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Anke Spoorendonk zu TOP 12 - Soziales Europa
Presseinformation Kiel, den 8. Mai 2009 Es gilt das gesprochene WortAnke SpoorendonkTOP 12 Soziales Europa Drs. 16/2366Das im Juli 2008 veröffentlichte „Sozialpaket“ der EU-Kommission ist zweifelsohne ein Schritt indie richtige Richtung – ein Schritt hin zu einem „sozialen Europa“. Um so bedauerlicher ist es –ich sagte es bereits in der Debatte zum diesjährigen Europabericht der Landesregierung – dassdie tschechische EU-Ratspräsidentschaft den für Anfang Mai geplanten Sozial-Gipfel abgesagtund weder die Kraft noch den Willen dazu gehabt hat, eine Ersatzveranstaltung vorzuschlagen.Hauptthemen des genannten Gipfels hätten soziale und arbeitsmarktpolitische Fragen seinsollen. Wobei vonseiten der europäischen Kommission auch angedacht war, erstmals in derGeschichte der Europäischen Union einen Dialog zwischen den Staatschefs der EU und denSozialpartnern auf europäischer Ebene zu organisieren.Mag sein, dass José Barroso als Kommissionsvorsitzender mit so einem Gipfel in erster Linie dassoziale Image der Kommission aufpolieren wollte und die Kritiker recht hatten, die befürchteten,dass man damit angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen in Europa viel zu hoheErwartungen wecken würde. Anders herum ist es eine vertane Chance, die nicht gerade die 2Glaubwürdigkeit der Ratsmitglieder stärkt, wenn sie in Sonntags- und Wahlkampfreden diemangelnde soziale Dimension in der EU anprangern.Für den SSW steht fest: Die Grundlage der europäischen Zusammenarbeit darf sich nicht in derFreizügigkeit von Dienstleistungen, Verkehr und Kapital erschöpfen. Stattdessen sollte die EU füreine soziale Staatengemeinschaft stehen, im dem nicht nur der Markt regiert, sondern derSozialstaatsgedanke eine tragende Säule der europäischen Zusammenarbeit bildet.Konsequenterweise richtet sich die Große Anfrage genau auf diesen Themenbereich. Das istnicht nur angesichts der anstehenden Wahlen zum Europäischen Parlament eine gute Idee.Die Freizügigkeit der Arbeitnehmer ist ein zentrales, soziales Ziel der EU, von dem das deutsch-dänische Grenzland jeden Tag wieder aufs Neue profitiert. Tausende Arbeitnehmer, unten ihnenviele ohne Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt, konnten in den vergangenen Jahren inDänemark auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen.Die Entwicklung macht deutlich, dass wir dem Ziel eines grenzüberschreitenden, gemeinsamenArbeitsmarktes sehr viel näher gekommen sind. Zu den konkreten Problemen zählen aber immernoch die mangelnden Sprachkenntnisse. Daher fordern wir, dass die Landesregierung ihrenWorten mehr Taten folgen lassen. und den Dänischunterricht weiter ausbaut. Denn dieSchaffung dieser Art von Rahmenbedingungen müssen wir selbst in die Hand nehmen - wennwir ein „soziales Europa“ wollen und das Subsidiaritätsprinzip ernst nehmen.Der SSW unterstützt die Landesregierung in ihren Bemühungen, bilateraleAnerkennungsverfahren zumindest für die wichtigsten beruflichen Abschlüsse zu erwirken, ummöglichst vielen Berufsgruppen die Möglichkeit zu geben, im Ausland zu arbeiten. In einer vonmir gestellten Kleinen Anfrage zu dieser Thematik geht aber hervor, wie groß die Hürden sind,zum Beispiel um Ausbildungen über die deutsch-dänische Grenze hinweg anzuerkennen.Befürchtungen, dass die Freizügigkeit der Arbeitnehmer und die daraus resultierende stärkereKonkurrenz vor allem eine Absenkung der sozialen Standards bedeutet, werden durch die 3Antworten der Landesregierung nicht bestätigt. Dennoch können wir uns sicherlich noch alle andas harte Ringen um die Einführung der EU-Dienstleistungsrichtlinie erinnern. Der SSW hattesich damals gegen das Herkunftslandprinzip ausgesprochen, weil es das deutsche Lohn- undBeschäftigungsniveau gefährdet hätte. Der ursprüngliche Entwurf der EU-Richtlinie sah vor, dassArbeitnehmer EU-weit jeweils nach den Tarifen ihres Heimatlandes entlohnt werden sollten.Damit wären Arbeitsplätze in Schleswig-Holstein massiv durch Billigkonkurrenz aus demeuropäischen Ausland bedroht worden. Die abgespeckte Version der EU-Dienstleistungsrichtliniewurde schließlich ohne das Herkunftsland-Prinzip beschlossen.In der genannten Richtlinie gibt es zwar tatsächlich Erleichterungen für die Niederlassung vonDienstleistungsbetrieben in ganz Europa, aber diese müssen sich nunmehr überwiegend an dieBestimmungen, Standards und Gesetze der jeweiligen Länder halten. Das