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Lars Harms zu TOP 21 - Existen sichernde Arbeit gewährleisten - Mindestlohn einführen
Presseinformation Kiel, den 17.09.2009 Es gilt das gesprochene WortLars HarmsTOP 21 & 29 Existenz sichernde Arbeit gewährleisten – Mindestlohn einführen & Umfassende verbindliche Mindestlohnregelung Drs. 16/2827 & 16/2841Unserer Gesellschaft droht schon seit langem eine Spaltung. Die Einkommensunterschiedezwischen den gering qualifizierten Schichten und den gut ausgebildeten Bevölkerungsgruppenwerden immer größer. Die Diskussionen in den letzten Jahren um die Einführung vonMindestlöhnen haben eins immer wieder deutlich gemacht: Wir haben in Deutschland Billig-Jobs und Niedriglöhne, von denen selbst vollerwerbstätige Menschen nicht leben können.Jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland bekommt nur einen Niedriglohn. 1,3 MillionenMenschen verdienten sogar so wenig, dass sie ergänzendes Arbeitslosengeld II beziehenmüssen, um die Existenz für sich und ihre Familie zu sichern. Das sind unhaltbaremenschenunwürdige Zustände, die schon lange nicht mehr tragbar sind. Es macht aberdeutlich, dass die Angst vor Arbeitslosigkeit und dem sozialen Abstieg mittlerweile so groß ist,dass man lieber für einen Hungerlohn arbeitet, als gar nicht. 2Diese Probleme sind die Ausläufer der Hartz-Reform, die eine Verschärfung derZumutbarkeitsregeln für Langzeitarbeitlose und die damit verbundene Tatsache, dassArbeitlose Arbeit in Zukunft annehmen müssen, die unter Tarif bezahlt wird.Dies hat der SSW immer kritisiert, denn Niedriglöhne und Billig-Jobs sind kein Ausweg aus derKrise. Sie wirken sich volkswirtschaftlich negativ auf die Binnennachfrage aus und sind somitkontraproduktiv. Dumpinglöhne sind auch kein Ausgangspunkt für Aufstieg in der Arbeitswelt.Was vor 20 Jahren noch für rund 20 % der Niedriglöhner möglich war, ist heute nur in wenigenFällen gegeben, geht aus einer Studie der Uni Duisburg hervor.Niedriglöhne erhöhen das Risiko der Altersarmut. Die Grundsicherung im Alter, die Bedürftigeüber 65 Jahre bekommen, beträgt derzeit 676 Euro. Um auf eine Nettorente auf diesem Niveauzu kommen, müsste ein Vollzeitbeschäftigter 45 Jahre lang mindestens 9,47 Euro brutto proStunde verdienen und entsprechend Beiträge zahlen. Tatsächlich erhielten westdeutscheNiedriglohnbeschäftigte in 2006 laut Institut für Arbeit und Qualifikation im Durchschnitt6,89 Euro pro Stunde – im Osten waren es nur 4,86 Euro. Damit kann man fürs Alter nichtvorsorgen. Die Folge ist: Selbst bei einem vollen Erwerbsleben, ohne längere Arbeitslosigkeit,werden Geringverdiener im Ruhestand auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Solltesich hier nichts ändern, werden wir in Zukunft Diskussionen um Mindestrenten führen.Gewerkschaften und wohlmeinende Politiker setzen sich bereits seit längerem vergebens fürdie Einführung von Mindestlöhnen ein. Aber die Widerstände auf Seiten der Wirtschaft sowiebei CDU und FDP sind immer noch groß. Mittlerweile wurde aber auch auf deren Seite erkannt,dass Mindestlöhne nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten. Der politische Widerstandhat abgenommen und es wurde wie bekannt auf Bundesebene die Hürde genommen mit derEtablierung der Mindestlohn-Kommission.Die Angst vor Mindestlöhnen ist mehr als unberechtigt. Die Arbeitslosigkeit wird im Zuge derMindestlohneinführung nicht steigen. Das belegen Zahlen aus den Ländern, wo es 3Mindestlohnregelungen seit längerem gibt. Das Gegenteil ist der Fall. In der Krise leistenMindestlöhne einen wichtigen Beitrag zur Stabilität von Lohneinkommen und wirken zugleichals Deflationsbremse.Darüber hinaus ist belegt, dass Unternehmen produktiver sind, wenn Mindestlöhne existieren.Denn es gibt neue Anreize zum