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Lars Harms zu TOP30 - Energiepolitische Leitlinien für Schleswig-Holstein
PresseinformationKiel, den 26.02.2009Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 31, 31, 32, 36, 37 und 38 Schleswig- Energiepolitische Leitlinien für Schleswig- Holstein, Strompreisstruktur ökologisch und sozial ausgestalten, Trennung von Stromerzeugung und Leitungsnetz, Abschied vom Kohlestrom und Unwirtschaftlichkeit von Kohlekraftwerken 16/2459, Drs. 16/2459, 2473, 2474, 2478, 2479, 2480Die Weiterentwicklung der Energiewirtschaft ist eine der größten Herausforderungen vor der wirstehen. Es gilt, jetzt die Weichen zu stellen, wie die Energieversorgung der Zukunft gestaltenwerden soll, insbesondere unter Berücksichtigung klimarelevanter Maßgaben.Mit dem Ausstieg aus der Atomenergie hat die Bundesregierung seinerzeit den großen Schrittaus dieser risikobehafteten Energieform gemacht. Und das ist auch gut so. Diese neuaufgekommene Diskussionen in Deutschland, die Restlaufzeiten zu verlängern, auch vor demHintergrund, dass andere europäische Länder beschlossen haben, neue AKWs zu bauen, ist mehrals rückwärtsgewandt. Die Atomenergie ist keine Alternative - weder energiepolitisch nochklimapolitisch. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass wir mit der Atomenergie die klimapolitischenHerausforderungen meistern können, denn Atomenergie ist nicht CO2 neutral. 2Gerade der aufwändige Abbau des Urans verbraucht immens viel Energie und geschieht untersehr umwelt- und klimaschädlichen Bedingungen. Im Schnitt führt die Kernenergie zu einemCO2-Ausstoß von 60 Kilogramm pro Megawattstunde. Deutlich niedriger sind die Werte beibiomassebefeuerten Dampfkraftwerken mit 15 Kilogramm oder auch bei der Windkraft mit 24Kilogramm pro Megawattstunde. Am günstigsten nach heutigem Stand der Technik sind indiesem Bereich Wasserkraftwerke, die nur rund 10 Kilogramm CO2 pro Megawattstundeauslösen.Aber das eigentliche Problem ist die ungeklärte Frage der Lagerung. Die Endlagerung ist nichtgelöst. Damit belasten wir nachfolgende Generationen über zigtausend Jahre mit demrisikobehafteten Müll. Dass die Lagerung nicht geklärt ist, wird deutlich an dem Beispiel desmaroden Atommülllagers Asse. Der Bund ist dort jetzt mit eingesprungen und UmweltministerGabriel hat nun gefordert, dass die AKW-Betreiber sich an den Sanierungskosten beteiligensollen. Sollten sie dies nicht tun, droht er mit einer Steuer auf Kernbrennstoffe. Es ist richtig, dieBetreiber in die Pflicht zu nehmen, denn wer den Müll produziert, muss auch dafür bezahlen. DieAtomkonzerne haben mit ihren Atomkraftwerken jahrzehntelang Profit gemacht und denstrahlenden Müll billig entsorgt. Nur so konnten sie Rücklagen in Milliardenhöhe bilden. Alsosollen sie jetzt auch dafür zahlen. Wenn man die Betriebskosten für die Lager hochrechnet,kommt man ganz schnell zu dem Schluss, dass Atomkraftwerke keinen Billigstrom produzieren.Wer sich zum politischen Handlanger für die Atomenergie machen lässt, handelt rücksichtslosauf Kosten der späteren Generationen. Daher gibt es keine Alternative zum Atomausstieg und essollte uns egal sein, wer in Europa welche Pläne hat, bezüglich des Baus neuer Atomkraftwerke.Wir müssen unsere Energieversorgung selbst regeln und nicht auf die europäischen Nachbarnschauen.Wir brauchen Konzepte, die genau regeln, wie der Atomausstieg vollzogen werden kann und wieder Wegfall der Atomenergie kompensiert wird. Dabei kommen wir aber an den fossilenEnergieträgern mittelfristig nicht vorbei. 3Gaskraftwerke sind hierbei keine Lösung, weil wir uns in eine Abhängigkeit begeben, diepolitisch fragwürdig ist. Wir konnten gerade in diesem Winter wieder erleben, wie schnell derGashahn zugedreht werden kann, wenn Lieferant und Durchleiter sich nicht grün sind.Ein weiterer Grund, der gegen Gas als Energieträger spricht ist, dass Braun- undSteinkohlekraftwerke rund 50% der Stromgewinnung ausmachen und dieser Bedarf kann nichtmit Gaskraftwerken gedeckt werden.Daher bleibt nur die Möglichkeit, auf Kohlekraftwerke zu setzen. Natürlich ist Kohle auch einendlicher Rohstoff, aber im Gegensatz zu dem vorher genannten Energieträger ist Kohleweltweit vorhanden und was wichtiger ist, wir haben sie im eigenen Land. Damit ist zumindesteine gewisse Verfügbarkeit sichergestellt.Aber auch die Kohlekraftwerke sind keine endgültige Lösung. Die Klimaschäden, die sie auslösen,sind eine Belastung der nachfolgenden Generationen. Dieser Energieträger ist daher nur eineÜbergangstechnologie. Sie muss zeitlich begrenzt werden, denn nur so schaffen wir es auch,einen entsprechenden Handlungsdruck auf die Energiewirtschaft aufzubauen. Aber dafürbrauchen wir ein bundesweites Konzept, in dem geregelt wird, welche alten Kohlekraftwerkeabgeschaltet werden und welche neuen Kraftwerke ans Netz gehen dürfen.Wenn wir neue Kohlekraftwerke bauen, dann darf dies nur an Standorten sein, wo