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Aktuelle Stunde: Ökonomische Nöte der Menschen nicht politisch instrumentalisieren
Pressemitteilung Nr. 020/2010Kiel, den 24.02.2010Pressesprecher Lars Erik Bethge, Tel. 0431-988 1383Aktuelle Stunde:Ökonomische Nöte der Menschen nicht politisch instrumentalisierenIn der Aktuellen Stunde des Landtags zur Hartz IV-Reform sagte die Vorsitzende der SSW-Landtagsfraktion, Anke Spoorendonk:Es ist eine altbewährte Weisheit der Staatsmänner, dass das beste Mittel, um voninnenpolitischen Problemen abzulenken, ein Krieg nach außen ist. Seit gut zweiWochen ist diese Strategie um eine ganz neue Variante erweitert worden. DerAußenminister lenkt von seinen parteipolitischen Problemen ab, indem er einenpolitischen Krieg im Inland beginnt. In Schleswig-Holstein haben sichProvinzfürsten diesen Konflikt gleich zueigen gemacht, um ihre Fehden zuvollenden – in einem Konflikt, der ohnehin kaum noch Mittel scheut. Wie in jedermaßlosen Auseinandersetzung werden „Kollateralschäden“ in Kauf genommen.Das ist die Gefechtslage. 2Im Interview mit dem Deutschlandfunk bezeichnete Guido Westerwelle dieaktuelle Debatte als "zynisch, wenn diejenigen, die in Deutschland arbeiten, dieaufstehen, die fleißig sind, sich mittlerweile dafür entschuldigen müssen, dass sievon ihrer Arbeit auch etwas behalten möchten." Diese würden immer mehr "zuden Deppen der Nation". Damit schürt der FDP-Vorsitzende den Sozialneid vonNormalverdienern auf das Geld, das Hartz IV-Empfänger vermeintlich fürsNichtstun bekommen.Ich halte wenig von krassen Vergleichen, aber den bescheidenen Abgleich mitseinem Parteikollegen Jürgen W. Möllemann, muss Guido Westerwelle schonaushalten können. Auch er hat sich ehemals des altbewährten demagogischenTricks bedient, sich als vermeintlichen Tabubrecher darzustellen, der doch nur dieWahrheit sagt. Aber die Wahrheit ist, dass die FDP bei weitem nicht die einzigeaufrechte Verfechterin der Leistungsgerechtigkeit ist: ALLE Parteien sind sicheinig, dass das Lohnabstandsgebot richtig ist, dass es gerechter ist, wenn Arbeitsich lohnt. Da es aber nun einmal eines Minimums an Geld bedarf, um inDeutschland körperlich und sozial zu existieren, kann das Niveau nur nie davonabhängen, wie niedrig die Löhne im freien Spiel der Kräfte auf dem Arbeitsmarktsinken können. Die logische Konsequenz aus dem Verfassungsgerichtsurteil istnicht eine entgleiste Debatte über römische Dekadenz unter Hartz IV-Empfängern. Die richtige Konsequenz ist, dass Niedrigeinkommen von Steuernund Abgaben entlastet werden. Und konsequent wäre auch ein Mindestlohn.Unser Sozialstaat hat sich mit den verschiedenen Hartz-Reformen erheblichverändert. Das Risiko des sozialen Abstiegs berührt schon längst auch dieLeistungsbereiten und Leistungsorientierten in der Mittelklasse, als deren 3Fürsprecher die FDP sich ausgibt. Umso verletzender ist es, dass derAußenminister auf die unter Demagogen beliebte „Faulenzer“-Debatte setzt, umwieder innenpolitisches Profil zu gewinnen. Dabei wird verschwiegen, dass SPDund Grüne in ihrer Hartz-Gesetzgebung längst das entsprechendeInstrumentarium entwickelt haben, um Menschen zur Arbeitsaufnahme zuzwingen. Was wir brauchen ist endlich eine echte Kultur des Förderns, die denMenschen Lebensperspektiven aufzeigen. Überhaupt ist es eine absurdeVorstellung, in unserer materialistischen Gesellschaft würden Millionen es als„anstrengungslosen Wohlstand“ schätzen, ein paar hundert Euro im Monat zumLeben zu haben. Für die meisten Menschen bedeutet Arbeitslosigkeit nicht Wohl-stand sondern Verzicht, Ohnmacht, Rückzug, Ausgrenzung und Depressionen. Vordiesem Hintergrund ist Westerwelles Gerede von der „Gewöhnung an dieArbeitslosigkeit“ einfach nur zynisch.Die Wahrheit ist, dass die Chancengerechtigkeit, die Westerwelle denLeistungsbereiten in Aussicht stellt, ein Trugbild ist. Dieses Land befindet sich seitden frühen 1990er Jahren in der Situation, dass es nicht allen Leistungsbereiteneinen entsprechenden Platz zur Verfügung stellen kann. Die Probleme könnenauch nicht durch mehr Marktwirtschaft und Niedrigstlöhne gelöst werden. Eswird so oder so in den kommenden Jahrzehnten Millionen von Arbeitslosengeben, die auf solidarische Hilfe angewiesen sind. Das ist die Wahrheit, zu der wiruns verhalten müssen. Die Frage ist, was uns das Leben der Menschen wert ist, fürdie keine Arbeit da ist. Guido Westerwelle hat uns seine Antwort gegeben: Sowenig wie überhaupt möglich.Damit verhindert die FDP nicht Sozialismus und spätrömische Zustände, sondernverabschiedet sich vom Sozialstaat Deutschland. Westerwelles Vorstoß ist der 4Versuch, einen neuen Verteilungskampf zu entfachen. Parteipolitisch mag ergelingen, aber gesellschaftspolitisch wird er scheitern.Die Debattenbeiträge des Außenministers haben das Niveau eines Regierungs-fliegers: Sie sind extrem laut, schädigen das Klima und schweben kilometerweitüber der Lebenswirklichkeit in Deutschland. Insofern stellt diese angeblicheSozialstaatsdebatte Westerwelles einen Tiefpunkt der politischenDiskussionskultur dar.Es ist mehr als genug, dass der FDP-Bundesvorsitzende die hochsensible Frage derVerteilung des Wohlstands in Deutschland für profane Zwecke instrumentalisiert.Wolfgang Kubicki setzt trotzdem noch einen drauf. Dass Wolfgang Kubicki hatselbst zu denen gehört, die unter der Großen Koalition die Schwächung desParlaments beklagt haben. Jetzt trägt er selbst dazu bei, dieses verheerende Bildfortzuführen. Wer den Landtag als Bühne für politische Hahnenkämpfe benutzt,darf sich nicht wundern, wenn die Zuschauer das Parlament als eineVersammlung von Gockeln auffasst. Nichts ist verheerender als der Eindruck, dassdie Politik die ökonomischen Nöte der Menschen nicht wirklich ernst nimmt undnur für eigene Zwecke instrumentalisiert. Deshalb appelliere ich an alle hier imHause, mit diesem unwürdige Treiben aufzuhören, bevor es verbrannte Erdehinterlässt.“