieder im Mittelfeld. Der Kollege
Kubicki lief daraufhin völlig aus dem Ruder und – wie der Spiegel so passend titelte – punktete er
im Wettstreit um den dümmsten Vergleich mit der Nazizeit. Die Kollegin Herold gab dagegen
Vorschußlorbeeren auf die in Schleswig-Holstein durchgeführte Schulreform, die aber mit den
aktuellen PISA-Ergebnissen überhaupt nichts zu tun hat. Die Daten des aktuellen PISA-Tests sind
im Frühjahr 2006 an den Schulen erhoben worden, das neue Schulgesetz greift jedoch erst seit
Anfang 2007. Ein Zusammenhang zwischen den Ergebnissen und den bereits realisierten
Reformen lässt sich also nicht herstellen. Darauf weist neben dem SSW auch die
Bildungsministerin hin. Sie macht deutlich, dass die aktuellen Reformen erst mittel- und
langfristig Erfolge zeigen werden. 3
Darüber hinaus liegen die schleswig-holsteinischen Jugendlichen in ihrem Mathematik- sowie
Lese- und Schreibverständnis mit 497 und 485 Punkten knapp unter dem OECD-Durchschnitt und
in den Naturwissenschaften mit 510 Punkten knapp drüber. Tatsache ist, dass im Leseverständnis
die fünf nördlichsten Bundesländer am schlechtesten abschneiden. Dies ist jedoch nicht nur ein
schulisches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Die Stiftung Lesen weist in Studien seit 1992
darauf hin, dass tendenziell immer weniger gelesen wird. Die Folgen mangelnder Lesefähigkeit
zeigen sich dann in der Schule, aber in allen Fächern. Aus Sicht des SSW ist es daher notwendig,
sich das Umfeld der Jugendlichen anzuschauen. Wir brauchen hier einen Ausbau des
Büchereiwesens und eine ganzheitliche Förderung der Lesekultur.
Nach wie vor stellt die Gleichbehandlung von Mädchen und Jungen eine besondere
Herausforderung im schulischen Alltag dar. Die Verbindung von schulischer Leistung und sozialer
Herkunft nimmt tendenziell ab. Hier liegt aber immer noch ein entscheidendes Handlungsfeld
zur Sicherung von Bildungsgerechtigkeit und sozialer Ausgewogenheit. Ich weise Sie noch
einmal darauf hin, dass hier ein Hauptproblem des schleswig-holsteinischen Schulwesens liegt.
Dies belegen auch die aktuellen Ergebnisse der IGLU-Studie. Die Grundschule wird in diesem
Zusammenhang als einzige Gemeinschaftsschule in Reinform beschrieben, die international mit
einem geschlossenen Leistungsbild ein hohes Niveau vorweist. Der SSW setzt sich daher für eine
konsequente Umsetzung der Gemeinschaftsschulen ein.


Der SSW plädiert außerdem eindringlich dafür, neben der Struktur auch die Qualität der
Schulbildung zu verändern. Es ist völlig unverantwortlich von der großen Koalition, die
Neustrukturierung und Anpassung der Lehrerausbildung auf die lange Bank zu schieben. Wir
zweifeln an der Ernsthaftigkeit dieser Schulreform, wenn nach wie vor Lehrerinnen und Lehrer an
den Hochschulen dieses Landes für Schularten ausgebildet werden, die es gar nicht mehr gibt.
Das kann nicht gut gehen! Wir brauchen eine Lehrerausbildung, die nicht nur effiziente
Fachdidaktik und elementare Inhalte thematisiert, sondern die außerdem den Schulformen
angepasst ist. 4
Aber nicht nur die Lehrerausbildung hat Einfluss auf gute oder schlechte Schulleistungen. Auch
die Ressourcen der Schulen entscheiden in hohem Maße über Menge und Art des Unterrichts.
Wagen wir gemeinsam einen Blick über den Tellerrand und schauen in unser nördliches
Nachbarland. In den PISA-Studien landet Dänemark häufiger im Mittelfeld als auf den vorderen
Plätzen. Die Erklärung dafür liegt in den unterschiedlichen Wertesystemen der Schulbildung. Die
PISA-Studien zielen auf einen Typus von Bildung, der in Dänemark höchst umstritten ist. Hier
richtet sich der Unterricht nach einem ganzheitlichen Ansatz. Demokratische Kultur, soziale
Kompetenzen und persönliche Entwicklung sind genau so wichtig wie kognitive Fähigkeiten.
Nicht vergessen darf man dabei aber: Das Wichtigste ist es immer noch etwas zu wissen. Auch in
Dänemark haben die PISA-Ergebnisse daher zu Reformen und weitreichende Diskussionen aller
Beteiligten geführt.


Das Beispiel Dänemarks macht deutlich, wie komplex Bildungssysteme sind und wie schwierig es
ist, diese miteinander zu vergleichen. Erfolgsmodelle sind nicht einfach übertragbar. Die
Einflussfaktoren auf Erfolg oder Misserfolg eines Bildungssystems reichen von der
Lehrerpersönlichkeit über weniger Unterrichtsausfall bis hin zu einer kompletten Veränderung
des Systems. Dennoch hat PISA Anregungen und Aufregung gegeben, die zum Nachdenken und
überhaupt der Problematisierung der schulischen Ausbildung in Deutschland geführt haben.


Trotz des erneut mittelmäßigen Abschneidens Schleswig-Holsteins beim aktuellen PISA-
Ländervergleich ist es für uns wichtig, weiter an Reformen und Veränderungen zu arbeiten, ohne
die Akteure mit PISA-Ergebnissen in den Wahnsinn zu treiben und an den Schulen eine teaching-
to-the-test Kultur einzurichten. Kritisches Analysieren und Hinterfragen sind für den SSW genau
so wichtig wie Einsatz, Transparenz und Miteinander, um unser Schulsystem und damit unsere
Kinder für die Herausforderungen der Zukunft fit zu machen.

Download PDF

Pressefilter

Zurücksetzen