dieEnergieeffizienz optimal ausgenutzt wird. Dafür kommt in Schleswig-Holstein nur der StandortBrunsbüttel in Frage.Kernkraftwerke werden abgeschaltet und der Einsatz von Kohle ist nur eine Übergangslösung -dies ist aus Sicht des SSW der mittelfristige energiepolitische Weg der gegangen werden muss.Daher gilt es, eine Strategie festzulegen, wie die langfristige Versorgung mit bezahlbarer undumweltverträglicher Energie aussehen soll. Der Ausbau der erneuerbaren Energien, dieSteigerung der Energieeffizienz und die Energieeinsparung sind die drei Säulen, auf die wir dieEnergieversorgung der Zukunft stellen müssen. Dies sind dicke Bretter die gebohrt werdenmüssen. Um dies auch realisieren zu können, brauchen wir die Zusammenarbeit zwischen 4Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Gerade im Bereich der Energieeffizienz und derEnergieeinsparung, sind noch enorme Potentiale, die gehoben werden können.Aber dafür muss deutlicher werden, dass Energie kein kostenloses Gut ist. Mit anderen Worten,die Verbesserung der Energieeffizienz und die Energieeinsparung müssen sich unterm Strichlohnen, es müssen dafür Anreize geschaffen werden. Mit den Nachhaltigkeitsstrategien aufeuropäischer, Bundes- und Landesebene wurde der Weg vorgegeben, nun müssen dieseStrategien auch mit Leben gefüllt werden.Wenn es um die erneuerbaren Energien geht, wissen wir, dass wir in Schleswig-Holstein einegute Vorarbeit geleistet und gute Voraussetzungen haben. Aber hier muss stetig weiter drangearbeitet werden. Insbesondere die Windenergie hat sich für Schleswig-Holstein zu einemVerkaufsschlager entwickelt, der ein Inbegriff für Nachhaltigkeit ist. Die künftigen Potentialeliegen im Repowering und im Offshorebereich. Mit der Ausweitung der Eignungsflächen, greiftdie Landesregierung mit dem Entwurf zum LEP ein Punkt auf, den der SSW bereits vor zweiJahren hier im Landtag gefordert hat. Im Zusammenhang mit dem LEP-Entwurf wird dieser Punktnun im ganzen Land behandelt.Aber die Diskussion um die Windenergie steht und fällt natürlich mit der Netzanbindung undhier haben wir bereits seit Jahren ein Problem - insbesondere bei uns an der Westküste. DennWindkraft macht nur Sinn, wenn man die gewonnene Energie auch ableiten kann. Was wirderzeit an der Westküste erleben, ist nach Auffassung des SSW eine Farce. Die breiten politischeBeschlüsse – auch hier im Landtag - und die Haltung der Menschen vor Ort machen deutlich,dass ein Erdkabel gewollt ist, um den Windstrom vernünftig einspeisen zu können. Allesscheitert jedoch an der Sturheit des Netzbetreibers, der eine Freileitung bevorzugt.Diese Situation wird dazu führen, dass sich die Klagen überhäufen und über mehrere Jahre nichtspassieren wird. Die Leidtragenden sind die Windmüller an der Küste. Zuspitzen wird sich dieSituation dann, sobald die ersten Offshore-Windparks gebaut werden sollen. Aber solangedürfen wir nicht warten, daher brauchen wir die Trennung von Netz und Energiekonzernen,damit die Netze unabhängig von Konzerninteressen betrieben werden können. 5Darüber hinaus muss geregelt werden, dass die Netzbetreiber verpflichtet werden, die Kosten fürden Anschluss von Windparks im Offshore-Bereich zu tragen. Denn was an Land gilt, muss auchauf See gelten, damit beide Erzeugungsformen - landgestützte und seegestützte - die gleichenBedingungen im Wettbewerb haben. Wir brauchen diese Voraussetzungen, damit sich dieserWirtschaftszweig auch im Offshorebereich entwickeln kann. Dies sollte im ureigensten Interessedes Landes sein, damit Schleswig-Holstein auf diesem Sektor nicht den Anschluss verliert.Ein weiterer wichtiger energiepolitischer Aspekt hier im Land ist die Energiegewinnung ausBiomasse und insbesondere den nachwachsenden Rohstoffen. Die boomende Entwicklung aufdiesem Sektor in den letzten Jahren führt mittlerweile aber auch zu erheblichen Problemen.Denn momentan herrscht auf dem Biomassesektor geradezu eine Goldgräberstimmung, die denAnschein erweckt, dass nahezu überall im Land auf die Produktion von nachwachsendenRohstoffen - sprich Mais - gesetzt wird. Diese Entwicklung darf so nicht weitergehen. Dies istkein Vorwurf gegen die Landwirte, die derartige Anlagen betreiben. Denn wir haben uns immerdafür eingesetzt, dass Landwirte ihre Chance auf dem Energiesektor nutzen müssen. Aber diemangelnde Planung beschleunigt diese Entwicklung.Hier muss gegengesteuert werden, um die negativen Konsequenzen für Natur und Landschaft zuvermeiden. Auch hierzu hatte der SSW einen konkreten Antrag gestellt, der zum Ziel hatte eineArt Biomasse-Flächenplanung zu ermöglichen. Auch dieser Antrag wurde von der GroßenKoalition abgelehnt. Die wichtigen energiepolitischen Schritte – Ausstieg aus veraltetenEnergieformen, Stärkung der erneuerbaren Energien und eine verbindliche Planung – wurdenvon der Großen Koalition bisher nicht angepackt – zum Schaden unseres Landes. Auch hier habenwir, wie in so vielen Bereichen, Stillstand.