ist ein wichtigerGrundsatz im europäischen Miteinander, der den internationalen Wettbewerb fördert, aber faireRahmenbedingungen für alle Wettbewerber schafft; egal ob es sich um ein ausländisches odereinheimisches Unternehmen handelt.Die Landesregierung kommentiert ausführlich die Rechtssprechung des EuropäischenGerichtshofs der letzten Jahre, die ja mehr als alles andere die Notwendigkeit verdeutlicht, diesoziale Dimension in der europäischen Zusammenarbeit zu stärken. Es geht dabei umAntidiskriminierung, um die Stärkung von Arbeitnehmerrechten - z.B. durch die Einrichtungeines europäischen Betriebsrates – und um Tariftreue.Der SSW setzt sich bekanntlich schon seit vielen Jahren für die Tariftreue bei öffentlichenAufträgen ein. Für uns steht daher fest: Wenn die Richter des EuGH unter anderem dieBeschränkung auf öffentliche Aufträge als selektiv ablehnen, ist es unserer Meinung nachdurchaus denkbar, Tariftreue auch an private Aufträge zu binden. Die Debatte um dasTariftreuegesetz beginnt also jetzt erst richtig. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir uns indieser Frage auf sicherem Grund bewegen. Wer nämlich in Schleswig-Holstein kein Geldverdienen kann, weil er sich an Tarife hält und die anderen Anbieter ihm alle Aufträgewegschnappen, der wird entweder den Standort wechseln, Tarife unterbieten oder Beschäftigte 4entlassen. Auf jeden Fall wird der mittelständisch geprägte Wirtschaftsstandort Schleswig-Holstein geschwächt werden und die Nachfrage sinkt, weil auch die Löhne sinken.Genau diese Abwärtsspirale beobachten wir tatsächlich schon seit in einigen Branchen, in denendie Beschäftigten zu Hungerlöhnen arbeiten. Darum fordert der SSW die Einführung einesMindestlohnes. Die Landesregierung hat in ihrer Antwort ganz deutlich ihre Position bezogen,dass nämlich die Lohn- und Gehaltstarife in ganz Deutschland gelten müssen, um auch in BrüsselBestand zu haben. Konsequenterweise müssen wir darum schleunigst die Forderungen desdeutschen Gewerkschaftsbundes nach einem bundesweit geltenden Mindestlohn umsetzen. DieLandesregierung kann das über ihre Stimme im Bundesrat tun. Die Bundesregierung hat mit demvor wenigen Tagen in Kraft getretenem Mindestarbeitsbedingungengesetz die Möglichkeitgeschaffen, dass auch in Branchen, in denen keine Tarifverträge existieren oder nur eine geringeTarifbindung besteht, Mindestlöhne eingeführt werden. Hier müssen wir weiter am Ball bleiben.Auch der Gesundheitssektor nimmt einen breiten Raum in der Beantwortung der GroßenAnfrage ein, auch dies verständlicherweise. Die Zusammenarbeit im Gesundheitswesen gehörtin Schleswig-Holstein zu den ältesten, grenzüberschreitenden Netzwerken überhaupt. DasFlensburger Franziskus-Krankenhaus belegt eindrücklich, dass die dänischen Patienten nicht nurhelfen, Kapazitäten effizient auszunutzen, sondern auch in den Krankenhausalltag eingebundenwerden: Zweisprachige Patientenbegleitung ist nämlich selbstverständlich und hat eines derersten grenzüberschreitenden Ausbildungsprogramme überhaupt angestoßen. DieLandesregierung verweist in ihrer Antwort auf die europäische Richtlinie über die Ausübung derPatientenrechte in der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung, die die Rechtssicherheitfür Patientinnen und Patienten verbessern soll. Für Schleswig-Holstein gilt es vor allem, diedeutsch-dänischen Patientenverkehre rechtlich abzusichern. Der SSW hatte daher im letzten Jahrein deutsch-dänisches Rahmenabkommen beantragt, um unter anderen einen besseren undschnelleren Zugangs der Bewohner des Grenzlandes zu qualitativ hochwertigenGesundheitsleistungen zu ermöglichen. Noch ist nicht abzusehen, inwieweit die geplante 5Richtlinie so ein Abkommen ersetzen kann. Wir werden das weiter verfolgen. Gleichwohl ist esmir wichtig noch einmal eines deutlich zu machen: Es kommt nicht in Frage, die Verantwortung,die Schleswig-Holstein als Nachbar Dänemarks ohne Zweifel zukommt, auf BerlinerSchreibtische abzuschieben. Wir sind hier vor Ort die besten Experten und profitierenandererseits direkt von Verbesserung des internationalen Austausches im Gesundheitswesen.Die Landesregierung darf darum in ihren entsprechenden Bemühungen nicht nachlassen.Der SSW betrachtet die Große Anfrage als ein Arbeitsinstrument. Sie liefert die Grundlage fürneue Initiativen oder vertieft Debatten. Sie zeigt aber vor allen in aller Deutlichkeit die aktuelleEntscheidungslage und spricht konkrete Probleme an. Diese sollten wir anpacken.