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Anke Spoorendonk zu TOP24 - Keine Schuldenbremse ohne Entschuldungskonzept
PresseinformationKiel, den 25.02.2009 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 24 Keine Schuldenbremse ohne Entschuldungskonzept (Drs. 16/2487)Der erste Absatz unseres gemeinsamen Antrages mit den Grünen sagt es, und ich wiederhole esgern noch einmal für den SSW: Wir begrüßen das Ziel der Föderalismuskommission II, eineverbindliche Schuldenbremse einzuführen. Wenn wir nicht auf Kosten kommender Generatio-nen leben wollen, dann müssen wir mit aller Kraft ausgeglichene Haushalte anstreben. Darangibt es keinen Zweifel.Allerdings dürfte der Antrag auch hinreichend klar zum Ausdruck bringen, dass wir nicht mit derSchuldenbremse leben können, die am vorletzten Freitag von der Föderalismuskommissionbeschlossen wurde. Sie erfüllt in keiner Weise die Forderungen, die von den Vertretern derLandtage erhoben wurden, nämlich dass annähernd ausgeglichene Landeshaushalte dieVoraussetzung für neue Schuldenregeln sind und dass die bestehenden Altschulden der Länderberücksichtigt werden müssen. In dieser Zeit, in der die öffentlichen Haushalte durchKonjunkturprogramme, Bankenrettung und steigende Arbeitslosigkeit bis an alle Grenzenstrapaziert werden, würde eine solche Schuldenbremse eine fatale Wirkung entfalten. 2Die Erfahrungen der letzten vielen Jahren haben gezeigt, dass vor allem der Abbau vonArbeitslosigkeit und damit die Erhöhung der Steuereinnahmen dem Staat den Überschussbeschert hat, um Altschulden abzubauen und sich ausgeglichenen Haushalten anzunähern. Diesist nicht allein durch eine Vollbremsung bei den Ausgaben zu schaffen. Insofern könnte dasTiming der Föderalismuskommission schlechter kaum sein. Denn wir treten zu recht gleichzeitigauf das Gaspedal, wenn es darum geht, durch das schuldenfinanzierte Konjunkturpaket dieFolgen der weltweiten Finanzkrise für die Realwirtschaft und den Arbeitsmarkt abzumildern.Die starre Schuldenbremse macht also zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich gar keinen Sinn. Sie istin meinen Augen nur eine Art Ablasshandel für konservative und liberale Politiker, die das Gefühlhaben, mit der Zustimmung zu einem Konjunkturprogramm eine große Sünde zu begehen. Aberjeder weiß, dass man ins Schleudern kommt, wenn man bei voller Fahrt auf Bremse und Gasgleichzeitig perrt. Und genau dies wird passieren.Für Schleswig-Holstein bedeutet die beschlossene Schuldenbremse konkret, dass wir dasstrukturelle Defizit im Haushalt von 600 Millionen Euro jährlich ausgleichen müssen und dafürvom Bund neun Jahre lang jeweils 80 Millionen bekommen. Übrig bleiben also 520 MillionenEuro pro Jahr, die das Land selbst einsparen muss. Allein daran lässt sich schon erkennen, dassdiese Schuldenregelung das Land langsam erdrosseln würde. Der Zusammenfall mit der Kriseder HSH-Nordbank macht die Wirkung dieser Schuldenbremse für Schleswig-Holstein abergeradezu tödlich. Das Land hat eine Schlinge um den Hals – am einen Ende des Seils zieht dieFöderalismuskommission und am anderen Ende der Vorstand der HSH-Nordbank. Das ist dieSituation, in der wir gerade stehen.Deshalb ist es auch unbegreiflich, dass der Ministerpräsident sich in der Föderalismus-kommission dem Schicksal ergeben hat. Ich muss sagen, es hat mich maßlos enttäuscht, dassPeter Harry Carstensen sich bei der entscheidenden Sitzung der Föderalismuskommission fürSchleswig-Holstein der Stimme enthielt. Es gab eine Zeit, in der unser Ministerpräsident mitvorbildlichen Konzepten ausgestattet nach Berlin gefahren ist – eine Zeit in der auch bei derLandesregierung die Erkenntnis vorherrschte, dass nur eine solide Reduzierung der bestehenden 3Schulden die Probleme löst. Der damalige Vorschlag der Landesregierung, die Altschulden über50 Jahre durch einen gemeinsamen Fonds der Länder mit einem Teil der Mehrwertsteuerein-nahmen zu tilgen, war richtig. Umso unverständlicher ist es, dass Peter Harry Carstensen jetzt,wo es zum Schwur kommt, resigniert die Hände in den Schoß legt.Die jetzt beschlossene Schuldenbremse ist wahlweise