investieren: etwa in die Weiterbildung ihrer Beschäftigten oderin neue Maschinen und Abläufe, um die höheren Kosten durch Mindestlöhne wettzumachen.Dabei geht es um die Einführung von Mindestlöhnen in Branchen mit geringer Tarifbindung.Die Einführung gesetzlich geregelter Mindestlöhne ist in der EU kein Einzelfall. Es gibt dort eineganze Reihe Länder mit staatlich festgelegten Mindestlöhnen – die aber extrem variieren.Aber es gibt auch eine ganze Reihe von tariflichen Mindestlöhnen. In Dänemark gibt esMindestlöhne, die von den Tarifpartnern verabredet wurden. Der SSW ist ein Anhänger derTarifautonomie und deshalb befürworten wir einen tariflichen Mindestlohn, der von denTarifpartnern in einer spezifischen Branche verabredet wird. Das ist gut, weil gerade dieTarifpartner die Branche am besten kennen und eine angemessene Höhe für einenMindestlohn setzen können, der weder die Arbeitnehmer noch die Unternehmen über Gebührbelastet. Tarifliche Mindestlöhne müssen in den Branchen eingeführt werden, wo esnotwendig ist. Sie müssen dann für alle EU-Bürgerinnen und Bürger gelten, die bei unsarbeiten wollen. Das wäre aus unserer Sicht die beste Lösung.Der SSW hat die Einführung von staatlich eingeführten Mindestlöhnen immer kritisch gesehenund das tun wir auch heute noch, denn sie untergräbt und schwächt die Tarifautonomie.Darüber hinaus halten wir es für schwierig, dass der Staat für jede Branche eine vernünftigeHöhe für einen Mindestlohn festsetzt.In Deutschland ist dies derzeit aber so nicht hinzubekommen. Daher haben wir bereits vor zweiJahren die Einsetzung einer Kommission gefordert, die Mindestlöhne festlegt. Eine solcheKommission muss mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet sein, damit sie nicht zumPapiertiger wird. Dabei ist wichtig, dass alle Tarifpartner in der Kommission vertreten sind. 4Dass die Kommission sich eingangs überhaupt mit der Prüfung über die Einführung vonMindestlöhnen befasst klingt, schon ein bisschen wie Hohn – angesichts der tatsächlichenSituation. Sie ist ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen.Aufgabe des Hauptausschusses ist es nun zu prüfen, ob in einem Wirtschaftszweig sozialeVerwerfungen vorliegen und Mindestlöhne festgesetzt werden müssen. Über die konkreteHöhe dieser Mindestlöhne verhandelt dann ein Fachausschuss, der sich aus Vertretern desWirtschaftszweigs zusammensetzt.Danach verhandelt dann ein Fachausschuss über die konkrete Höhe der Mindestlöhne.Wichtig ist, dass die Ergebnisse der jeweiligen Fachausschüsse für die jeweilige Branche alsRechtsverordnung erlassen werden.Auch wenn man sich anscheinend schnell über eine Untergrenze von 7,50 Euro einigen könnte,ist aus Sicht des SSW ist eine solche Untergrenze nicht tragbar. 7,50 Euro pro Stunde alsgesetzlicher Mindestlohn sind nicht zeitgemäß. Das hat auch der DGB erkannt und ist vonseiner alten Forderung abgewichen.Die Schere zwischen niedrigen und hohen Löhnen klafft in Deutschland immer weiterauseinander. Eine Studie der Uni Duisburg belegt, dass der Reallohn gerade bei dem amwenigsten verdienenden Bevölkerungsviertel zwischen 1995 und 2006 um fast 14% gesunkenist. Im gleichen Zeitraum ist ein reales Plus von 3,5 % bei Besserverdienenden zu verzeichnen.Zu den Verlierern auf dem Arbeitsmarkt gehören demnach nicht nur Minijobber undTeilzeitkräfte, sondern auch Geringverdiener mit Vollzeitstelle. Am härtesten betroffen sindaber die untersten Lohngruppen. Solche Aspekte müssen auch von der Mindestlohn-Kommission gesehen werden, wenn man wirklich etwas erreichen will. Alles andere ist nurweiße Salbe. 5Die Kommission muss nun entsprechende Lösungen erarbeiten, die den betroffenen Menschenwieder ihre Würde zurückgibt indem ihre Arbeit wieder Wert geschätzt wird und entsprechendentlohnt wird.