angekündigter politischer Selbstmordoder Selbstbetrug. Denn entweder erfüllt Schleswig-Holstein die Einsparforderung und dannbleibt vom Land nur ein Torso übrig. Oder wir erfüllen die Kriterien nicht, aber dann bekommenwir die 80 Millionen Bundeszuschuss zum Schuldenabbau auch nicht zu sehen. Insofern ist dieBegründung des Ministerpräsidenten für seine Enthaltung in der Föderalismuskommissionabwegig, dass das Land gar kein Geld vom Bund bekäme, wenn er dagegen gestimmt hätte.Denn Schleswig-Holstein hat durch diese Schuldenbremse rein gar nichts zu gewinnen.Aber ich unterstelle mal, dass der Ministerpräsident in der Föderalismuskommission zugestimmthat, weil er daran glaubt, über eine halbe Milliarde jährlich aus dem Landeshaushalt heraus-schneiden zu können. Deshalb sagen wir: Na, dann mal Butter bei die Fische, Herr Carstensen!Sagen sie uns und den Schleswig-Holsteinern jetzt deutlich, wo dieses Geld gespart werden soll.Durch neue Einnahmen wird es nicht kommen. Deshalb muss jetzt klar benannt werden, wo dieLandesregierung nun in den kommenden neun Jahren jährlich 520 Millionen Euro herholen will.Denn es ist ja nun einmal nicht so, dass die Schulden dadurch entstanden sind, dass wir zu vieleLehrer oder Polizisten haben oder dass Deutschland ein soziales Schlaraffenland ist. Man darf beider aktuellen Debatte über Staatsschulden und Schuldenbremsen nicht aus den Augen verlieren,dass der weitaus größte der Teil der Schulden immer noch eine Folge der deutschen Einheit ist.Auch politische Fehlentscheidungen, wie die rot-grünen Steuerreformen der 90er Jahre, diejährlich über 50 Milliarden Mindereinnahmen zur Folge hatten, haben unsere Verschuldungerhöht. Vor diesem Hintergrund lautet die wirklich spannende Frage: Woher kommt die halbeMilliarde? Diese Frage ist übrigens nicht nur an den Ministerpräsidenten gerichtet, sondern auchan die SPD: Wenn diese Landesregierung im Bundesrat der Schuldenbremse zustimmt und wenn 4mit sozialdemokratischen Stimmen das Grundgesetz geändert wird, dann übernimmt auch dieSPD-Schleswig-Holstein die volle Verantwortung für diese Kamikaze-Politik und muss ebensoklar benennen, wer im Land in Zukunft auf eine halbe Milliarde Euro verzichten soll.Aber um es vorweg zu nehmen. Ich glaube nicht, dass die Antworten irgendjemandenzufriedenstellen werden. Am Ende bleibt im Interesse Schleswig-Holsteins nur eine Option: DieLandesregierung muss sich eines Besseren besinnen und im Bundesrat gegen die Schulden-bremse stimmen. Und die Landesregierung muss den Landtag unterstützen, wenn es um eineVerfassungsklage gegen eine bundesweite Schuldenbremse im Grundgesetz geht. KeinBundesland kann hinnehmen, dass es durch eine Verfassungsänderung quasi entmündigt wird.Das Budgetrecht ist das „Königsrecht“ des Landtags und darf nur vom Landtag selbstbeschnitten werden. Deshalb muss eine neue Schuldenregel für Schleswig-Holstein auch in derLandesverfassung verankert sein und darf nicht von oben durch das Grundgesetz diktiertwerden. Wenn Schleswig-Holstein die Entscheidung der Föderalismuskommission akzeptiert,dann geben wir unseren politischen Gestaltungsspielraum auf und entmachten uns selbst.Deshalb kann der Landtag gar nicht anders handeln, als beim Bundesverfassungsgericht gegendie Schuldenbremse zu klagen – sehr gerne mit aber notfalls auch ohne die Landesregierung.Wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass eine Regelung beschlossen wird, der keinrealistisches Entschuldungskonzept zugrunde liegt und die so unserem Land massiv schadenwird. Dies gilt umso mehr, als die Schuldenbremse im Grundgesetz und möglicherweise auch inder Landesverfassung verankert werden soll. Beide lassen sich nur mit einer Zweidrittelmehrheitändern, die für die jetzigen Großen Koalitionen leicht zu organisieren ist. Sollte aber nachher dieErkenntnis wachsen, dass das ganze ein Fehler war, dann ist eine Hürde errichtet, die spätereMehrheiten kaum überwinden können. Am Ende kann eine solche Schuldenregelung die jungenGenerationen noch mehr belasten als die Schulden selbst. Auch dies ist Grund genug, hier undjetzt Stopp zu sagen.